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Tagesimpulse in der Fastenzeit 2021 - Gedanken zum Römerbrief - 17.2.2021

 Röm 1,1-7:  Paulus stellt sich vor - Die Visitenkarte des Apotels -

Hinführung und Einleitung zum Römerbrief

(Sven Johannsen, Pfarrer)

 Einleitung.pdf

Rom - die ewige Stadt, die Heilige Stadt, die Stadt der römischen Kaiser und Päpste.

Kolosseum, Forum Romanum, Petersplatz, „dolce Vita“ am Trevi-Brunnen, Rotwein auf der Spanischen Treppe, sinnenfroher Glaube, hautnah erlebbare Antike und südliche Lebensfreude: Für jeden Bewohner der Regionen nördlich der Alpen ist Rom ein Ort der Sehnsucht, egal ob frommer Pilger, kulturbeflissener Spurensucher oder „normaler“ Tourist.

Was aber sucht der Apostel Paulus in der damaligen Hauptstadt des nach ihr benannten römischen Reiches? Kommt er als Pilger oder als kulturbeflissener  Tourist? Will er vielleicht am Kaiserhof Karriere machen?

In der Fastenzeit werden wir den wichtigsten Brief des Apostels Paulus, gerichtet an die Christen in Rom, lesen und so erfahren, welche Beweggründe ihn in die Hauptstadt des römischen Weltreiches ziehen. Der Römerbrief hatte entscheidenden Einfluss auf Martin Luther ausgeübt. Generationen von Theologen haben sich an ihm abgearbeitet, so auch Karl Barth. Er besitzt Sprengkraft und will auch heute noch zu uns sprechen. Vielen Christen erscheint er aber in seinem Denken zu dicht und kompliziert, so dass der Zugang schwerfällt. Tag für Tag (mit Ausnahme der Sonntage) dringen wir tiefer ein in die wohl durchdachteste Schrift des Neuen Testament.

Zunächst aber ist der Text nur zu verstehen aus der Situation des Paulus.

Er hat im griechischen Raum viele Gemeinden gegründet, in Rom aber ist das Christentum schon vor ihm angekommen. Wahrscheinlich haben Juden aus Israel, die zum Glauben an Jesus kamen, die Botschaft in die zahlreichen jüdischen Gemeinden in Rom gebracht. Jedenfalls wissen wir von antiken Autoren, dass es Streit gab um einen gewissen „Chrestos“ (Christus) und Kaiser Claudius deshalb die Juden 49 n. Chr. aus der Hauptstadt auswies. Paulus lernt in Griechenland das Ehepaar Aquilla und Priscilla kennen, die zu dieser Gruppe gehören. Nach dem Tod des Kaisers kehren viele Christen mit jüdischen Wurzeln zurück. Mittlerweile aber wuchs die christliche Gemeinde durch Menschen, die keine Juden waren, aber sich stark mit der Bibel und der jüdischen Tradition beschäftigt hatten und „Gottesfürchtige“ genannt wurden. Als Paulus im Frühjahr des Jahres 56 n. Chr. in Korinth auf sein bisheriges Wirken schaut, erkennt er, dass seine Aufgabe im Osten erledigt ist und er zu einer neuen Mission gesandt ist. Er will das Evangelium von Jesus Christus bis an die Grenzen der Erde tragen, die für ihn im Westen mit Spanien identisch sind. Sein eigentliches Ziel ist also nicht Rom, sondern Spanien. Rom aber soll ihm als Basisstation dienen, von der aus er seine Verkündigung vorbereiten und organisieren will. Dazu möchte er die Mithilfe der christlichen Hauskirchen in Rom gewinnen. Aber in Rom hat man allerlei Gerüchte über ihn gehört. Man unterstellt ihm, dass er den völligen Bruch mit Israel und der jüdischen Religion will. Weil er also nicht unumstritten ist im Urchristentum, sieht er Erklärungsbedarf im Blick auf seine Verkündigung.  So möchte er die Christen in Rom, deren Gemeinde er nicht gegründet hat, für sich gewinnen und sich ihnen als Person und Verkünder vorstellen. Bereits im Briefkopf wird dieses Anliegen deutlich:

1 Paulus, Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert, das Evangelium Gottes zu verkünden, 2 das er durch seine Propheten im Voraus verheißen hat in heiligen Schriften: 3 das Evangelium von seinem Sohn, der dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids, 4 der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten, das Evangelium von Jesus Christus, unserem Herrn. 5 Durch ihn haben wir Gnade und Apostelamt empfangen, um unter allen Heiden Glaubensgehorsam aufzurichten um seines Namens willen; 6 unter ihnen lebt auch ihr, die ihr von Jesus Christus berufen seid. 7 An alle in Rom, die von Gott geliebt sind, die berufenen Heiligen: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

 

Scheinbar sehr formell eröffnet er den Brief, wenn er in den ersten acht Versen sich wie mit einer Visitenkarte vorstellt. Er folgt einer festgelegten Form, bringt aber auch hier schon eigene Anliegen ein. Statt des in der römischen Kultur üblichen „Salve“ („Gruß“) wünscht Paulus „Friede“, den jüdischen Gruß „Schalom“, also die Erfahrung eines umfassenden Heils von Gott her.

Vor allem fällt seine ausführliche Selbstvorstellung auf. Auf drei Funktionen verweist er: „Diener Christi Jesu“, „berufener Apostel“ und „ausgesondert für das Evangelium“. Er will nicht mit Titeln prahlen, sondern zeigen, in wessen Namen und Auftrag er handelt. Er vertritt als sein Abgesandter rechtmäßig den Herrn bei der Weitergabe der frohen Botschaft. Wie einst Jeremia, der im Mutterleib schon zum Propheten für die Völker bestimmt war, ist er ausgesondert als Apostel für die Völker, denen er das Evangelium bringen soll. Er lässt keinen Zweifel daran, dass seine Botschaft das Evangelium Gottes ist, das von seinem Handeln spricht, in den heiligen Schriften Israels gründet und die gute Nachricht vom Sohn Gottes bringt.

Es ist gut vorstellbar, wie erstaunt und vielleicht beeindruckt die Christen in Rom waren, als sie diesen Brief zum ersten Mal lasen oder vorgelesen bekommen haben. Aber sicher haben sie auch gespürt, was Paulus ihnen signalisieren wollte. Er kommt nicht, um sich zu verkünden, sondern das Evangelium von Jesus Christus. Das allein, nicht seine Person, rechtfertigt seine Autorität. Der Anfang kann uns schon daran erinnern, dass christliche Verkündigung nie nur eine Meinungsäußerung ist, sondern ein Reden in Vollmacht sein muss. Diese Vollmacht aber gründet nicht in Titeln und Ämtern, sondern allein in der Überzeugungskraft, die aus der Bindung an das Evangelium und den Willen Gottes kommt.

Sven Johannsen, Pfarrer

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