headeroben

„Die Kirche sei…“  von Kardinal Franz König (1905-2004)

Franz König war von 1956 bis 1985 Erzbischof von Wien und einer der einflussreichsten Kirchenmänner des 20. Jahrhunderts.

Kardinal König war maßgeblich beteiligt an der Vorbereitung und der Durchführung des II. Vatikanischen Konzils. Mehrfach galt er als Kandidat für das Papstamt und war einer der wichtigsten Wegbereiter für die Wahl von Papst Johannes Paul II. Sein Berater während des Konzils war der Theologe Karl Rahner. Kardinal König war ein Mann des Ausgleichs und hat sich zeitlebens sehr bemüht um eine Aussöhnung zwischen Völkern, politischen Positionen und v.a. Konfessionen und Religionen.

Eine Kirche, die mit anderen Positionen in Dialog treten will, braucht mehr als die intellektuelle Bereitschaft einen entsprechenden Stil des Lebens, wie es der folgende Text beschreibt, den er als pfingstliche Meditation 1991 für die Zeitschrift „Stadt Gottes“ verfasste:

Die Kirche Christi sei…

Eine einladende Kirche.

Eine Kirche der offenen Türen.

Eine wärmende, mütterliche Kirche.

Eine Kirche der Generationen.

Eine Kirche der Toten, der Lebenden und der Ungeborenen.

Eine Kirche derer, die vor uns waren, die mit uns sind und die nach uns kommen.

Eine Kirche des Verstehens und des Mitfühlens, des Mitdenkens, des Mitfreuens und des Mitleidens.

Eine Kirche, die mit den Menschen lacht und mit den Menschen weint.

Eine Kirche, der nichts fremd ist und die nicht fremd tut.

Eine Kirche, die wie eine Mutter auf ihre Kinder warten kann.

Eine Kirche, die ihre Kinder sucht und ihnen nachgeht.

Eine Kirche, die die Menschen dort aufsucht, wo sie sind: bei der Arbeit, beim Vergnügen, beim Fabriktor und auf dem Fußballplatz, in den vier Wänden des Hauses.

Eine Kirche der festlichen Tage und des täglichen Kleinkrams.

Eine Kirche, die nicht verhandelt und nicht feilscht, die nicht Bedingungen stellt und Vorleistung verlangt.

Eine Kirche, die nicht politisiert.

Eine Kirche, die nicht Wohlverhaltenszeugnisse verlangt oder ausstellt.

Eine Kirche der Kleinen, der Armen und Beladenen, Mühseligen und Belasteten, der Scheiternden und Gescheiterten – im Leben, im Beruf, in der Ehe.

Eine Kirche derer, die im Schatten stehen, der Weinenden, der Trauernden, aber auch der Sünder.

Eine Kirche – nicht der frommen Sprüche, sondern der stillen, helfenden Tat.

Eine Kirche des Volkes

(In: Gisbert Greshake u. Josef Weismayer (Hg.) Quellen geistlichen Lebens IV Die Gegenwart, Mainz 1993, S. 178)

König_Die_Kirche_sei._10.6.20.pdf

­