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Tagesimpuls Pfingstfest 2020 - Pfarrer Sven Johannsen, Lohr_____

 

Ist Pfingsten nicht lebensgefährlich?“

Wahrscheinlich findet der Text des Johannesevangelium, den wir am Hohen Pfingstfest in unseren Gottesdiensten lesen, keine Gnade in den Augen eines aufmerksamen Beamten der bayerischen Staatsregierung.

 

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch!
Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten. (Joh 20,19-23)

 

Kein Sicherheitsabstand, mehr als zehn Menschen, die nicht zu einem Haushalt gehören, und keine Mund-Nasen-Bedeckungen - da müsste in unseren Tagen die Polizei einschreiten. Der Höhepunkt der Überschreitung: Der Auferstandene haucht die Jünger sogar direkt an. Mit ein wenig Ironie müsste man wohl sagen, dass sich nach heutiger Gesetzeslage der Auferstandene strafbar macht. Nur nebenbei bemerkt: Es wäre eine hochspekulative Diskussion, ob er überhaupt als Gefährder für eine Tröpfcheninfektion in Frage käme. Scheinbar will der österliche Christus ganz bewusst anstecken, darum nutzt er für seinen Sendungsauftrag und für die Gabe des Geistes die zärtliche Geste des Anhauchens. Dahinter verbirgt sich österliche Pädagogik. Der Karfreitag hat die Jünger bis ins Mark getroffen und erschüttert. Anders als der bekannte Bericht in der Apostelgeschichte, der die Aussendung des Heiligen Geistes 50 Tage nach dem Osterereignis verortet, ist für Johannes bereits der Ostertag der Moment, in dem die Jünger den Heiligen Geist empfangen. Wir hören am heutigen Fest also nochmals von dem, was sich am Abend des Auferstehungstages ereignet hat: Die Ereignisse um den Tod Jesu haben ihnen Selbstzweifel und tiefe Angst vor der Zukunft eingeflößt, so dass sie jetzt noch immer aus Furcht die Türen verschlossen halten, obwohl Maria von Magdala doch schon vor einigen Stunden von ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen erzählt hatte. Jesu Gegenmittel ist nicht kluge Belehrung, es ist eine sanfte Gegenbewegung, die an den Anfang der Schöpfung erinnert. Am Anfang haucht Gott dem Menschen den Lebensatem ein und macht ihn so erst zu mehr als einem Lebewesen, nämlich zur Person. Der Auferstandene, der nicht einfach in sein altes Leben zurückkehrt, schenkt den Jüngern, die begraben waren unter der Last von Schuld und Angst, eine neue Lebensmöglichkeit durch das gleiche schöpferische Handeln des Einhauchens. Bevor noch die Jünger zu mutigen Verkündern werden, erfahren sie die heilende und schöpferische Kraft des Geistes Jesu. Er flößt ihnen nicht neuen Schrecken ein, sondern haucht neues Leben ein. Diese persönliche Erfahrung macht sie zu Zeugen in der Welt aus der Kraft des Geistes.
Der Geist Jesu ist kein Infektionsrisiko, das Krankheit und Tod in die Welt bringt, sondern eine Zusage des Beistandes und der Kraft, die Wunden heilt und Schuld vergibt, damit der Mensch frei und gesund wird. In einem modernen Lied finden wir das Gebet, das auch uns mitnimmt in den Raum, in dem Jesus seinen Jüngern und uns seinen Heiligen Geist schenkt:

Atme in uns, Heiliger Geist, brenne in uns, Heiliger Geist, wirke in uns, Heiliger Geist, Atem Gottes komm!
Komm du Geist, durchdringe uns, komm du Geist, kehr bei uns ein. Komm du Geist, belebe uns, wir ersehnen dich.
Komm du Geist, der Heiligkeit, komm du Geist der Wahrheit. Komm du Geist der Liebe, wir ersehnen dich.

Komm, du Geist, mach du uns eins. Komm, du Geist, erfülle uns. Komm, du Geist, und schaff uns neu, wir ersehen dich.“

 Eine Welt, die gefangen ist in Todesfurcht, wie auch eine Kirche, die müde geworden scheint in der Sorge um die Zukunft, brauchen diesen Geist Jesu, der heilt und sie neu schafft. Beten wir daher um diesen Atem Gottes, der in uns allen noch viel wirken kann.

 Impuls_Festtag.pdf

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