headeroben

Wiedergeburt ist nicht gleich Wiedergeburt

Impuls_10.1.21.pdf

 

„ Ich fühle mich wie neu geboren!“

ist ein Satz, den wir sagen, wenn es uns gut geht. Wenn wir uns wohlfühlen, wenn wir das Gefühl haben, dass es mit unserer Gesundheit, unserem Glück, unserem ganzen Leben zum Besten steht.

Dann fühlt es sich so an als wäre alles, was man an täglichem Kleinkram, an Belastungen, Streit und schlechten Erfahrungen hat, wie weggewischt.

Man kann aufrecht stehen. Frei Atmen.

Man fühlt sich gestärkt und getragen von positiven Gefühlen. Alles scheint neu und gut zu sein.

Man will nicht mehr die alten Lebensfehler machen, nicht mehr in den gleichen Trott kommen und sich nicht mehr über die selben Dinge ärgern.

Meistens hält diese Hochstimmung, dieses Gefühl eines neuen Lebens nicht lange. Aber ich denke, wir alle kennen es und wir alle freuen uns darüber, wenn wir es erleben.

 

Vielleicht kommt aus dieser Erfahrung auch der Wunsch so vieler Menschen nach einem Glauben an die Wiedergeburt, an einen großen ewigen Kreislauf.

Die Vorstellung, nicht nur mental, sondern tatsächlich ein neues Leben anfangen zu können. Alte Gefühle, Erfahrungen und Fehler auf dem Lebensweg zu überwinden, um Glück zu erfahren, übt heute auf viele Menschen eine große Faszination aus. Viele Menschen wenden viel Zeit, viel Energie und nicht zuletzt auch viel Geld dafür auf, ihren Glauben an eine Wiedergeburt auszudrücken, herauszufinden, wer man früher war und die Fehler, die man im alten Leben, an das man sich ja leider nicht mehr erinnern kann, gemacht hat, nicht zu wiederholen. Vielleicht ist es eine verlockende Vorstellung.

Aber für mich hat diese Vorstellung zumindest einen ganz großen Fehler:

 

Und zwar die Vorstellung, man könne sich selbst erlösen. Der Glaube, man durchlebt ein Leben in allen möglichen Zeiten und Gestalten so lange, bis man es geschafft hat, ein perfektes Leben abzuliefern. Das ist für meine Gedanken etwas Unmögliches. Jeder von uns kennt sich, jeder von uns weiß, dass er nicht perfekt ist … und wer sich für perfekt hält oder gehalten wird, macht entweder sich, den Anderen oder sowohl sich und den Anderen etwas vor. Wir können gut in etwas sein, wir können auch gut handeln, egal ob in einer Fähigkeit, einer Wissenschaft oder auch in einem Anspruch. Das können wir schon und danach können und sollen wir auch streben, aber absolut fehlerfrei - das kann kein Mensch für einen Lebensbereich sein, geschweige denn für mehrere.

So ist es eigentlich eine grausame Vorstellung, dass man solange immer und immer wieder leben soll, bis man etwas erreicht hat, wozu man eigentlich nicht in der Lage ist. Ich stelle mir das so vor, wie wenn ich ein hochkompliziertes Bild mit unzähligen Details nachmalen soll und ich muss es solange wiederholen, bis ich es tatsächlich schaffe, alles, aber auch wirklich alles perfekt zu kopieren.

 Auch fehlt mir hier die Freiheit der Entscheidung für oder gegen etwas. Wenn es etwas Perfektes gibt, das mich zwingt, immer wieder zu leben, bis ich diesem Perfekten absolut ähnlich bin, bleibt kein Raum mehr für Fehler, Eigenheiten oder Entscheidungen. Dann gibt es nur richtig und falsch. Keine Individualität mehr. Denn Individualität kann zwar schön sein, ist aber somit auch immer einzigartig oder zumindest selten.

Wir als Christen glauben nicht an eine immer sich wiederholende Wiedergeburt. Wir glauben an ein ewiges Leben in und bei Gott. An eine Erlösung von Sünde, Tod und Leiden, aber nicht an die Wiedergeburt.

 

Aber auch wir Christen werden wiedergeboren.

Im Wasser und im Heiligen Geist.

In der Taufe.

Und genau das ist das Besondere: Wir müssen nicht warten bis wir sterben, um wieder geboren zu werden; in der Taufe werden wir neu geboren und bekommen von Gott in diesem Moment alles zu unserer Erlösung geschenkt. Alle Liebe und alle Gnade Gottes geht auf uns über. Wir treten in Beziehung zu Gott. Wir werden seine Kinder. Wir bleiben Freie und bleiben selbstverantwortliche, aber beschenkte Menschen.

Wir können und müssen uns in unserem Leben entscheiden wie wir diese Liebe und Gnade erhalten und pflegen. Wir können uns auch dagegen entscheiden, wie jeder von uns ein Geschenk auch ausschlagen oder wegwerfen kann. Aber geschenkt bekommen haben wir es zuerst einmal.

 

Die Wiedergeburt in der Taufe aus dem Glauben ist etwas Hoffnung machendes und Schönes. Etwas, was für meine Empfindungen schöner ist als die Last eines ewigen sich wiederholenden Lebens voller Fehler.

Unser Leben hier auf Erden ist einmalig und Gott vollendet es aus und mit seiner Liebe.

 

So wünsche ich Ihnen am Fest der Taufe des Herrn viel Freude an ihrem Glauben an Gottes erlösendem Handeln.

 

Ihr Kaplan Frank Elsesser

­