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Eine kostbare Bibel

Tagesimpuls_30.7.2020.pdf

Der Vater Gelasios besaß eine kostbare Bibel aus Pergament, und er legte sie, damit jeder der Brüder sie lesen konnte, in die Kirche. Eines Tages kam ein fremder Mönch vorbei, sah die kostbare Bibel, stahl sie und lief fort damit in die Stadt. Dort suchte er einen Käufer und fand schließlich einen Interessenten, dem er sie für sechzehn Goldtaler anbot. Der Mann war sich nicht sicher, ob der Preis für die Bibel wirklich gerechtfertigt war, und sagte: "Gib sie mir, damit ich sie einem Sachverständigen zeigen kann, und dann will ich sie dir zahlen.” Der Mönch willigte ein, und der Käufer begab sich mit der Bibel zu Vater Gelasios.

 

Der Vater sah, daß es seine Bibel war, verlor aber kein Wort darüber, sondern sagte nur: "Kaufe sie, es ist eine gute Bibel und wirklich den Preis wert, den er dir genannt hat.” Der Käufer ging zurück und sagte, weil er einen geringeren Preis erzielen wollte, zu dem Dieb: "Ich habe sie dem Vater Gelasios gezeigt, und der sagte, sie sei wertvoll, jedoch nicht den Preis wert, den du verlangst.” "Und sonst hat er nichts gesagt?” "Nein”, antwortete erstaunt der Käufer. "Dann will ich die Bibel doch nicht verkaufen”, sagte der Mönch, nahm sie und begab sich voller Reue zu Gelasios. Der alte Mann aber wollte die Bibel nicht zurücknehmen. Wie der Mönch ihn jedoch eindringlich bat und sagte: "Wenn Ihr sie nicht zurücknehmt, werde ich niemals meine Ruhe haben”, nahm er sie wieder an sich. Der Mönch aber wurde sein Schüler und blieb bis zu seinem Tode bei ihm.

 

Aus: Öser D. Bünker, Die Güte des Meisters wiegt mehr als ein Berg. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 1998.

 

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