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Wann ist die Frau eine Frau?“ oder Johannes Paul II und die Frauen

 Ein Impuls für Frauen (und Männer) am 19.05.2020

 von Sabrina Peper

„Gerne würde ich mal wieder mehr als Frau und nicht nur als Mutter angesehen werden“, sagte in der vergangenen Woche eine Freundin zu mir. Sie versucht gerade mit ihren zwei Kindern zuhause das Leben zu meistern. Im folgenden Gespräch überlegten wir dann „wann eine Frau eine Frau ist“. Lebt es sich als Frau nur in der Dualität zu einem Mann? Ist man nur eine „echte Frau“, wenn man auch biologische Mutter ist oder kann man auch sonst kreatürlich, also schöpferisch tätig sein? Unweigerlich musste ich an die Schreiben des Heiligen Papstes Johannes Paul II. zum Thema „Frau“ denken.

Mehrfach hat sich das Oberhaupt der katholischen Kirche schon in den frühen Jahren seine wissenschaftlichen Arbeitens als Professor in Krakau und später als Papst in seinen Mittwochskatechesen der Jahre 1979 bis 1984, die später zur sogenannten „Theologie des Leibes“ zusammengefasst wurden, zu diesem Thema geäußert. Besonders hervorzuheben sind die Schreiben „Mulieris dignitatem“ aus dem Jahr 1988 und der „Brief an die Frauen“ aus dem Jahr 1995, den der Papst anlässlich der IV. Weltfrauenkonferenz an die Frauen gerichtet hat. Erklärend anzumerken ist, dass der Papst der Denkweise der Phänomenologie folgt, also der Lehre, die von der geistigen Anschauung des Wesens der Gegenstände ausgeht, die die geistig-intuitive Wesensschau (anstatt rein rationaler Erkenntnis), vertritt.

 

Einen grundlegenden Aspekt über das Frausein, wie Johannes Paul II es sieht und in den Schreiben ausführlich darlegt, möchte ich nun stark verkürzt herausgreifen.

 

Johannes Paul II. bedankt sich in seinem Brief zuerst einmal bei all den Frauen, die sich als Mutter, als Braut, als Tochter, Schwester oder berufstätige Frau für das Gelingen des Lebens und der Gesellschaft einsetzen:

„Dank sei dir, Frau, dafür, dass Du Frau bist! Durch die deinem Wesen als Frau eigene Wahrnehmungsfähigkeit bereicherst du das Verständnis der Welt und trägst zur vollen Wahrheit der menschlichen Beziehungen bei“, so der Papst.

 

„Dank sei dir, Frau, dafür, dass Du Frau bist - es ist also nicht eine Frage nach „wie werde ich eine Frau und wie werden die Erwartungen, die die Gesellschaft und das Umfeld an mich als Frau richtet, erfüllt“ sondern wie kann man das eigene FrauSEIN, oder wie der Papst es nennt „Genius der Frau“, leben. Es sind vier Aspekte, die für ihn maßgeblich zum Frausein dazugehören, die in dem auf das Zitat folgenden Text ausgeführt werden.

 

1. Bereitschaft zu Empfangen

Es war Maria, die den Sohn Gottes empfangen hat. Ihr „Ja“ war geprägt von einer großen Offenheit und Empfänglichkeit für das Wirken Gottes. Wie Maria sind alle Frauen eingeladen, ihre Fähigkeit zum Empfangen sowohl physisch, kulturell, als auch geistig zu leben. Neben der körperlichen Fähigkeit neues Leben hervorzubringen, muss auch das Herz, das Wesen und die Seele von einer Offenheit bzw. der Bereitschaft zur Empfängnis geprägt sein.

Diese Bereitschaft wird auch als Grundlage aller anderen weiblichen Wesenszüge angesehen. Die Frau erkennt so in jedem menschlichen Leben etwas einzigartiges, unwiederholbares, ja etwas absolut erstaunliches. Die Selbsthingabe der Frau ist ein Geschenk an die gesamte Menschheit. Wenn Frauen mit dem Prinzip des Empfangens in vielen Dimensionen in Einklang leben, blüht die Welt auf und es kommt neues Leben hervor.

(Ein kleiner Tipp für alle Männer, die bisher gelesen bzw. zugehört haben: Diese Bereitschaft zum Empfangen zeigt sich im alltäglichen Leben z.B. darin, dass Frauen gerne Geschenke bekommen. Mit einem Blumenstrauß oder einer anderen kleinen Aufmerksamkeit, bringt man die Augen einer jeden Frau zum Leuchten. ;-))

 

 

2. Sensibilität

Durch die Fähigkeit der Frau neues Leben in sich zu empfangen, ist ihr eine große Feinfühligkeit für das innere Leben von anderen eigen. Viele sehen Sensibilität als Schwäche an, verkennen dabei aber, dass es eigentlich eine Stärke ist. Denn sie ermöglicht hinter die Fassaden zu schauen und die tiefen Sehnsüchte im Herzen des anderen zu erkennen. Die Ausübung dieser Fähigkeit hat schon zu so mancher Veränderung zum Wohl des Menschen in der Gesellschaft und Politik beigetragen wenn sich Frauen für die Schwachen und Unterdrückten in der Gesellschaft einsetzen. Diese Wesenseigenheit bringt die Männer manchmal auch zur Verzweiflung und ist für die Frauen phasenweise ebenso eine Herausforderung. Frau macht sich viele Gedanken und Sorgen und lebt manchmal auch in der Gefahr sich etwas zu viel um den Nächsten zu sorgen und dabei die eigenen Bedürfnisse völlig aus dem Blick zu verlieren. Die weibliche Sensibilität, die oft auch eine Intuition ist, bedarf einer guten Kultivierung und Umsetzung im Leben. Sie ist ein starker Motor um gegen Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch aufzutreten und so die Welt etwas menschlicher zu machen.

 

3. Großzügigkeit

Die weibliche Veranlagung zur Großzügigkeit ist unmittelbar mit den beiden bereits genannten Fähigkeiten der Empfänglichkeit und Sensibilität verbunden. Die Großzügigkeit ist es auch, die die Frau sich weit mehr als nur zur Erbringung der geschuldeten Leistung zur Verfügung stellen lässt.

Eine Frau ist es, die verschwenderisch Jesus mit kostbarstem Öl die Füße salbt und mit ihren Haaren trocknet und uns so zeigt, dass der Wert menschlichen Lebens über allem Materiellen steht. (vgl. Lk 7,36ff). Auch die Geschichte von Martha und Maria stellt uns dies vor Augen. Kritiker, die das Handeln der beiden Frauen nur als Sklavendienst an den Männern ansehen, haben einen wichtigen Punkt nicht begriffen: Durch ihre großmütige Offenheit für den Nächsten ist Jesus in ihrem Haus zu Gast. Er wendet sich ihnen – in der damaligen Gesellschaft völlig unüblich- mit Interesse an ihrem Leben zu und lädt sie zugleich ein, an seinem Werk mitzuarbeiten. Jesus sucht die Gemeinschaft mit den Frauen. Er führt auch tiefsinnige Gespräche mit Martha (vgl. Joh,p 11,21-27) und sieht sie keineswegs nur als Magd. Jesus vertraute auf die Großherzigkeit der Frauen in seinen Bedürfnissen aber auch auf ihre Fähigkeit ihn bei der Erfüllung des Auftrages zu unterstützen. Diese ethisch-soziale Dimension, die so oft im Stillen und ohne großes Aufsehen besonders in den Familien gelebt wird, ist von unschätzbaren Wert. Die Gesellschaft würde gut daran tun, nicht länger Schuldnerin dieser Dimension des Frauseins zu sein und den Wert gebührend anzuerkennen.

 

 

4. Mutterschaft

„Die Mutterschaft steht im Zusammenhang mit der personalen Struktur des Frauseins und mit der personalen Dimension der Hingabe. Man ist allgemein überzeugt, dass die Frau mehr als der Mann fähig ist, auf die konkrete Person zu achten und dass die Mutterschaft diese Veranlagung noch stärker zur Entfaltung bringt“, so der Papst in der Enzyklika Mulieris dignitatem (Über die Würde und Berufung der Frau, 1988).

Die Mutterschaft lässt sich sowohl gefühlmäßig, kulturell und auch geistig verwirklichen. Die Wirkung auf die Entwicklung der Person und der Zukunft der Gesellschaft ist von unschätzbaren Wert. (vgl. Brief an die Frauen, 9.) Die Ausübung der mütterlichen Haltung der Frau trägt wesentlich zur Schaffung einer lebensbejahenden Gesellschaft die durch starken Zusammenhalt geprägt ist, bei. Landläufig drückt man es so aus: „Die Seele der Familie ist die Mutter.“ Und, wer kennt es nicht, dass die Mutter jene ist, die man in der Regel zuerst anruft, wenn der Schuh drückt oder es etwas Freudiges zu erzählen gibt. Oder, dass die Oma einen ganz besonderen Platz im sozialen Gefüge hat, einfach weil sie ist, was sie ist. Auch wenn man keine biologische Mutter ist, kann man diese Dimension wunderbar leben, in dem man seinen Nächsten als konkrete Person in den Blick nimmt und sich fragt: wie kann ich dazu beitragen, dass diese Person sich in ihrem Menschsein, mit den eigenen Talenten und Schwierigkeiten mehr und mehr verwirklicht? Diese Sorge um den Mitmenschen in angemessener Weise trägt zur Verwirklichung des Frauseins bei auch wenn eine biologische Mutterschaft aus welchen Gründen auch immer nicht vorhanden ist.

  Diese -zugegeben sehr knappe- Zusammenfassung des „Genius der Frau“ gibt einen ersten Einblick in die Sichtweise und den daraus resultierenden Umgang des großen Papstes Johannes Paul II mit Frauen. Für einen tieferen Einblick lade ich herzlich zur Lektüre der zitierten Schriften „Brief an die Frauen“ und „Mulieris Dignitatem“ ein. Beide sind kostenfrei im Internet verfügbar.

Auf die eingangs gestellte Frage „Wann ist die Frau eine Frau?“ lässt sich gar nicht mehr anders antworten als „Immer“, da sie, egal in welcher Rolle, sei es als Mutter, Managerin, Lehrerin, Handwerkerin, nie ihre eigene Wahrnehmungsfähigkeit, die ihr qua Existenz zu eigenen ist, ablegen kann. Die große Frage ist eher: wie kann sie die Gesellschaft beeinflussen, damit ihr die Auslebung ihres Frausein mehr und mehr gelingen kann? Und was kann die Gesellschaft und auch die Kirche tun, damit die Frau ganzheitlich wahrgenommen wird?

 Sabrina Peper

Impuls_19.05.2020.pdf

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