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Jemand muss zuhause sein, Herr, wenn du kommst“

von SIlja Walter (1919-2011)

Hier ist das Gebet im Orginalton von Silja Walter zu hören:

https://www.siljawalter.ch/silja-walter-2/werk/das-kloster-am-rande-der-stadt/

 Silja Walter OSB (1919-2011), mit Ordensnamen Schwester Maria Hedwig, war Dichterin und Theaterautorin. 1948 trat sie in das Kloster Fahr an der Limmat (Schweiz) ein, in dem sie 62 Jahre lebte. Bekannt wurde sie für viele durch ihr Lied „Eine große Stadt ersteht, die vom Himmel niedergeht“, das sie als Reflexion auf das Kirchenbild des II. Vatikanischen Konzils verfasste. Einer ihrer bekanntesten Texte ist das „Gebet des Klosters am Rande der Stadt“, in dem sie die Berufung ihrer klösterlichen Gemeinschaft in ausdrucksstarke Formulierungen bringt. Das Gebet lädt ein, nicht nur wieder die Bedeutung des Ordensleben für unsere Kirche hervorzuheben und für die Ordenschristen zu beten, sondern auch den Gebetsdienst so vieler Menschen in unseren Gemeinden, sei es der Rosenkranz zuhause oder aber die Anbetung in der Kirche, wertzuschätzen. Viele, die in schlaflosen Nächsten das Gebet für andere Menschen und die Gemeinde pflegen, werden sich in den Gedanken von Silja Walter wiederfinden.

Das Gebet des Klosters am Rande der Stadt (Silja Walter)

Jemand muss zuhause sein,
Herr,
wenn du kommst.
Jemand muss dich erwarten,
unten am Fluss
vor der Stadt.
Jemand muss nach dir
Ausschau halten,
Tag und Nacht.
Wer weiss denn,
wann du kommst?

Herr,
jemand muss dich
kommen sehen
durch die Gitter
seines Hauses,
durch die Gitter –
durch die Gitter deiner Worte,
deiner Werke,
durch die Gitter der Geschichte,
durch die Gitter des Geschehens
immer jetzt und heute
in der Welt.

Jemand muss wachen,
unten an der Brücke,
um deine Ankunft zu melden,
Herr,
du kommst ja doch in der Nacht,
wie ein Dieb.
Wachen ist unser Dienst.
Wachen.
Auch für die Welt.
Sie ist oft so leichtsinnig,
läuft draussen herum
und nachts ist sie auch nicht zuhause.
Denkt sie daran,
dass du kommst?
Dass du ihr Herr bist
und sicher kommst?

Jemand muss es glauben,
zuhause sein um Mitternacht,
um dir das Tor zu öffnen
und dich einzulassen,
wo du immer kommst.
Herr, durch meine Zellentüre
kommst du in die Welt 

und durch mein Herz
zum Menschen.
Was glaubst du, täten wir sonst?
Wir bleiben, weil wir glauben.
Zu glauben und zu bleiben
sind wir da, –
draussen,
am Rand der Stadt.

Herr,
und jemand muss dich aushalten,
dich ertragen,
ohne davonzulaufen.
Deine Abwesenheit aushalten
ohne an deinem Kommen
zu zweifeln.
Dein Schweigen aushalten
und singen.
Dein Leiden, deinen Tod
mitaushalten
und daraus leben.
Das muss immer jemand tun 

mit allen anderen
und für sie.

Und jemand muss singen,
Herr,
wenn du kommst!
Das ist unser Dienst:
Dich kommen sehen und singen.
Weil du Gott bist.
Weil du die grossen Werke tust,
die keiner wirkt als du.
Und weil du herrlich bist
und wunderbar,
wie keiner.

Komm, Herr!
Hinter unsern Mauern
unten am Fluss
wartet die Stadt
auf dich. Amen.

SILJA WALTER OSB

Impuls_9.6.2020.pdf

 

 

 

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