headeroben

Franziskus und das reine Herz

6.10.2020_Franziskus_Leo.pdf

Franziskus fragte: „Weißt du, Bruder, was ein reines Herz ist?” „Wenn man sich nichts vorzuwerfen hat”, antwortete Leo, ohne lange zu überlegen. „Dann verstehe ich, dass du traurig bist, irgendetwas hat man sich immer vorzuwerfen.” „Eben, und deshalb habe ich die Hoffnung auf ein reines Herz aufgegeben.” „Ach, Bruder Leo, glaube mir, kümmere dich nicht so sehr um die Reinheit des Herzens. Sieh auf Gott. Bewundere ihn. Freue dich, dass es ihn gibt, ihn, den ganz und gar Heiligen. Danke ihm um seiner selbst willen. Eben das, mein kleiner Bruder, heißt ein reines Herz haben. Und wenn du dich so zu Gott zugewandt hast, wende dich vor allem nie auf dich selbst zurück. Frage dich nicht, wie du mit Gott stehst. Die Trauer darüber, dass man nicht vollkommen ist und dass man den Sünder in sich entdeckt, ist ein noch menschliches, ein allzu menschliches Gefühl. Du musst den Blick höher, viel höher heben. Es gibt Gott, es gibt die Unendlichkeit Gottes und seine unwandelbare Herrlichkeit. Ein Herz ist rein, wenn es nicht ablässt, den lebendigen und wahren Herrn anzubeten. Es nimmt tiefen Anteil an Gottes Leben und ist so stark, dass es sich noch in all seinem Elend von der ewigen Unschuld und der ewigen Freude Gottes anrühren lässt. Ein solches Herz ist zugleich leer und übervoll. Dass Gott Gott ist, genügt ihm. Aus dieser Gewissheit schöpft es all seinen Frieden und all seine Freude. Und die Heiligkeit eines Herzens, auch die ist dann nichts anderes als Gott.”

„Aber Gott verlangt, dass wir uns bemühen und ihm treu bleiben”, wandte Leo ein.

„Gewiss, aber die Heiligkeit besteht nicht darin, dass man sich selbst verwirklicht, und besteht nicht in der Erfüllung, die man sich selbst verschafft. Heiligkeit ist zuerst einmal Leere, die man in sich vorfindet, die man akzeptiert und die Gott in eben dem Maße ausfüllt, in dem man sich seiner Fülle öffnet. Sieh, unser Nichts wird, wenn wir es akzeptieren, zum leeren Raum, in dem Gott aber noch als Schöpfer wirken kann. Der Herr lässt sich seinen Ruhm von niemandem streitig machen. Er ist der Herr, der Einzigartige, der allein Heilige. Aber er nimmt den Armen bei der Hand, zieht ihn aus seinem Elend und setzt ihn zu den Fürsten seines Volkes, auf dass er Gottes Herrlichkeit schaue. Gott macht sich zum Himmel über seinem Herzen. Bruder Leo, die höchste Forderung jener Liebe, die der Geist des Herrn unablässig in unsere Herzen einflößt, lautet: sich in die Herrlichkeit Gottes betrachtend versenken; staunend entdecken, dass Gott Gott ist, in alle Ewigkeit und über alles hinaus, was wir sind und sein können; sich von ganzem Herzen freuen, dass er existiert; sich für seine ewige Jugend begeistern; ihm Dank sagen um seiner selbst und um seiner nie versagenden Barmherzigkeit willen. Das heißt, ein reines Herz haben. Aber zu dieser Reinheit kommt man nicht dadurch, dass man sich plagt und abrackert.”

„Wie denn?”, fragte Bruder Leo.

„Sich selbst einfach aufgeben. Nichts behalten wollen.

Auch das eigene Elend nicht mehr unter die Lupe nehmen. Reinen Tisch machen. Die eigene Armseligkeit akzeptieren. Alle Last abwerfen, sogar die Last unserer Fehler. Sich nur noch die Herrlichkeit des Herrn vor Augen halten und sich ihrer Strahlung aussetzen. Gott existiert, das genügt. Dann wird das Herz leicht. Es fühlt sich selbst nicht mehr, wie die Lerche, die glückstrunken im Blau des weiten Himmels schwebt. Das Herz hat alle Sorge, alle Unruhe von sich getan. Sein Verlangen nach Vollkommenheit hat sich in ein einfaches, reines Ja zu Gott verwandelt.”

Leo ging vor Franziskus her und hörte nachdenklich

zu. Allmählich wurde ihm leichter ums Herz und es kam großer Friede über ihn. Bald hatten sie das bescheidene Anwesen vor sich. Sie betraten eben den Hof, als die Frau schon zu ihrer Begrüßung erschien. Sie stand auf der Schwelle ihres Hauses, sie schien die beiden erwartet zu haben. Sobald sie ihrer ansichtig wurde, ging sie ihnen entgegen. Ihr Gesicht strahlte.

(Eligius Leclerq)

­