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Tagesimpuls Apg 6,8-15

Montag_der_dritten_Osterwoche.pdf

8 Stephanus aber, voll Gnade und Kraft, tat Wunder und große Zeichen unter dem Volk. 9 Doch einige von der sogenannten Synagoge der Libertiner und Kyrenäer und Alexandriner und Leute aus Kilikien und der Provinz Asien erhoben sich, um mit Stephanus zu streiten; 10 aber sie konnten der Weisheit und dem Geist, mit dem er sprach, nicht widerstehen. 11 Da stifteten sie Männer zu der Aussage an: Wir haben gehört, wie er gegen Mose und Gott lästerte. 12 Sie hetzten das Volk, die Ältesten und die Schriftgelehrten auf, drangen auf ihn ein, packten ihn und schleppten ihn vor den Hohen Rat. 13 Und sie brachten falsche Zeugen bei, die sagten: Dieser Mensch hört nicht auf, gegen diesen heiligen Ort und das Gesetz zu reden. 14 Wir haben ihn nämlich sagen hören: Dieser Jesus, der Nazoräer, wird diesen Ort zerstören und die Bräuche ändern, die uns Mose überliefert hat. 15 Und als alle, die im Hohen Rat saßen, gespannt auf ihn blickten, erschien ihnen sein Gesicht wie das Gesicht eines Engels.

Impuls:

Tempel, Tora und Land Israel - für weite Kreise im Judentum zur Zeit Jesu bildet dieser Dreiklang das Fundament des Glaubens. Gott selbst hat dem Volk am Sinai durch Mose das Gesetz geben, nach vierzigjähriger Wanderung durch die Wüste in das gelobte Land geführt und ihm die Gegenwart seiner Herrlichkeit im Tempel zugesagt. Es ist leicht nachvollziehbar, dass es Widerspruch geben muss, wenn jemand alle drei Identitätsmerkmale in Frage stellt. Während die Urgemeinde, also die Gruppe um die Apostel, noch die wesentlichen Gemeinsamkeiten wie das Befolgen der Gesetze des Moses behält, scheint die Gruppe um Stephanus, die „Hellenisten“, sehr schnell Kritik an diesen traditionellen Einrichtungen der jüdischen Religion geübt zu haben. Es wird deutlich, dass der Siebenerkreis, den die Apostel zuvor mit der Aufgabe der Versorgung von Witwen und Notleidenden beauftragt hatte, mehr als eine caritative Organisation ist. Stephanus, der mit Philippus schon im Abschnitt zuvor besonders hervorgehoben wurde, war sicher in gleicher Weise wie die Apostel in der Verkündigung tätig. Diese Gruppe der „Griechen“ gerät in Konflikt mit anderen jüdischen Gläubigen. Sehr genau beschreibt Lukas deren Identität. Libertiner waren „Freigelassene“, also Juden, die Pompeius zuvor als Sklaven nach Rom verschleppt hatte. Die übrigen Synagogen dürften ihre Wurzeln in der Diaspora gehabt haben. Unter ihnen findet sich die Gruppe aus Zilizien, der Heimat des Paulus, den Lukas so bereits erstmals einführt. Diese Gläubigen aus Gebieten, in denen das Bekenntnis zum Gott Israels weit mehr Mut verlangte als im „Mutterland“ Israel, werden sich in besonderer Weise angegriffen fühlen, wenn die wesentlichen Einrichtungen in Jerusalem kritisiert werden. Ihre Mittel aber im Vorgehen gegen Stephanus lassen kein Verständnis zu. Nach erfolgloser Diskussion verleumden sie den Erzmärtyrer und schleifen ihn unter Herbeiziehen von falschen Zeugen vor den Hohen Rat. Man fühlt sich erinnert an das Schicksal Jesu, gegen den der Hohepriester Männer zu Falschaussagen anstiftet. Zugleich lässt der letzte Vers, der vom verklärten Aussehen des Stephanus berichtet, auch schon an die Zusage und Mahnung Jesu im Angesicht von Verhören denken: „Denn der Heilige Geist wird euch in der gleichen Stunde eingeben, was ihr sagen müsst.“ (Lk 12,12). Gegen den Heiligen Geist kann aber menschlicher Ungeist nicht gewinnen. Lukas will seinen Lesern aufzeigen, dass Widerstand gegen Gott, seinen Messias und seine Boten sich zwangsläufig in Neid, Lüge und Gewalt verstrickt. Das aber ist nicht nur das Urteil über eine bestimmte geschichtliche Situation, sondern eine allgemein gültige Mahnung, die Traditionen einer Religion nicht gegen den Willen Gottes zu missbrauchen. Wer Gott vorschreiben will, sich Regeln und Gesetze zu unterwerfen, der setzt sich zu jeder Zeit ins Unrecht und kann am Ende den Heiligen Geist doch nicht aufhalten.  

Sven Johannsen, Pfarrer

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