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„…und wird Eins zu Eins vergolten!“***

Kurzansprache zur Sonntagspflicht 

(C.P. März)

Faschingsdienstag.pdf

Kommt ein Mann zum Kirchenhaus,

sieht wie jeden Sonntag aus.

Schreitet würdig ohne Hast,

blickt so wie’s zum Sonntag passt.

 

Hut und Mantel akkurat,

Schuhe blank, der Schlips gerad’.

Gesangbuch links, wie sich’s gehört,

rechts die Frau, wo sie nicht stört.

 

Drängt zur Tür sich mit Beschwer,

zieht die Frau gleich hinterher,

hindert so, dass man sie grüßt,

und die Andacht ihm vermiest.

 

Schiebt mit zielgenauem Sinn,

sie zum Gabentischchen hin.

Stößt sie an, sich zu bewegen,

und für ihn mit einzulegen.

 

Achtet, dass sie nichts verbummelt,

wenn sie mit der Zange fummelt.

Schiebt sie dann, schon leicht im Schwitzen,

in die Bank, wo stets sie sitzen.

 

Kniet sich hin in voller Breite,

schiebt den Nachbarn auf die Seite,

denn der hat im Kirchgetümmel,

sich auf seinen Platz gelümmelt.

 

Will, da er ihn weggeschoben,

endlich seinen Herrgott loben.

Schützt auch betend jene Seite,

da ihm droht des Nachbarn Breite.

 

Erhebt sich, als die Glocke bimmelt,

rot es im Altarraum wimmelt,

bis er sich erschöpft muss setzen,

um ein wenig zu relaxen.

 

Lässt dann allem seinen Lauf,

nimmt nur noch die Hälfte auf,

schließt die Augen ganz zerdrückt,

ist zur Predigt eingenickt.

 

Aufgewacht an deren Ende,

hört den Ruf er: Jeder spende!

Wirft ein’n Schein ohn’ groß Gedeutel

sichtbar in den Klingelbeutel.

 

Schließt als Zeichen für den Glauben

schlummernd noch einmal die Augen.

Wird erst wach kurz vor dem Schluss,

was erfüllt ihn mit Verdruss.

 

Stellt sich auf zum Segenswort,

drängt noch mal den Nachbarn fort,

dass der nicht ganz ungeniert

seinen Segen mit kassiert.

 

Nach dem Segen ihn beschleicht

das Gefühl, dass es nun reicht.

Geht, schiebt wieselflink die Frau

vor sich aus dem Kirchenbau.

 

Hat ihn, eh’s kapiert die Massen,

unbehelligt schon verlassen.

Kommt zum Kirchenbau heraus,

sieht wie jeden Sonntag aus.

 

Hut und Mantel akkurat,

Schuhe blank, der Schlips gerad’.

Gesangbuch links, wie sich’s gehört,

rechts die Frau, wo sie nicht stört.

 

Denkt an das, was grad gewesen,

fand’s nicht schlecht, doch hoch die Spesen.

Meint, die Orgel war zu laut,

war vom Nachbarn nicht erbaut.

 

Fand die Bank nicht hinternpfleglich

und die Predigt unbeweglich.

Weiß jedoch: was uns hier quält,

einst im Himmel doppelt zählt.

 

Sagt zur Seele: Gräm dich nicht.

Das war uns’re Sonntagspflicht.

Ward getan, so wie wir’s sollten,

und wird Eins zu Eins vergolten.

 

Claus-Peter März

 

Der Verfasser ist Professor für Exegese und Theologie des Neuen Testaments an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt

 

***Mit freundlicher Genehmigung von Claus-Peter März und dem St. Benno-Verlag dem Buch entnommen: Claus-Peter März, Neue Büttenpredigten. St. Benno-Verlag: Leipzig 2005.

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