headeroben

"Kleiner Herr" 

1._Januar.pdf

Der 2005 verstorbene Poet Hans Dieter Hüsch hat zur Jahrtausend-wende eine Weihnachtsfürbitte formuliert, deren Inhalte gut zum Beginn eines neuen Jahres passen. Er betet:

 Kleiner Herr,
der du gekommen bist im Elend,
wir bauen auf Dich
und deine Zukunft
und schenken dir
unser ganzes Vertrauen.

Wir warten auf Dich,

bis du groß und allmächtig bist,

alle Welt übersiehst,

und überall die Liebe als Statthalter einsetzt,

damit das Kommende für uns ertragbar wird

und das Jahrhundert keine Schreckenskammer.

Ich wünsche mir eine Welt der Stille,

mit einer sanften Gesellschaft,

die zufrieden und glücklich Anfang und Ende erlebt.

 

„Großer Gott, wir loben dich“ , so erklang es am Abschluss des gestrigen Silvestergottesdienstes in unserer Kirche als Improvisation des Kantors auf der Orgel. Heute geht es plötzlich weiter mit der Anrede „Kleiner Herr“. Das klingt ein wenig spöttisch und abwertend, sind wir doch gewohnt, Gott mit den Kategorien „groß, allmächtig, ewig, gewaltig usw.“ zu verbinden. „Kleiner Herr“, das erinnert an die liebevoll-ironische Bezeichnung „Kleiner Mann“ für Jungen, die mehr wollen als sie vermögen. „Gott, der kleine Herr“ – beim ersten Hören klingt das verniedlichend, ja gar so, als ob wir ihn nicht recht ernst nehmen wollten. Schaut man aber auf die Kirchliche Bedeutung dieses ersten Tages des neuen Jahres, dann scheint es doch die rechte Anrede für den Gott, dessen Segen wir am Jahresanfang erbitten.

Wir feiern den Oktavtag von Weihnachten, also noch einmal das Hochfest der Geburt Jesu. Über dem neuen Jahr steht nicht der gewaltige Schöpfergott, sondern ein ohnmächtiges Kind. Die göttliche Macht die uns heute aufscheint ist nicht Gewalt und großer Glanz, sondern das Lächeln eines Kindes, dem man eigentlich gar nicht viel zutrauen mag. Auf ihn bauen und auf ihn sein ganzes Vertrauen setzen, können nur diejenigen, welche wie die Hirten sich auf den Weg machen, das Kind zu suchen und in ihm die Wende der Zeiten zu entdecken.

 

„Kleiner Herr, kleiner Gott“, das entspricht wohl auch dem Lebensgefühl vieler Zeitgenossen am Anfang dieses neuen Jahres. Wir sind wieder Riesen, groß geworden durch die Möglichkeit eines Neuanfanges, gewachsen durch die vielen guten Vorsätze und Ziele, die wir in Gedanken schon verwirklicht sehen, bei denen Gott eben nur eine kleine Rolle spielt. Für viele Menschen ist diese erste Zeit eines neuen Jahres bestimmt durch das Gefühl, alles zu können und zu vermögen. Aber wir wissen: vieles wird sich im Laufe dieses Jahres verlieren, wir machen unsere bitteren Erfahrungen, erleben, wie mühsam mancher Erfolg errungen werden muß und wie oft es beim Bemühen bleibt. Das Jahr wird uns sicher auch viel Kraft und manche Illusionen kosten. Wir werden Energie brauchen, um mit manchen Schlägen fertig zu werden; und wir werden am Ende wieder etwas gebeugter gehen von des „Jahres Last“, deren Wandlung in Segen wir in 12 Monaten wieder vom Herrn erbitten werden. Dann aber besteht die Hoffnung, dass auch in diesem Jahr der kleine Herrn in unserem Leben wachsen kann, wie es Hüsch schreibt, „bis du groß und allmächtig bist, alle Welt übesiehst und die Liebe als Statthalter einsetzt, damit das Kommende für uns ertragbar wird.

 Nicht nur Vorsätze und Hoffnungen prägen dieses kommende Jahre, auch Ängste schwingen mit. Die Krise der Welt ist noch lange nicht zu Ende. Sorgen um das eigene Wohlergehen und das der anderen Menschen werden uns noch in den nächsten Monaten begleiten. Wir werden in der Pandemie, die wir vom letzten Jahr erben, noch viele Trauerfälle beklagen. Aber auch persönliche Herausforderungen durch Umbrüche im Leben, durch Streit und Veränderungen in Beziehungen haben sich nicht am Silvesterabend verabschiedet, sondern gehen mit uns in dieses neue Jahr.

So wird die Bitte „damit das Kommende für uns ertragbar wird,“ für viele von uns verständlich: Es muss ja gar nicht so erfolgreich sein, es muß uns keinen Lottogewinn bieten. Es ist dann ein gutes Jahr, wenn es lebbar, ertragbar sein wird: Für viele ist das gleichbedeutend mit „gesund“. Das ist sicher ein wichtiger Wunsch für das Kommende Jahr, aber es sei auch gefragt: Kann das Jahr nicht auch ein gutes Jahr werden, wenn ich die Kraft habe, mit Schlägen umzugehen und sie zu bewältigen weiß? Ertragbar, das meint nicht einfach das Glück, irgendwie heil durchgekommen zu sein, sondern den Rückhalt des eigenen Glaubens zu erfahren, der einen das Leben immer wieder neu bejahen lässt. Wünschen wir uns das: Kraft zum Leben aus dem Glauben an den Herrn, der das Leben mit uns teilt.

 

Das wünsche ich Ihnen

Sven Johannsen, Pfarrer

­