headeroben

Nun komm, der Heiden Heiland“ (Ambrosius / Martin Luther)

Impuls_Heiden_7.pdf

Eines der ältesten Adventslieder, „Nun kommt der Heiden Heiland“, stammt aus der Feder des Reformators Martin Luther und war für die evangelische Kirche lange das Hauptlied des Advents. In das Katholische Gotteslob fand leider nur eine reimlose Textübertragung von Markus Jenny Eingang: „Komm, du Heiland aller Welt“. Der Lutherchoral wurde u.a. von Johann Sebastian Bach in einer Kantate prominent verarbeitet. Luther selbst greift dabei auf eines der ältesten Lieder zurück, die die Liturgie kennt, den Hymnus „intende, qui regis Israel“ oder - besser bekannt unter dem Anfang der zweiten Strophe - „veni, redemptor gentium“ des Ambrosius von Mailand. Nicht nur wegen seiner Hymnen wird Ambrosius, dessen Fest wir am 7.12. feiern als einer der vier Kirchenlehrer des Westens verehrt. Auch seine Lebensgeschichte ist bewegend. Ambrosius schlittert in seine „Karriere“ als Bischof ungewollt hinein. Er stammt aus vornehmer Familie. Sein Vater ist Statthalter in Gallien. Ambrosius schlägt den gleichen Weg ein und wird nach dem römischen Kaiser zum mächtigsten Mann in Norditalien. So vermittelt er 374n.Chr. für den Kaiser in der Residenzstadt Mailand zwischen den Kirchenmitgliedern, die sich in der Frage der Nachfolge des verstorbenen Bischofs nicht einigen können. Scheinbar macht er das so geschickt und einfühlsam, dass in der versammelten Menge immer lauter der Ruf aufkommt „Ambrosius soll Bischof werden.“ Ambrosius ist zu diesem Zeit wie die meisten Politiker nur Taufbewerber. Doch spielte das für die zerstrittenen Christen keine Rolle. Ambrosius beugte sich dem Wunsch, ließ sich taufen und wurde zum Priester und Bischof geweiht. Für die Gläubigen war Ambrosius der Erwählte Gottes und er wurde für sie zum mächtigen Verkünder des Evangeliums. Er fand Worte, die ihr Herz erreichten, und auch Heiden und Zweifler zum Nachdenken brachten. Auch Augustinus, der damals die Bibel als eine schlechte Geistergeschichte ablehnte, fand durch ihn den Weg zur Kirche und wurde von Ambrosius getauft.

Der Kaiser freute sich, einen loyalen Mann auf dem wichtigsten Bischofsstuhl in Norditalien zu wissen. Aber Ambrosius blieb seiner eigenen Linie treu und war nur ganz Mann der Kirche und nicht des Kaisers. Er wurde mitunter sogar zum stärksten Gegenspieler der politisch Mächtigen.

Herausragen wird er aber bis heute als Theologe, Dichter und Bibelausleger. Ihm verdanken wir Hymnen, die zum ältesten Liedschatz der Kirche gehören und noch heute gesungen werden, so auch das „Te Deum“ („Großer Gott wir loben dich“).

In seinem Weihnachtshymnus „Nun komm der Heiden Heiland“, der in unseren Gesangbüchern aufgrund seiner Kargheit in die Adventszeit eingeordnet wurde, beschreibt er nicht nur romantisch das Geschehen der Heiligen Nacht, sondern nähert sich poetisch dem Geheimnis an, dass Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist.

Noch immer fasziniert mich die kernige Sprache, mit der Martin Luther seinen Hymnus in Deutsche übertragen hat: „Nun komm, der Heiden Heiland, der Jungfrauen Kind erkannt, dass sich wunder alle Welt, Gott solch Geburt ihm bestellt.“

 

Darf man heute noch von Heiden reden? Für viele hat die Bezeichnung einen negativen Beigeschmack und klingt nach einem Schimpfwort. Andere empfinden die Bezeichnung eher als Auszeichnung. Manchmal sagt mir jemand, der nicht mehr in kirchlichen Riten und Traditionen beheimatet ist: „Ich bin eben ein kleiner Heide.“ Heide meint im lateinischen Ursprung („pagus“) jemand, der zu einer Dorfgemeinschaft gehört, übertragen wurde es zur Abgrenzung gegenüber allen, die nicht zu einer der Religionen gehören, die nur an einen Gott glauben (Judentum, Christentum und später Islam).

Ein Heide war auch für Paulus durchaus ein gläubiger Mensch, aber eben keiner, der den Glauben an den Gott Jesu Christi bekannte. In diesem Sinn ist Weihnachten heute durchaus ein Fest für „Heiden“ und die Bitte Martin Luthers „Nun komm der Heiden Heiland“ kann man auch verstehen als Hoffnung, dass das Kind von Bethlehem auch Hoffnung und Frieden für Menschen jenseits des Glaubens bringen möchte. Das ist durchaus ein Wunsch, den Menschen weltweit mit diesem Fest verbinden. Luther bittet, dass alle Welt sich wundern möge, dass Gott so geboren wird. Dem Wunsch kann ich mich anschließen. Wenn die Welt in der Geburt Jesu erkennt, dass für Gott nichts unmöglich ist, dann ist unsere Hoffnung nicht eine Utopie oder Selbstbetrug, sondern Zuversicht, dass der Gott, der Mensch wird und unsere Freude und Hoffnung teilt, die Welt noch immer in Staunen versetzen kann.

 

Das Kommen Jesu spaltet die Welt nicht in „Gläubige“ und „Ungläubige“. Es heilt die Wunde der Trennung und verbindet sie in einer gemeinsamen Hoffnung. Christus wird Mensch für alle, damit auch alle eine Perspektive für ein Leben in Fülle teilen können.

 

Sven Johannsen, Pfarrer

­