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Ein österlicher Gedanke über das Sehen

 

„Hoffentlich sieht man sich bald wieder mal!“ - so kann man es in letzter Zeit oft am Telefon hören oder in Emails und Textnachrichten lesen. In Zeiten der Kontakteinschränkungen haben sich viele Menschen nicht zu Gesicht bekommen: Kinder ihre Freunde, Enkel ihre Großeltern, Kollegen untereinander und so mancher mehr, Kranke ihre Angehörigen und umgekehrt. Gott sei Dank erscheint endlich Licht am Ende des Tunnels. Es wächst die Freude darüber, sich mehr und mehr wieder von Angesicht zu Angesicht sehen zu können.

Aber auch in normalen Zeiten möchte ich gern in das Gesicht meines Gegenübers sehen können, wenn ich mit ihm spreche. In der Kommunikation kann meiner Meinung nach nichts Gesicht und Stimme in realer und persönlicher Begegnung ersetzen. Denn so entsteht Beziehung.

Ein Gesicht erzählt von diesem Menschen, seinem Leben, oft von seiner Herkunft oder seinem Schicksal. Durch das Gesicht kann man manchmal in Herz und Seele blicken. In einem Gesicht sieht man Freud und Leid, Liebe oder Trauer. Ein Gesicht kann abschrecken, man kann sich aber auch in es verlieben. Zweifelsohne: durch das Sehen eines Gesichtes, durch das Blicken in ein Angesicht hinein lernen wir jemanden kennen und treten mit ihm in Kontakt.

Darum geht’s heute auch in der Frohen Botschaft (Joh 12,44-50) der katholischen Messliturgie. Theologisch komplex - wie immer im Johannesevangelium - ist für mich der Zentralsatz Jesu: Wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat! Was für eine Aussage! An anderer Stelle sagt Jesus: Wer mich sieht, sieht den Vater. (Joh 14,9)

 

Da lesen wir:

In jener Zeit 44 rief Jesus aus: Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat, 45 und wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat. 46 Ich bin das Licht, das in die Welt gekommen ist, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibt.

 

Wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat – im Gesicht Jesu entdecke ich die Züge des Vaters im Himmel. Ich kann in Gottes Gesicht blicken und den erkennen, der Jesus gesandt hat. Hinter diesem Gedanken steht die im alten Orient und in der gesamten damaligen Welt vertraute Vorstellung des Boten. Der Bote überbringt nicht bloß die Botschaft dessen, der ihn gesandt hat. Der Bote referiert nicht, was der Sender ihm aufgetragen hat, sondern er repräsentiert ihn. Er macht ihn gegenwärtig. Der Bote ist der Mund dessen, der ihn gesandt hat.

Wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat. Das ruft Jesus, und er fasst damit in einem einzigen Gedanken zusammen, wie das Johannes-Evangelium die Rolle des Sohnes Gottes darstellt. Jesus, der Sohn, ist von seinem Vater in die Welt gesandt. Er ist von Gott in die Welt gesandt, um uns Gott zu zeigen, ihn uns bekannt zu machen. Das heißt, ihn zu offenbaren. Er ist in die Welt gesandt als Gesicht Gottes: Wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat. In Jesus zeigt uns Gott sein Gesicht.

 

Frohe Ostertage wünscht Ihnen

Ihr

Pfarrvikar Christian Nowak

Geistlicher_Impuls_6.5.2020.pdf

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