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Von Johannes Weismantel

Blaukraut-Meditation vom 28.04.2020

Es ist früh, 08:30 Uhr und ich sitze mit 5 weiteren, ungelernten PflanzhelferInnen in einer Reihe auf der Blaukraut-Setzling-Maschine. 11 Stunden Akkordarbeit mit einer Stunde Pause liegen vor uns. Im Sekundentakt dreht sich das Pflanzrad und unsere Aufgabe ist, die 8 Kammern jeweils mit einem kleinen, zarten Pflänzchen und ihren feuchten, kalten Wurzelbällchen zu bestücken, welche wir vorher aus den vor uns liegenden Paletten ziehen müssen. Unaufhörlich dreht sich das Rad… und unsere Gedanken drehen sich mit.

 Bei diesem meditativen Vorgang, der körperlich viel fordert und wir Wind und Kälte hautnah spüren, kreisen die Gedanken um Gott und die Welt. Und der Tag bringt uns HelferInnen zusammen, da wir uns ohne Corona nie kennen gelernt hätten.

 Die Stammgruppe konnte aus Rumänien nicht einreisen. Einzig, Florin, unser Vorarbeiter, der hinter der Pflanzmaschine ausbessert, wo wir eine Kammer leer gelassen, oder ein Pflänzchen daneben viel.

 Kreuz und quer schießen mir Gedanken durch den Kopf – ein ganz alter Gebetsruf aus den Bitttagen kommt mir öfter in den Sinn: „Dass du die Früchte der Erde geben, segnen und erhalten wollest…“ Schweigen, Lachen, Erzählen. Wir 6 sind für heute eine Arbeits- und Lebensgemeinschaft. Wir erzählen von uns, fragen nach.

 Da ist die junge Grundschullehrerin, die in ihrer Freizeit mithilft, um die Pflanzen in die Erde zu bringen. Sie erzählt von ihren Erfahrungen mit Rasenmäher-Eltern und freut sich, dass sie in der Grundschule Kinder unterrichten darf und nicht wie geplant im Gymnasium als Fachlehrerin unterrichten muss.

 Mit in der Reihe sitzt ein junger Mann, der normal jetzt im Urlaub wäre und bei der Kassenärztlichen Vereinigung angestellt ist. Er kennt die Töchter des Bauern, die auch mit auf der Maschine sitzen, und hilft ebenfalls mit aus.

 Und da ist die junge Mitarbeiterin einer Eventagentur, die jetzt in Kurzarbeit ist und wahrscheinlich in wenigen Wochen ihren Job verliert. Was wird aus mir? Wer stellt jetzt ein? Wie soll das Geld reichen?

 Und das Rad tickt weiter im Sekundentakt und verlangt nach Pflanzen…

 Paul, unser Bauer schaut vom Traktor zu uns, ob seine Laientruppe einigermaßen spurt. Reihe für Reihe füllt sich der Acker. „Und wo arbeitest du?², werde ich gefragt. „Bei der katholischen Kirche.“ „Aaahh, ooohh...“ Ich nehme Verwunderung, ein Lächeln und Staunen wahr.. „Und was machst du da so?“ fragt mich eine der jungen Frauen. „Tja“, sage ich nach kurzem überlegen, „eigentlich das gleiche wie hier“!

„Ich darf bei der Aussaat der österlichen Botschaft mithelfen und unterstützen“!

 „Und nach fast 23 Jahren habe ich noch immer Freude daran!“ „Wächst da eigentlich

noch was?!“, kommt die Rückfrage. „Auf jeden Fall, aber darum müssen wir uns,

anders als bei den Pflänzchen hier, nicht kümmern. Gott kennt seine Früchtchen und er mag auch Kraut und Rüben und seine ganze Schöpfung“.

 Und das Pflanzrad dreht sich weiter… nach ein paar Stunden spreche ich mit Muskeln und Knochen an mir, die ich schon in Vorruhestand wähnte.

 Im Takt des Rades und dem Tuckern des Traktors, die für mich jetzt wie eine Gebetsmühle klingen, unterhalte ich mich mit Gott und ich fühle mich sehr gut dabei. Mir kommt das Buch „Jesus für Kleinbauern“ in den Sinn, das ich vor kurzem gelesen habe, mit der Überschrift „Jesus aus Nazareth war ein Kleinbauer und er sprach auch zu seinesgleichen“ von Reinhard Körner.

 Nach 11 Stunden auf dem Rad steigen wir verstaubt, müde und mit noch mehr Muskeln, Sehnen und Knochen bestückt als gedacht von der Maschine ab und sind

aber sowas von stolz, dass wir den Acker mit ca. 4 ha und etwa 90.000 Blaukraut-Pflanzen bestückt haben. Sogar unser rumänischer Vorarbeiter Florin nickt seinen Lehrlingen zu mit einem „Nojoa, wor ja goar nücht soo schlecht...“, empfinden wir als großes Lob.

 Maria, die Bäuerin verabschiedet uns mit einer köstlichen Brotzeit und der Opa des

Hofes gibt uns um ca. 21:00 Uhr den Auftrag mit auf den Weg: „Nachdem ihr jetzt gepflanzt habt, betet auch, dass es bald regnet!“

Und mir kommt der israelische Spruch in den Sinn:

„Es gibt schönes und gutes Wetter: Schönes ist, wenn die Sonne scheint und gutes, wenn es regnet.“ Das gilt heute mehr denn je - dachte ich!

Ja, so sei es:

 „Dass du die Früchte der Erde geben, segnen und erhalten wolltest“. Amen.

 johannes weismantel

Diözesanbüro Main-Spessart

97816 Lohr

2020_04_28_Blaukraut-Meditation.pdf

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