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Tagesimpuls in der Fastenzeit 2021 - 23.3.2021 - Röm 11,16-24

„Das Bild vom Ölbaum als Mahnung“

oder „geistliche Gartentipps vom Fachmann“

Röm_1115-24.pdf   

Bibeltext:

16 Ist aber die Erstlingsgabe vom Teig heilig, so ist es auch der ganze Teig; und ist die Wurzel heilig, so sind es auch die Zweige.

17 Wenn aber einige Zweige herausgebrochen wurden, du aber als Zweig vom wilden Ölbaum mitten unter ihnen eingepfropft wurdest und damit Anteil erhieltest an der kraftvollen Wurzel des edlen Ölbaums, 18 so rühme dich nicht gegen die anderen Zweige! Wenn du dich aber rühmst, sollst du wissen: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.

19 Nun wirst du sagen: Die Zweige wurden doch herausgebrochen, damit ich eingepfropft werde.

20 Gewiss, wegen des Unglaubens wurden sie herausgebrochen. Du aber stehst durch den Glauben. Sei daher nicht überheblich, sondern fürchte dich!

21 Hat nämlich Gott die Zweige, die von Natur zum edlen Baum gehören, nicht verschont, so wird er auch dich nicht verschonen.

22 Siehe nun die Güte Gottes und seine Strenge! Die Strenge gegen jene, die gefallen sind, Gottes Güte aber gegen dich, sofern du in seiner Güte bleibst; sonst wirst auch du herausgehauen werden.

23 Ebenso werden auch jene, wenn sie nicht im Unglauben bleiben, wieder eingepfropft werden; denn Gott hat die Macht, sie wieder einzupfropfen.

24 Wenn du nämlich aus dem von Natur wilden Ölbaum herausgehauen und gegen die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft wurdest, dann werden erst recht sie als die von Natur zugehörigen Zweige ihrem eigenen Ölbaum wieder eingepfropft werden.

Impuls:

Jeder antike Fachmann für Landwirtschaft hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Der Ölbaum ist seit langer Zeit der natürliche Reichtum der Länder des Mittelmeers. Man unterschied zur Zeit des Paulus zwischen einer wild wachsenden Art und der Kulturform. Um den wilden Ölbaum zu kultivieren, wurden Zweige, die keine Frucht brachten, herausgebrochen und Zweige des edlen Ölbaums eingepropft. Das war eine Technik des Veredelns. Paulus aber beschreibt es gerade umgekehrt: In den edlen Ölbaum werden wilde Zweige eingepfropft. Natürlich will sich Paulus nicht mit den Agrartechnikern seiner Zeit anlegen. Die Zweige des edlen Ölbaums sind die Juden, die Zweige des wilden Ölbaums die Heiden. Der Ölbaum und die Wurzel bezeichnen die Zugehörigkeit zum erwählten Volk Gottes, Israel. Wer also gehört jetzt zu Israel? Nicht nur die Juden, sondern auch die neu eingepfropften Heiden. Auch die, die an Christus glauben, sind jetzt Mitteilhaber an der Wurzel des Ölbaums. Aber darauf, so warnt Paulus, sollen sie sich nichts einbilden. Gott lässt Frucht bringen oder versagt sie. Er pfropft ein, wen er will. Der nichtjüdische Glaubende hat Teil an der Wurzel, aber er trägt sie nicht. Gott hat auch die Macht, die neuen Zweige auszureißen und die alten Zweige einzusetzen. Daher fordert Paulus „Gottesfurcht“ ein, also Demut vor der Gnade Gottes.

Wir haben teil an der Wurzel der Erwählung des Volkes Israels, aber wir ersetzen es nicht. Kein neuer Ölbaum wird gepflanzt, sondern der alte Baum neu fruchtbar gemacht.

Die Bischöfe haben das Bild vom Ölbaum in ihrer Erklärung über das Judentum während des II. Vatikanischen Konzils aufgegriffen und als Bekenntnis für die ganze Kirche formuliert:
„Sie bekennt, dass alle Christgläubigen als Söhne Abrahams dem Glauben nach (6) in der Berufung dieses Patriarchen eingeschlossen sind und dass in dem Auszug des erwählten Volkes aus dem Lande der Knechtschaft das Heil der Kirche geheimnisvoll vorgebildet ist. Deshalb kann die Kirche auch nicht vergessen, dass sie durch jenes Volk, mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten Testamentes empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schößlinge eingepfropft sind (7). Denn die Kirche glaubt, dass Christus, unser Friede, Juden und Heiden durch das Kreuz versöhnt und beide in sich vereinigt hat (8). Die Kirche hat auch stets die Worte des Apostels Paulus vor Augen, der von seinen Stammverwandten sagt, dass "ihnen die Annahme an Sohnes Statt und die Herrlichkeit, der Bund und das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen gehören wie auch die Väter und dass aus ihnen Christus dem Fleische nach stammt" (Röm 9,4-5), der Sohn der Jungfrau Maria.“ (Nostra Aetate 4)

Hinter diese Worte kann kein christlicher Versuch, das Verhältnis zwischen Juden und Christen zu klären, zurück.

Sven Johannsen, Pfarrer

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