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Was hält dich fest? Was bindet dich?

Manchmal fragen sich Menschen, was sie daran hindert dies oder das zu tun, obwohl sie es als richtig, notwendig und sogar als gut erkannt haben. Sie stehen innerlich vor sich selbst und fragen: Was hält mich eigentlich auf? Was hält mich fest? Was bindet mich? Ich glaube, dass dies jedem Menschen so geht. Mir ist es auch schon so gegangen. Oft sind es zumindest nachvollziehbare Gründe: Menschenfurcht oder Unsicherheit in der Abwägung der Faktenlage; vielleicht auch das Zurückschrecken davor, mögliche Konsequenzen zu tragen oder ertragen zu müssen; manchmal ist es auch die Angst vor der eigenen Courage. Es gibt viele Gründe. Das ist nicht schlimm, solange man sich nicht davor ergibt und das gefunden Gute nicht aufgibt, sondern versucht, es weiterhin zu tun. Um sich zu entwickeln, muss man also in den inneren Spiegel schauen und sich Rechenschaft geben über das, was einen bindet, um frei zu werden.

 

Im Abschnitt aus der Apostelgeschichte (Apg 20,17-27), der heute in der Messfeier verlesen wird, finde ich dazu einen interessanten Hinweis. Paulus ist in Milet und lässt die Ältesten der Gemeinde von Ephesus zu sich kommen und zieht Resümee. Ein vordergründig zunächst einmal nicht sehr erfolgreiches, zumindest kein angenehmes. Er berichtet von seinem Dienst unter Tränen, von Prüfungen und Nachstellungen während seiner Reisen um der Frohen Botschaft willen. Dann kündigt Paulus seinen Zuhörern an, wieder nach Jerusalem ziehen zu wollen und sagt folgendes (Apg 20,21-23):

„Ich habe Juden und Griechen beschworen, sich zu Gott zu bekehren und an Jesus Christus, unseren Herrn, zu glauben. Nun ziehe ich, gebunden durch den Geist, nach Jerusalem, und ich weiß nicht, was dort mit mir geschehen wird. Nur das bezeugt mir der Heilige Geist von Stadt zu Stadt, dass Fesseln und Drangsale auf mich warten.“

 

Hier spricht einer, der innerlich ganz frei geworden ist, sodass er so frei-mütig möglichen kommenden Prüfungen entgegen gehen kann. Paulus ist innerlich so frei geworden, weil er - und das ist eine großartige Formulierung! - „gebunden durch den Geist“ ist; eine andere Übersetzung drückt es sogar noch stärker aus: „gefesselt durch den Geist“.

Ist das nicht ein Widerspruch? Nein, ganz im Gegenteil! Denn es ist gerade der Geist der Freiheit, der ihn fesselt und den Apostel so befähigt, unbeeindruckt vor jedem Hindernis, ohne auf persönlich nachteilige Konsequenzen zu achten, den Glauben an Jesus Christus und die Frohe Botschaft von seiner Auferstehung zu verkünden.

Paulus ist innerlich nicht an Furcht oder anderes gebunden, sondern an den Geist; ja, sogar an ihn und sicherlich auch von ihm gefesselt. Dieser Geist verleiht ihm Mut, den Weg für das Evangelium zu bahnen; schenkt ihm Kraft, alles zu ertragen; führt ihn zur Freude.

Der Geist Gottes, auf den wir warten und besonders in diesen Tagen vor Pfingsten sowie in den Herausforderungen eines völlig anderen Alltags erflehen, schafft so auch in uns. Binden wir uns an die Dynamik und Energie Gottes, denn der Geist hilft unserer Schwachheit auf! Und indem wir uns an ihn binden, bindet der Geist uns an Christus, der uns in die Freiheit der Kinder Gottes führt.

Es grüßt Sie herzlich 

Ihr Pfarrvikar Christian Nowak

Geistlicher_Impuls_26.5.2020.pdf

Ihr Pfarrvikar Christian Nowak

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