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Komm´ doch mal rüber!

Von Christian Nowak, Pfarrvikar

 Nachdem die Kontakteinschränkugen behutsam gelockert und bedingt Möglichkeiten der Begegnung eröffnet worden sind, erzählte mir jemand, dass er seine Nachbarin folgendermaßen einlud: „Komm´ doch mal wieder rüber!“ Ähnliches lässt sich auch im Garten oder auf angrenzenden Grundstücken beobachten: „Komm´mal bitte rüber und hilf mir hier grad!“ Was bei guter Nachbarschaft gerade eben noch so selbstverständlich war, wurde in letzter Zeit unmöglich. Umso schöner klingen jetzt solche Worte, weil man sie für den Alltag neu und wieder schätzen gelernt hat. „Komm herüber!“ - da steckt eine Einladung drin. „Hilf mir!“ - hier wird eine Bitte formuliert.

Im Auszug aus der Apostelgeschichte (Apg 16,1-10), der im katholischen Gottesdienst heute verlesen wird, erhält der Apostel Paulus mit fast den gleichen Worten eine Einladung, die mit einer Bitte an ihn herangetragen wird. Nachdem er bereits weite Strecken im Dienste der Mission zurückgelegt hat, befindet er sich in der kleinasiatischen Stadt Troas. Dort hat er nachts eine Vision, von der in der Apostelgeschichte (Apg 16, 9-10) berichtet wird:

 

„Dort hatte Paulus in der Nacht eine Vision. Ein Mazedonier stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien, und hilf uns! Auf diese Vision hin wollten wir sofort nach Mazedonien abfahren; denn wir waren überzeugt, dass uns Gott dazu berufen hatte, dort das Evangelium zu verkünden.“

 

„Komm herüber nach Mazedonien“ - eine nachdrückliche Einladung; „und hilf uns!“ - eine Bitte. Diese Verse bezeichnen einen gewaltigen Wendepunkt im persönlichen Leben des Paulus und der Ausbreitung des Christentums. Denn in der visionären Gestalt des Mazedoniers ruft der Kontinent Europa den Völkerapostel und bittet ihn um Hilfe, um die Hilfe des Evangeliums. Troas liegt nämlich geographisch in der Provinz Asia in der heutigen Türkei und damit quasi an der Nahtstelle zur römischen Provinz Thrakien, die zum Teil im heutigen Bulgarien und Griechenland lag. Durch diese Einladung überzusetzen auf Neuland, um dort Christus zu verkünden, erhält das Evangelium „Welthorizont“, wie der Theologe Eugen Biser es über diese Textstelle einmal formulierte. Paulus bringt Europa die erbetene Hilfe: er bringt das Evangelium, das Wort Gottes. Er bringt Jesus Christus.

 

Vielleicht betreten wir in, während und nach der sogenannten Corona-Krise auch so etwas wie Neuland - auch kirchlich, im Großen wie im Kleinen. Das ist sicher eine Herausforderung, aber auch eine Chance. Und ich möchte die gleiche Einladung und Bitte aussprechen wie der visionäre Mazedonier und sie eigentlich an den Heiligen Geist gewendet beten, der auch die Reisen des Paulus gelenkt und begleitet hat: Komm herüber und hilf uns! Denn das ist die große Bitte für unseren Kontinent aus der Kraft des Evangeliums Zukunft zu gestalten. Im wahrsten Sinne des Wortes neu-evangelisiert das eigene und öffentliche Leben gestalten. Das ist die Hilfe, um die ich bitte: Komm und hilf uns!

 

Es grüßt Sie herzlich

Ihr

Pfarrvikar Christian Nowak

Geistlicher_Impuls_16.5.pdf

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