headeroben

Was uns die Karfreitagsprozession bedeutet...“

„Unvorstellbar! - Das hat es noch nie gegeben. Kann man das überhaupt absagen?, so Reaktionen aus Lohr als klar war, dass in diesem Jahr keine öffentliche Karfreitagsprozession stattfinden wird.

Selbst jetzt liegt vor mir noch eine Mail, in der diese Entscheidung als Verrat an Gott kritisiert wird. Menschen über unsere Stadt hinaus bedeutet diese Prozession sehr viel. Auch wenn wir wissen, dass es in der Geschichte immer wieder Jahre gab, in denen sie nicht gehalten werden konnte, ist es für viele Menschen doch eine der traurigsten Erfahrungen in diesen Tagen.

Die Karfreitagsprozession prägt das religiöse Leben unserer Stadt. Warum? Ist es nur eine schöne Tradition oder noch schlimmer eine Touristenattraktion? Es gibt sicher auch manche unschönen Szenen am Rand. Dagegen aber steht eine andere Erfahrung: 90 Minuten gesammeltes und betrachtendes Schweigen bei den Trägern und denen, die am Straßenrand stehen. Ehrfurcht und Betroffenheit liegen in der Luft und sind an den Gesichtern abzulesen. Was bewegt die Menschen?

Als die Prozession eingeführt wurde, war es das Anliegen, dass der Glaube an Gott wieder neu seinen Weg in die Herzen findet. Glaube soll nicht nur ein äußeres Bekennen der rechten Lehren sein, sondern bewegen und anrühren. Gerade das Teilhaben am Leiden Christi war dafür eine große Hilfe für die Menschen unserer Stadt. Ich glaube, dass davon noch heute etwas zu spüren ist.

Wir tragen nicht einfach Szenen des Leidens Jesu, wir tragen Momente menschlichen Leids, in denen Gott ist: Verrat, Demütigung, Schmerz, Sterben und Trauer. Wenn wir auf die Figuren blicken, dann sehen immer nur Christus, der mit letzter Konsequenz den Weg in die Nacht des Todes jedes Menschen ging, um uns zum Tag des neuen Lebens zu führen.

Die Prozession ist die dichte Feier, in der sich das Drama menschlicher Existenz verbindet mit Gott, der in Jesus Christus nicht nur an unserer Seite, sondern immer schon einen Schritt voraus ist. Das können Menschen am Karfreitag spüren. In diesem Jahr gehen wir in Gedanken den Weg der Betrachtung und machen uns bewusst, was

Dietrich Bonhoeffer, dessen Tag der Hinrichtung sich gestern zum 75. mal jährte, uns mitgibt in diesen Tag: „Es ist das Befreiende von Karfreitag und Ostern, dass die Gedanken weit über das persönliche Geschick hinaus gerissen werden zum letzten Sinn alles Lebens, Leidens und Geschehens überhaupt und daß man eine große Hoffnung faßt.“ (Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, S. 49)

 Sven Johannsen, Pfarrer

Tagesimpuls_Karfreitag.pdf

­