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Die sixtinische Madonnain Dresden

 Von Pfarrer Sven Johannsen 

 

Es ist schon ein wenig verwunderlich:

Das schönste Marienbild Deutschlands findet man ausgerechnet im Kernland der Reformation, die Sixtinische Madonna in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden. Raffael, der am 6. April 1520, also vor 500 Jahren, nach einer kurzen Krankheit im Alter von 37 Jahren starb, malte sie 1512 / 1513 für die Klosterkirche San Sisto in Piacenza. Sie wurde also nicht für den Dresdner Hof geschaffen, sondern kam erst mehr als 200 Jahre für die unvorstellbare Summe von 25.000 Scudi romani an die Elbe. Letztlich haben wir es dem Kunstsinn der sächsisch-polnischen Könige zu verdanken, dass das Bild eines der drei Superstars der italienischen Renaissance in unserem Land seine Heimat gefunden hat. Die Legende erzählt, dass August III seinen Thron im Residenzschloss beiseite geschoben und ausgerufen habe: „Platz für den großen Raffael!“. Ihre Bedeutung für Dresden kam man getrost mit der der Mona Lisa für den Louvre in Paris vergleichen. Manche Legende will, dass Gott dem Raffael im Traum erschienen sein soll, um ihm die Inspiration für das Bild zu vermitteln. Eine schöne Anekdote.

Auch wenn die beiden Engel am unteren Rand des Bildes sicher weltweit das bekannteste Detail sind und gerne auch in der Werbung platziert werden, ist doch das gesamte Bild mit einer theologischen Botschaft verbunden und, so Stephan Koja, der Leiter der Gemäldegalerie, „eine Reflexion über die Erlösung, über die Erlösungstat Jesu und die Rolle, die Maria dabei spielt.“

 

Sie trägt Christus aus der himmlischen Sphäre in die irdische. Darin wird Maria zur Typologie der Kirche: Der Auferstandene Herr will durch sein Wort, durch die Sakramente und das Tun der Kirche berührbar und spürbar bleiben für die Menschen. Maria trägt auf dem Bild Christus vor sich her. Sie verstellt nicht den Blick auf ihn, indem sie sich in den Vordergrund drängt. Kirche hat sich nicht zwischen Christus und die Menschen zu stellen und so den Blick von ihm abzulenken. Sie hat immer nur den einen Zweck, die Menschen zu Christus zu führen und ihren Blick auf ihn zu lenken.
Ursprünglich, das merkt man den Gesichtern noch an, war es als Bild über dem Hauptaltar dem Kreuz über dem Chorbogen der Klosterkirche gegenüber angebracht. Maria und Jesus gehen also auf das Kreuz zu, haben es im Blick. Die Überlieferung der Evangelien belegen uns die Treue Mariens bis zum Kreuz und zur Auferstehung. Die Kirche hat dem Gebot Christi treu zu bleiben, auch dann wenn es unbequem wird. Kirche ist dem Willen Christi, auch wenn er das Kreuz einschließt, mehr verpflichtet als der Meinung von Menschen.
Auch darin ist uns Maria ein gemeinsames Vorbild.
Für katholische Christen ist der Monat Mai eng mit dem Denken an Maria verbunden. Wir betrachten ihr Leben und ihre Bereitschaft, sich von Gott in Dienst nehmen zu lassen, um uns so enger mit Christus verbinden zu können. Auch Martin Luther kann bei aller Abgrenzung zu einer übertriebenen Marienverehrung diese Dimension an Maria schätzen, wenn er in einer Auslegung des Magnificats das Vorbild Mariens beschreibt: "Maria rühmt sich nicht ihrer Würdigkeit noch Unwürdigkeit, sondern allein des Ansehens Gottes, der so übergütig und übergnädig ist, dass er auch eine solche geringe Magd angesehen hat und so herrlich und ehrenvoll ansehen wollte.“

 Diese Freude vermittelt uns auch die Sixtinische Madonna in Dresden: Mit Maria dürfen wir vertrauen, dass Gott uns in Christus anblickt und uns so Ansehen gibt.

 Ihnen allen einen gesegnete Feiertag

 Sven Johannsen, Pfarrer

Tagesimpuls_1._Mai_2020.pdf

 

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