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David Steindl-Rast „Vesper“ - Abendzeit

 12.11.2020.pdf

 „In der Vesper zünden wir feierlich die Lichter an, während sich der Abend herabsenkt. Sie bildet das Gegenstück zur Laudes, der Hore, in der wir das Aufgehen des Tageslichtes feiern.

Für die Vesper haben wir die Werkzeuge weggelegt, unsere Schürze und unser Arbeitsgewand ausgezogen, uns gewachsen und unsere Mönchskutte wieder angezogen. Jetzt kommen wir frisch gekleidet zur Abendfeier bei Sonnenuntergang, wenn es dunkel wird und im Kloster Lampen und Kerzen angezündet werden. Es ist die Stunde des Herzensfrieden, der Gelassenheit.

Die Zeit gleich nach dem Sonnenuntergang hat einen eigenen Zauber. Im Abendlicht werden Bäume, Gestalten, Gesichter „im Schattenriss gegen den trüben Himmel sichtbar“, wie T.S. Eliot sagt. Die Welt scheint einen vollkommenen Rahmen zu haben und ist von einer intensiven Schönheit. Manchmal erglühen die Wolken in allen Farbschattierungen des Wassers und des Feuers noch einmal, auch wenn die Sonne bereits untergegangen ist. Auch Gebäude und Berge leuchten auf, und die Sonne spiegelt sich wie geschmolzenes Gold in den Fenstern weit entfernter Häuser. Es ist eine wundervolle Zeit zum Spazieren, was Mönche oft nach dem Abendessen tun, und für den Gang ins Oratorium, um die Vesper zu singen.

In: David Steindl-Rast; Musik der Stille; Freiburg i. Br. 2015, S. 131

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