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Wer betet, ist nicht allein

 6.2.2021_Notkar_Wolf.pdf

 

 

Wer glaubt und betet, der mag sich durchaus einsam fühlen. Das Gefühl der Gottverlassenheit gerade im Gebet kennen wir zum Beispiel aus den Schriften von Mutter Teresa, deren Schilderungen über die dunklen Stunden des Suchens und Ringens markerschütternd sind. Doch was hier bleibt, ist das Gefühl der Gottverlassenheit, nicht aber eine wirkliche  Gottverlassenheit. Und analog zu Papst Benedikt könnte man sagen: Wer betet ist nie allein. Denn wer betet, betet immer im Chor, im Resonanzraum der Kirche. Wer betet, betet mit anderen zusammen. Das nimmt uns nicht das Gefühl der Einsamkeit, wie wir es in bestimmten Momenten erleben. Und damit meine ich nicht nur dunkle Momente, sondern beispielsweise ganz banale Situationen wie das Gebet im Restaurant oder vor einem Bewerbungsgespräch. Wer heute am Mittagstisch ein Kreuzzeichen macht und ein Gebet murmelt, der kann sich sehr schnell allein und einsam vorkommen. Doch hinter dieser Einsamkeit können wir die Gewissheit finden, verbunden zu sein, vielleicht genau in diesem Augenblick, auch wenn wir keinen um uns herum sehen. Verbunden mit einer jungen Frau in Jakarta, die gerade vor einer Kerze kniet; mit einem Schuljungen in Mailand, der seine Matheschulaufgabe bekommen hat; mit einem alten Mann in Johannesburg, der vor einem Grabstein steht. Wir sind verbunden mit unzähligen Menschen weltweit, oft über Konfessionen und Religionen hinweg.

Notker Wolf, Ich denke an Sie. Die Kunst, einfach da zu sein;  Freiburg i. Br. 2020, S. 122

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