headeroben

Franziskus und die vollkommene Freude

5.10.2020_Franziskus_vollkommene_Freude.pdf

Einst kehrte Franziskus mit Bruder Leo von Perugia nach Portiuncula zurück. Es herrschte ein strenger Winter. Da sprach Franziskus zu Leo: „Wollte Gott, dass die Minderen Brüder der ganzen Welt ein großes Beispiel der Heiligkeit gäben. Und doch wäre dies nicht die vollkommene Freude.”

Eine Weile schwieg Franziskus und fuhr dann fort: „Bruder Leo, wenn der Mindere Bruder auch Blinde heilte, Schwache kräftigte, Teufel austriebe, Tauben das Gehör schenkte, Lahme gehend machte, den Stummen die Sprache gäbe, und, was noch mehr ist, wenn dieser Mindere Bruder selbst Tote, die vier Tage im Grabe geruht haben, wieder zum Leben auferweckte, es wäre dies noch nicht die vollkommene Freude!”

Nach einer erneuten Pause sagte er: „O, Bruder Leo, wenn der Mindere Bruder auch alle Sprachen redete, alle Wissenschaft besäße und sämtliche Bücher kennte, wenn er die Gabe der Weisheit hätte, zukünftige Dinge voraussagte und die Geheimnisse der Gewissen und Herzen durchschaute, das wäre noch nicht die vollkommene Freude.”

Während sie weitergingen, fügte Franziskus hinzu: „Bruder Leo, du Lämmlein Gottes, wenn der Mindere Bruder die Sprache der Engel redete, die Bahnen der Gestirne verfolgte und über alle Kräfte der Pflanzen Bescheid wüsste, wenn er ferner alle Schätze der Erde wüsste, ihm die Eigenschaften aller Vögel und Fische und aller anderen Tiere, der Menschen, der Bäume, der Steine und Wurzeln und zudem der Gewässer bekannt wären, das wäre noch nicht die vollkommene Freude.”

„Und auch”, sagte Franziskus schließlich, „wenn der Mindere Bruder so gut predigen könnte, dass durch seine Predigt alle Ungläubigen zu Christus bekehrt würden: Siehe, Bruder Leo, auch darin bestünde die vollkommene Freude nicht!”

Bruder Leo wusste nun, worin die vollkommene Freude nicht besteht. Sein Interesse zielte aber darauf hin, was denn die vollkommene Freude sei. So bat er: „Franziskus, mein Vater, so sage mir doch endlich um Gottes willen, was denn dann die vollkommene Freude des Minderen Bruders ist!”

Darauf erwiderte Franziskus: „Bruder Leo, wenn wir bei Unserer Lieben Frau von den Engeln in Portiuncula ankommen, durchnässt vom Regen, erstarrt vor Kälte, mit Kot beschmutzt, erschöpft vor Hunger an die Pforte anklopfen und der Pförtner zornig zu uns spricht: ,Wer seid ihr?’, und wir antworten: ,Wir sind zwei von euren Brüdern’, und jener dann sagt: ,Das ist nicht wahr, ihr seid eher zwei Landstreicher, zwei Betrüger, die den Armen das Almosen wegstehlen. Packt euch fort von hier!’ und wenn er uns nicht öffnet, stehen lässt, wir aber diese Misshandlung und Grausamkeit geduldig, ohne deswegen verwirrt zu werden oder uns zu beklagen, standhaft ertragen und noch Gott dafür danken – Bruder Leo, darin besteht die vollkommene Freude!

Und wenn wir nicht müde werden, anzuklopfen; und der Pförtner ganz aufgebracht kommt und uns mit groben Werten und Maulschellen als elende Diebe wegjagt, indem er spricht: ,Haut ab von hier, geht ins Spital, denn von mir werdet ihr weder zu essen noch Obdach bekommen!’ und wir dies alles liebevoll, geduldig und freudig ertragen, dann, Bruder Leo, wäre das vollkommene Freude!

Und wenn wir vor Hunger und Kälte und wegen der nächtlichen Finsternis dennoch gezwungen werden, wieder und wieder zu klopfen, wenn wir rufen, wimmern und um der Liebe Gottes willen flehen, er möchte uns doch öffnen und hineinlassen; und er, noch mehr erzürnt, zu uns sagt: ,Das sind doch rechte Wichte, Schwächlinge, ich will sie loswerden’, einen großen Knüppel nimmt, uns bei der Kapuze packt und von Kopf bis Fuß durchprügelt, indem er uns zu Boden wirft und im Schnee wälzt, wir das alles aber geduldig und freudig aushalten und währenddessen des bitteren Leidens und Sterbens Christi gedenken und so daran Anteil erhalten, Bruder Leo, darin besteht sie, die vollkommene Freude!

Denn: Über allen Gnaden und Gaben des Heiligen Geistes, welche Christus seinen Freunden erweisen kann, ist diese – sein Ich besiegen und aus der Betrachtung der Liebe Gottes die Kraft schöpfen, ohne Murren und freudig Mühen, Unbilden, Schmähungen und Missgeschicke zu überstehen. Bei allen anderen Gaben können wir uns nicht rühmen, weil sie nicht unser, sondern Gottes sind, wie der Apostel sagt: “Was hast du, das du nicht empfangen hättest; wenn du es aber empfangen hast, warum rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?’ (1 Kor 4,7). Aber im Kreuze, in der Trübsal und Widerwärtigkeit können wir uns rühmen, weil sie unser sind, wie der Apostel sagt: ,Ich will mich in nichts rühmen, außer im Kreuz unseres Herrn Jesus Christus!’ (Gal 6,14).”

­