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"Unsere älteren Geschwister“

von Pfarrer Sven Johannsen, Lohr

Predigt 6. Sonntag der Osterzeit

Heute erinnern sich die katholische Kirche und viele Christen aller Konfessionen an den 100. Geburtstag von Papst Johannes Paul II. Als Karol Jozef Wojtyla wurde er am 18. Mai 1920 in Wadowice, eine Kleinstadt zwischen Krakau und den kleinen Beskiden gelegen, in bescheidenen Verhältnissen geboren. Früh verlor er seine Mutter und seinen älteren Bruder Edmund. In Wadowice lebten damals viele jüdische Mitbürger und ein Leben lang wird der Papst mit jüdischen Freunden verbunden bleiben. Seine Erfahrungen im Miteinander von Christen und Juden bringt er mit großem Engagement während des II. Vatikanischen Konzils ein bei der Erarbeitung der Erklärung „Nostra aetate“ über die nichtchristlichen Religionen. Als erster Papst seit Petrus wird er im April 1986 die römische Synagoge besuchen und die jüdischen Gemeindemitglieder grüßen als „unsere älteren und bevorzugten Geschwister.“ Damals sagte er: „Die Kirche Christi entdeckt ihre ‚Bindung‘ zum Judentum, indem sie sich auf ihr eigenes Geheimnis besinnt“ (vgl. Nostra aetate 4). Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas „Äußerliches“, sondern gehört in gewisser Weise zum „Inneren“ unserer Religion. Zu ihr haben wir somit Beziehungen wie zu keiner anderen Religion. Ihr seid unsere bevorzugten Brüder und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder“. 2000 Jahre hat die Kirche von Rom für diesen Weg vom Vatikan an das andere Tiberufer gebraucht, die längste Reise des Papstes überhaupt. Mit Herzblut setzt sich Papst Johannes Paul II ein für die Verständigung von Christen und Juden. Es wird aber noch Jahre dauern bis der Vatikan und Israel diplomatische Beziehungen aufnehmen. Im Heiligen Jahr 2000, acht Tage nach dem großen Schuldbekenntnis der Kirche, in dem der Papst die „Untreue der Kirche gegenüber dem Evangelium“ eingesteht, besucht Johannes Paul II. das Heilige Land. Einer der Momente, die aus diesen Tagen in lebendiger Erinnerung bleiben, ist sein Besuch in Yad Vashem. Ministerpräsident Ehud Barak und andere Nachfahren von Opfern der Shoa schildern unter Tränen vom Schicksal ihrer Großeltern, Eltern und Angehörigen. Der Papst nimmt den Faden auf und erzählt von seinen jüdischen Freunden. U.a. trifft Johannes Paul eine Frau, Edith Tzirer, wieder, der er als junger Priester im Januar 1945 schon einmal begegnet war. Sie war damals elf Jahre alt und an Tuberkulose erkrankt. Völlig geschwächt lag sie am Zaun eines befreiten Konzentrationslagers. Der junge Priester hob das Kind auf, gab ihr Brot und Tee und brachte sie in Sicherheit. In Yad Vashem mahnt Johannes Paul II, sich zu erinnern, damit so etwas nie mehr passieren könne. Und er fügt an, dass die „Kirche zutiefst betrübt ist… über den Hass, die Taten von Verfolgungen und die antisemitischen Ausschreitungen von Christen gegen Juden, zu welcher Zeit und an welchem Ort auch immer.“

Diese Mahnung verpflichtet uns auch heute in einer Zeit, in der jüdische Gläubige sich nicht mehr sicher fühlen in unserem Land und in Europa. Schnell sind heute Populisten wieder dabei, sich antijüdischer Klischees und Vorurteile in ihren Reden zu bedienen. Als Christen, die sich heute an diesen großen Papst erinnern, können wir nicht anders als uns immer wieder bewusst zu werden, dass es ein Christentum ohne das Judentum nicht gibt. Gott hat die Juden nicht verworfen, wie man es manchmal noch hört. Er ist seinem Volk durch alle Höhen und Tiefen in seinem Bund treu. Und wir dürfen mit Johannes Paul II. in ihnen unsere älteren Geschwister erkennen.

 100_Jahre_Johannes_Paul_II.pdf

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