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Tagesimpuls in der Fastenzeit  - 22.2.2021

Röm 3,1-8: Der Mehrwert der Berufung oder „Ist Gottes Gericht gerecht?“

  Tagesimpuls_22.2._Röm_3_1-8.pdf

Der Bibeltext:

1 Was ist nun der Vorzug der Juden, was der Nutzen der Beschneidung? 2 Er ist groß in jeder Hinsicht. Vor allem: Ihnen sind die Worte Gottes anvertraut. 3 Denn was macht das schon: Wenn einige untreu wurden, wird dann etwa ihre Untreue die Treue Gottes aufheben? 4 Keineswegs! Gott soll sich vielmehr als wahrhaftig erweisen, jeder Mensch aber als Lügner, wie geschrieben steht: Damit du recht behältst mit deinen Worten und den Sieg davonträgst, wenn man mit dir rechtet. 5 Wenn aber unsere Ungerechtigkeit die Gerechtigkeit Gottes bestätigt, was sagen wir dann? Ist Gott - ich frage sehr menschlich - nicht ungerecht, wenn er seinen Zorn verhängt? 6 Keineswegs! Denn wie könnte Gott die Welt sonst richten? 7 Wenn aber die Wahrhaftigkeit Gottes sich durch meine Unwahrhaftigkeit als groß erwiesen hat und so Gott verherrlicht wird, warum werde ich dann als Sünder gerichtet? 8 Und gilt am Ende das, womit man uns verleumdet und was einige uns in den Mund legen: Lasst uns Böses tun, damit Gutes entsteht? Diese Leute werden mit Recht verurteilt.

Impuls:

Wenn man weiterdenkt, was Paulus im zweiten Kapitel geschrieben hat, könnte man zu dem Schluss kommen, dass Glaube nur rein geistig zu verstehen ist und es keine Rolle spielt, ob man in der Religion Abrahams und Mose verwurzelt ist. Dann aber droht die Gefahr, Glaube zu relativieren und auf die rein innere Ebene eines Menschen zu begrenzen. Nicht zuletzt wären damit die Traditionen und die über 1000jährige Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel bedeutungslos. Um Missverständnissen entgegenzutreten, beginnt Paulus einen Dialog mit einem erdachten Gesprächspartner. Unbestreitbar ist das Volk Israel der erste Empfänger des Wortes Gottes. Das ist der Mehrwert der Berufung der Juden, verbunden mit der besonderen Verantwortung, das Wort Gottes zu bewahren und zu halten.

Diese Ehre gebührt dem ganzen Judentum, unabhängig davon ob einzelne Gläubige den Glauben nicht recht leben oder bekennen. An späterer Stelle wird der Apostel diesen Faden noch einmal aufgreifen und vertiefen (vgl. Röm 9).

In seinem fiktiven Gespräch stellt sich der Apostel nun einem Vorbehalt, den mancher Christ in Rom gegen ihn haben könnte. Paulus denkt nicht vom Menschen her, sondern von Gott. Er bleibt treu und gerecht, gerade dann wenn der Mensch sich als untreu und ungerecht zeigt. In dieser Argumentation erkennt er sofort die Fallstricke, die böswillig ausgelegt werden. Wenn Gottes Größe und Gerechtigkeit sich doch gerade dann zeigt, wenn der Mensch es nicht ist, kann man daraus nicht schließen, dass es von Vorteil (für Gott) wäre, wenn der Mensch Böses tut? Dient das nicht der Ehre Gottes? Zwischen den Zeilen ist ein Vorwurf gegen die Gnadenlehre des Paulus herauszulesen. Es gibt Menschen, die ihm unterstellen, dass er genau das verkünde: „Lasst uns Böses tun, damit Gutes durch Gott geschieht.“ Das ist blanker Zynismus und ein Fehlschluss. Wenn Paulus lehrt, dass Gottes Gerechtigkeit nicht die menschliche Leistung braucht, sondern frei und ungeschuldet geschieht, dann ist das keine Anweisung, Böses zu tun oder so zu handeln. Solche Verleumdungen sind für Paulus gotteslästerlich und ziehen das Gericht nach sich.

Erneut kehren wir zurück zu der wichtigen Unterscheidung, die Bonhoeffer in die Spannung von „billiger“ und „teurer“ Gnade fasst. Wir können uns Gottes Liebe und Gnade nicht verdienen oder erarbeiten, sie werden uns geschenkt. Aber wir tragen die Verantwortung, uns der Zuwendung Gottes würdig zu erweisen.

Sven Johannsen, Pfarrer

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