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Wohnt Christus wirklich in uns?

Erforscht euch selbst, ob ihr im Glauben steht; prüft euch selbst! Oder erkennt ihr an euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist?“ (2. Kor. 13,5)

Früher gab es Anleitungen zur Selbsterforschung. Das dürfte heute kaum mehr jemandem bekannt sein. Früher wurden vielfach Beichtspiegel verwendet, um das eigene Verhältnis zu Gott zu prüfen. Das ist out. Für viele hat das den Geruch von Bußübungen und einengender kirchlicher Autorität. Dennoch prüfen wir uns heute auch – nur in anderen Formen. Nicht nur Unternehmen ziehen Bilanz und überprüfen regelmäßig ihre Entwicklung. Wir tun dies auch für uns persönlich – zu bestimmten Anlässen, etwa zum Jahreswechsel oder bei einem beruflichen Einschnitt. Oder auch wenn wir, wie jetzt, mehr Zeit haben. Und bewusst oder unbewusst erforschen und prüfen wir uns fortwährend selbst, indem wir mit anderen Menschen zusammenkom-men und uns mit ihnen vergleichen.

Manchmal macht uns das Vergleichen niedergeschlagen: Neid und Minderwertig-keitsgefühle machen sich breit. Es ist äußerst schwierig, mit sich selbst zurechtzu-kommen. Wir schwanken zwischen den Extremen von Selbstrechtfertigung und Selbstverurteilung. Manchmal sind wir härter mit uns als der strengste Beichtspiegel. Manchmal beschönigen wir alles und gaukeln uns selbst heile Welt vor.

Der heutige Lehrtext der Herrnhuter Losung stellt uns die biblische Aufforderung zur Selbstprüfung vor Augen. Sie geht einen nüchternen Weg zwischen Selbstverherr-lichung und Selbstzerfleischung. Wir sollen uns nicht dauernd kritisch unter die Lupe nehmen. Aber wir sollen auch nicht dahinleben wie die Tiere, die nicht über sich nachdenken. Vor allem sollen wir uns immer wieder der Frage stellen, wie es mit unserem Verhältnis zu Jesus Christus bestellt ist. Stehen wir im Glauben an ihn? Ist da Vertrauen und Wertschätzung in uns ihm gegenüber? Hat er „in uns“ einen Platz? Wohnt und regiert er in unserem Leben?

Diese Fragen sollen wir aushalten. Dabei tun sich freilich schnell Zweifel und Abgrün-de auf: Wer bin ich eigentlich? Bin ich wirklich gläubig? Woran soll ich das erkennen? Wieso sollte Gott mich lieben und als sein Kind annehmen wollen? Doch da gilt es, von der Couch, auf die man sich selbst gelegt hat, aufzustehen: Man kann sich nicht selbst untersuchen und die Antwort geben. Da gilt es sich auf die Zusage Gottes zu verlassen, die wir – außerhalb von uns – im Evangelium hören: „Du bist mein! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.“ Jesus Christus ist die Gabe Gottes an uns, die wir dankbar jeden Tag neu annehmen dürfen.

Gebet:

Herr, enttäusche uns, wenn wir uns und unser Werk selbst überschätzen. Befreie uns aus unseren Rollen, die wir meinen spielen zu müssen und die uns gefangen halten. Bringe zur Entfaltung, was in uns steckt, den du hast in unserem Leben Wohnung genommen.“ (Herrnhuter Losungsbuch)

Dekan Till Roth

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