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„Liebe deine Feinde“- oder warum Vergebung sinnvoll ist

„Liebe deine Feinde. Tu denen gutes, die dich hassen. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ All das sind Aufforderungen Jesus an seine Jünger und somit auch an uns.

Zum Ende des Jahres möchte ich mit Ihnen besonders über das Thema „Vergebung“ nachdenken. Auf den ersten Blick scheint der Umgang damit klar zu sein, doch beim näheren Hinsehen ist es eine echte Herausforderung für jeden einzelnen von uns, so war es das auch für Immaculée Ilibagiza, eine junge Frau, die den Genozid an ihrem Volk, den Tutsi durch die Kämpfer des Hutu-Stammes in Ruanda im Jahr 1994 überlebt hat.

Als binnen weniger Stunden nach dem Tod des Präsidenten durch einen Flugzeugabsturz die Verfolgung der Tutsi begann und im Radio zum Abschlachten der Volksangehörigen aufgerufen wurde, gaben die Eltern ihrer Tochter noch einen Rosenkranz zum Abschied mit und schickten sie zu einem befreundeten Pastor. Dieser versteckte sie und noch sieben weitere Frauen in seinem Badezimmer, obwohl er selbst den Hutu zugehörig war. Auch sein Haus wurde von Schergen durchsucht und fast wurden die Frauen, die sich um Schutz ihres Lebens vertrauensvoll betend und flehend an Gott wandten, entdeckt.  Der Krieger, der vor der Badezimmertüre stand, sagte zu dem Pastor, nachdem bereits das ganze Haus ausführlich durchsucht wurde, „Wir vertrauen Dir, Du bist einer von uns“, und entfernte sich vom Badezimmer, ohne die Tür geöffnet zu haben. Immaculée wird dies später in etlichen Interviews ausführlich beschreiben. Sie und die anderen Frauen schreiben dies der Allmacht Gottes zu, der sich um die seinen kümmert, wenn ihn jemand um Hilfe in großer Not anfleht. Um die Zeit im Badezimmer einigermaßen sinnvoll nutzen zu können, baten sie den Pastor ein Radio vor die Tür zu stellen um so auf dem Laufenden zu bleiben. Schreckliche Dingen wurden berichtet und es wurden sogar Listen mit Namen noch zu ermordender Tutsi vorgelesen. Der Pastor gab Immaculée eine Bibel. Sie schlug sie jeden Tag auf und fand immer eine Stelle wie „Liebe deine Feinde“, „Tu denen gutes, die dich hassen.“, „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.

Jedes Mal schloss sie die Bibel wieder und war wütend auf Gott, der all diese Leid an ihrem Volk scheinbar nicht verhindert hat. Ihre Wut und der Ärger nahm jedoch nur zu. Beim Beten des Vater unsers lies sie schließlich sogar die Zeile „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ aus, da sie Gott nicht anlügen wollte, schließlich konnte und wollte sie den Hutu und den Verantwortlichen des Genozids nicht vergeben. Doch mit der Dauer ihres Aufenthalts im Versteck und dem Lesen in der Bibel sowie ihrem täglichen Rosenkranzgebet wurde ihr klar, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: entweder einen Weg des Hasses zu gehen und Vergeltung zu suchen, sobald diese möglich ist, oder den Weg der Liebe, zu der sie durch Jesus täglich aufgefordert wird, zu beschreiten. Sie entschied sich für letzteren und begann um die Kraft zur Vergebung zu beten und die bewusste Entscheidung zu treffen, dass sie ihre Feinde lieben und ihnen ihre Gräueltaten vergeben möchte. Immer wieder musste sie sich diese Entscheidung ins Gedächtnis rufen und ihren Ärger und ihre Wut in die Schranken weisen. Mit jedem Tag, an dem sie ihre Entscheidung erneuerte, spürte sie wie eine Last von ihren Schultern genommen wurde und wie sich ein Gefühl des Friedens und der Freiheit einstellte.

Nach 91 Tagen und der Ankunft der französischen Truppen konnten die Frauen ihr Versteck endlich verlassen. Die junge Tutsi musste feststellen, dass sie als Einzige ihrer Familie den Genozid überlebte und war wieder gefordert, ihren Entschluss den Tätern zu vergeben in die Tat umzusetzen. Nun reist sie durch die Welt um von ihrem Leben und der Tatsache, dass Vergebung und Feindesliebe auch im 21. Jahrhundert möglich ist, zu erzählen. Ein wahrhaftig beeindruckendes Zeugnis.

Doch was ist Vergebung? Warum ist dies so wichtig für uns, dass Jesus uns immer wieder dazu aufruft und noch in seiner letzten Stunde am Kreuz ausruft: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk. 23,34)? Die verschiedenen psychologischen, theologischen und philosophischen Komponenten von Vergebung zu beleuchten würde den Rahmen des Impulses sprengen, daher möchte ich Vergebung hier nur verkürzt definieren: 

Vergebung ist der freiwillige Verzicht auf Vergeltung und Rache bei erlittenem Unrecht. Vergebung bedeutet nicht ein erlittenes Unrecht zu entschuldigen oder zu bagatellisieren. Es bedeutet vielmehr das Unrecht klar zu benennen, und aus dieser Klarheit heraus eine Entscheidung zu treffen, das Unrecht und dessen Auswirkungen nicht (mehr) über das eigene Leben herrschen zu lassen. Wut und Hass können sich sehr destruktiv auf Menschen auswirken. Die Kultivierung dieser Gefühle kann schnell zu Verbitterung führen. Es ist anzumerken, dass Vergebung supererogatorisch ist, das bedeutet, dass man von niemandem Vergebung einfordern oder auch niemanden zur Vergebung verpflichten kann. Vergebung kann nur freiwillig und aus eigenem Antrieb geschehen, wobei ein Anreiz oder eine Anmerkung von außen für die von Unrecht geplagte Person manchmal hilfreich sein kann. 

Welchen Benefit hat man wenn man vergibt und auf das Recht auf Rache verzichtet? Zunächst kann man einen neue Art der Freiheit spüren indem man der erlebten Ungerechtigkeit die Macht über die eigenen Emotionen und Gedanken und das eigene Handeln entzieht. Vergebung setzt zunächst den Vergebenden frei und schenkt ihm neue Handlungsmöglichkeiten. Weiter wird sich eine neue Form von Frieden im eigenen Herzen einstellen und eine gute Grundlage zur psychischen Verarbeitung des Erlebten führen. 

Wissenschaftliche Studien, die von Psychologen in diesem Forschungsfeld durchgeführt wurden, haben gezeigt, dass am Beginn eines jeden Vergebungsprozesses zunächst eine ganz kognitive Entscheidung steht. Der von Unrecht Betroffene trifft die willentliche Entscheidung dem Verursacher von Leid vergeben zu WOLLEN. Einer der führenden Forscher auf diesem Feld ist der US-Amerikaner Robert Enright. Er hat ein 20 Phasen-Modell entwickelt, dass er unter anderem mit Opfern von sexualisierter Gewalt erprobt hat. 

Die vier Hauptphasen sind eine gute Anleitung um selbst Verzeihung zu üben:

  1. bewusstes Durchleben; Zunächst untersuchen wir als Betroffene eine emotionale Wunde, an deren Folgen wir leiden, und durchleben dabei bewusst Gefühle wie Zorn, Trauer oder Hass.
  2. Entscheidung zu verzeihen: Um uns aus der alten Verstrickung zu befreien, entscheiden wir, uns auf das Verzeihen einzulassen, indem wir uns bewusst machen, welche Vorteile damit verbunden sind.
  3. Verständnis für den Täter; akzeptieren – nicht: entschuldigen! – des Unrechts, das einem zugefügt wurde. Wir beginnen, an einer neuen Sicht auf den Menschen zu arbeiten, der uns das Leid zugefügt hat. Wir versuchen, Verständnis zu entwickeln, ohne die Tat zu entschuldigen. Wir lernen, das Unrecht, das uns widerfahren ist, als unumkehrbar zu akzeptieren.
  4. und schließlich der Verzicht auf den Wunsch nach Rache und Reaktionen wie Rückzug, Angriff 

Schließlich enthüllt sich die Erkenntnis, dass es guttut, schmerzliche Gefühle und Verhaltensweisen loszulassen und durch Mitgefühl, Großzügigkeit und Wohlwollen zu ersetzen. 

Dieser Prozess ist anspruchsvoll und schmerzhaft. Manchmal erscheint es eine Zumutung zu sein. Und er braucht Zeit, Zeit mit Höhen und Tiefen, Rückschlägen und Fortschritten. 

Interessanterweise haben nachfolgende Studien ergeben, dass Menschen, die durch einen Prozess des Vergebens gegangen sind, nachweislich weniger unter Traumafolgestörungen, Depressionen, Suizidgedanken leiden. Es kann sich sogar eine gewisse Stärke entwickeln, indem sich frühere Opfer nun für andere einsetzen und so eine Gesellschaft positiv verändern können. 

Nun hat wahrscheinlich keiner von uns Vergleichbares wie Immaculé Ilibagiza erlebt, dennoch  werden wir die ein oder andere Ungerechtigkeit, Verletzung in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen und Missachtung unserer Würde erfahren haben. 

Der Ruf Jesus, unsere Feinde zu lieben und siebzig mal siebenmal jenen, die uns Leid angetan haben, zu verzeihen, ergeht auch heute noch an uns. Letztlich kann man sagen, dass Jesus mit dieser Herausforderung uns selbst etwas Gutes tun möchte. Nichts macht den Menschen glücklicher als Frieden im eigenen Herzen zu spüren. 

Das endende Jahr ist eine gute Möglichkeit zurückzuschauen und bewusst die Entscheidung zu treffen, jenen, die uns durch ihre Taten und Worte verletzt haben, zu vergeben. Auch wir können Jesus im Gebet um Hilfe bitte, damit er uns befähigt und stärkt auch das offensichtlich Unverzeihliche und das was unsere menschliche Kraft nicht zu vergeben mag, dennoch vergeben zu können. Lassen wir uns durch das Zeugnis dieser beeindruckenden Frau, Immaculée Ilibagiza, ermutigen, dass neue Jahr ohne alte Last, Gram und Wut über das Verhalten anderer oder auch unseres eigenen, mit Frieden und Liebe auch für unsere Feinde, zu beginnen.

Einen guten Beschluss und den Mut Vergebung auszusprechen und Frieden im Herzen für das kommende Jahr wünscht Ihnen, 

Sabrina Peper 

 

Quellenangaben:

Ilibagiza, I. (2008): Aschenblüte: Ich wurde gerettet, damit ich erzählen kann, Ullstein Taschenbuch; 8. Edition.

Reed, G. L. & Enright, R. D. (2006). The effects of forgiveness therapy on depression, anxiety and posttraumatic stress for women after spousal emotional abuse. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 74, 920-929.

Enright, Robert D. & Fitzgibbons, Richard P. (2000). Helping clients forgive: An empirical guide for resolving anger and restoring hope , (pp. 65-88). Washington, DC, US: American Psychological Association, xiii, 376 pp.

 

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