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Confessio vitae von Erzbischof Carlo Maria Martini (Mailand)

57.2020_Martini.pdf

Ich meine verstanden zu haben,

dass der Herr uns auch deshalb in verantwortliche Positionen bringt, damit wir immer mehr erfahren, dass wir von uns aus überaus schwach und zerbrechlich, armselig und ungeeignet sind.

Wir gelangen an einen Punkt, dass wir uns nur noch über uns selbst wundern können und ausrufen: Ich hätte nie gedacht, dass ich so schwach bin.

Auf uns lasten nicht nur die persönlichen Defizite und Sünden, sondern auch die Unterlassungen angesichts der vielen drängenden Nöte.

Dazu kommt vor allem das Bewusstsein, dem „täglichen Andrang“, den Menschen, die sich an einen wenden (vgl. 2 Kor 11,28ff) nicht gerecht geworden zu sein.

Die Verantwortung für den Weg der Kirche lässt uns mit banger Sorge fragen:

Entspricht das, was wir tun und was ich vorschlage, wirklich dem Evangelium?

Verraten wir nicht vielleicht doch den Auftrag Jesu?

Laufen wir nicht Gefahr, das Wesentliche zu vernachlässigen?

Lassen wir uns nicht irreführen durch Routine,

durch Trägheit und unnötige Ängstlichkeit,

durch den Wunsch nach Ruhe und einem bequemen Leben,

durch den Geist dieser Welt?

Diese und andere Fragen treffen ins Herz und tun weh.

Ohne das Vertrauen auf den barmherzigen Gott würden sie zu einer drückenden Last.

In: Laacher Messbuch   2016, S. 669

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