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Liebe Schwestern und Brüder

„Haben Sie Angst, dass der Krieg in der Ukraine eskaliert und sich ausweitet, z.B. durch den Einsatz von Atomwaffen?“

Übertrieben oder unbegründet ist diese Angst nicht. 2/3 der Deutschen teilen diese Befürchtung und es scheint sicher, dass russische Militärs, frustriert von den Misserfolgen in der Ukraine, einen Einsatz von nuklearen Waffen bereits erörtert haben. Die Erfolgs-meldungen der ukrainischen Armee verringern die Ängste nicht, die viele Menschen in Europa haben vor einem Flächenbrand des Kriegsgeschehens mit noch größeren Zerstörungen und viel mehr Opfern auch außerhalb des augenblicklichen Krisenherdes. Was wir seit Februar diesen Jahres erleben, dürfte wohl die schlimmste kriegerische Auseinandersetzung sein, die zur Zeit die Erde erschüttert. Leider stimmt das nicht. Zum einen tobt der Ukraine-Konflikt nicht erst seit neun Monaten, sondern schon seit der völkerrechtswidrigen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland im Februar 2014. Zum andern vollzieht sich, fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, auf dem afrikanischen Kontinent ein Krieg, der schon fast den Charakter eines Völkermordes angenommen hat: der bewaffnetet Konflikt in Äthiopien, den der Premierminister Abiy Ahmed mit seinen Verbündeten gegen seine Landsleute in Tigray führt. Vor einigen Jahren durften ich mit einer Gruppe für längere Zeit das Land bereisen. Die Landschaft lässt eine Ahnung vom Paradies aufkommen. Hier entsteht menschliches Leben. Die Felsenkirchen von Lalibela gehören zu den wertvollsten Kunstschätzen der Menschheit. Die äthiopisch-koptische Kirche bewahrt ein Erbe an Traditionen und Riten, die uns sehen lässt, wie reich das Christentum in seinen Entfaltungsmöglichkeiten ist. In Aksum wird einer alten Tradition folgend seit fast 3000 Jahren die Bundeslade des Volkes Israel bewacht. Dieses heilige Land droht jetzt wieder zu versinken in Hunger und Krieg. Die ZEIT hat vor kurzen geurteilt: „Es ist derzeit der wahrscheinlich verheerendste Krieg weltweit…“ (https://www.zeit.de/2022/42/aethiopien-krieg-tigray-abiy-ahmed) Es ist mir vollkommen klar, dass es kein Ranking der schlimmsten Kriege geben kann. So eine Gegenüberstellung wäre grausam und menschenverachtend. Leid kann man nie gegen Leid aufrechnen. Aber das Massaker, das in einem der ältesten christlichen Ländern der Erde geschieht, ist in seiner Brutalität kaum wahrgenommen worden von der europäischen Öffentlichkeit. Die Zeit beschreibt die Gräuel sehr nüchtern: „Bis zu 500.000 Menschen sind nach Schätzungen von Experten bislang gestorben. Soldaten wie Zivilisten, getötet durch Kugeln, Bomben und Drohnen, aber auch durch Krankheit und Hunger, der zu den tödlichsten Waffen gehört.“ Was ist der Hintergrund dieses Krieges einer Regierung gegen einen Teil der eigenen Bevölkerung? Äthiopien ist ein Vielvölkerstaat. Mehr als 80 Volksgruppen bilden den bevölkerungsreichsten Binnenstaat der Welt, in dem 60 unterschiedliche Sprachen beheimatet sind. 1974 wurde der letzte Kaiser, Haile Selassie, gestürzt und ermordet. Es folgten furchtbare Jahre des Bürgerkrieges während einer sozialistischen Diktatur, die von der Sowjetunion unterstützt wurde. In dieser Zeit geriet das Land verstärkt in den Blick der Weltöffentlichkeit aufgrund der Hungersnot, die bis zu einer Millionen Menschen das Leben kostete. Nach dem Sturz der Diktatur waren die Weichen gestellt für ein friedliches und gedeihliches Miteinander der vielen Völker. Obwohl sie eigentlich nur eine kleine Bevölkerungsgruppe bilden, wurden Vertreter der Region Tigray zur politischen Elite, die das Land bis vor kurzem führte. 2018 ging bei den Wahlen erstmals ein Vertreter der größten Gruppen der Oromo als Sieger hervor und übernahm die Macht. Der neue Präsident Abiy Ahmed kündigte politische Reformen an und bemühte sich um eine Lösung des kriegerischen Konflikts mit dem Nachbarstaat Eritrea, das seit 1993 Jahren von einem der dienstältesten Diktatoren der Welt, Isayas Afewerki, regiert wird. Die westliche Welt jubelte dem neuen Präsidenten zu und noch bevor es wirklich zu dauerhaften Lösungen kam, hatte er schon den Friedensnobelpreis verliehen bekommen. Gestärkt durch das internationale Ansehen konnte er in die bewaffneten Auseinandersetzungen mit den beleidigten Eliten in Tigray gehen, die nach der Abwahl begonnen hatten, sich gegen den Staat zu stellen. Wir haben wenig Nachrichten aus der umkämpften Region, denn die Regierung hat Tigray fast völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Journalisten können nicht in das Gebiet reisen und lediglich über Flaschenpost und Hilfsorganisationen dringen einige Nachrichten zur UN und  an die Weltöffentlichkeit. Es ist nicht einfach, hier die „Bösen“ und die „Guten“ zu unterscheiden, aber eine enorme moralische Schuld lastet auf dem Präsidenten und Friedensnobelpreisträger Abiy, der den Hunger als Waffe gegen Menschen einsetzt und die notwendige medizinische Versorgung in der nördlichen Provinz blockiert. Rund fünf Millionen Menschen, drei Viertel der Bevölkerung, sind dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen, so die UN (ZEIT 42/2022). Im Westen hören wir wenig über das Schrecken, das in einem der schönsten Länder Afrikas mit einer langen christlichen Geschichte wütet. Es scheint auch kaum Interesse zu geben. Die deutsche Außen-ministerin, die sich eine „feministische Außenpolitik“ auf die Fahnen geschrieben hat, schweigt zur ausufernden Gewalt v.a. gegen die Frauen in Tigray. Außer einem belanglosen Tweed hat man lange von ihr kein Wort zu Äthiopien gehört oder gelesen. Vielleicht steckt da auch die Angst dahinter, dass man mit mehr Beachtung des Krieges sich gezwungen sieht, die äthiopischen Flüchtlinge endgültig als schutzbefohlen anzuerkennen, die man oft schon seit Jahren in unserem Land in einem Schwebezustand der Ungewissheit lässt. In jedem Fall haben wir Europäer kein moralisches Recht, uns über die Länder Afrikas aufzuregen, die zu wenig Interesse am Ukraine-Konflikt zeigen, wenn unser Politiker eine Gewalteskalation im Herzen Afrikas noch nicht einmal zur Kenntnis nehmen wollen.

Ganz sicher kann man Kriege nicht miteinander vergleichen oder gar eine Wertung über sie fällen, aber zu einer ehrlichen Betroffenheit gehört es auch, nicht selektiv wahrzunehmen und die Bedrohung, die uns selbst am nächsten erscheint, einseitig zu verabsolutieren und andere zu übersehen. Genau aber das geschieht m.E. gerade in unserem Land. Die Welt brennt, nicht nur in Äthiopien und in der Ukraine, sondern auch im Kongo, Nigeria, Kolumbien, Jemen und noch immer in Afghanistan. Im Jahr 2021 zählte die Arbeits-gemeinschaft Kriegsursachenforschung der Uni Hamburg 28 Kriege und bewaffnete Konflikte.

Ich möchte keine Panik machen oder gar eine Weltuntergangsstimmung verbreiten. Dazu hätte ich auch mit Blick auf das Evangelium gar keine Berechtigung. Aber wenn wir nicht hinschauen, werden wir immer nur wahrnehmen, wo aktuell ein Krisenherd aufflammt, und recht schnell zur Tagesordnung übergehen. Für Christen verbietet sich jede Hysterie angesichts der Weltsituation. Das heutige Evangelium mit den düsteren Worten Jesu über die Endzeit ist kein Manifest der Weltuntergangsstimmung, sondern eher im Gegenteil: eine recht nüchterne Sicht auf die Gegenwart und in die Zukunft. Jesus vermeidet angesichts von Kriegen und Gewalt jegliche apokalyptische Weltflucht oder gar die Vorstellung, dass sie von Gott geschickt bzw. gewollt sind. Kriege sind Menschenwerk. Kindern erkläre ich es in der Schule mitunter so: Erwachsene streiten genauso heftig wie Kinder, aber sie haben leider viel schlimmere Waffen in den Händen. Krieg und Gewalt werden nicht von Gott gesandt, sie entstehen aus Dummheit, Hass und Eifersucht der Menschen. Oft ist es die Ablehnung des Fremden, einer anderen Religion oder Kultur, die die Eskalation bewirkt. Kriege hemmen nicht nur die Entwicklung, sondern rauben Menschen die Existenzgrundlagen und die Chance, ihr Leben in Freiheit zu entfalten. Krieg und Zerstörung zwingen Menschen zum Verlassen ihre Heimat und zu einem Neuanfang in der Fremde. Der Verweis auf den Tempel im heutigen Evangelium führt uns zum Geschick des Volkes Israel. Es gibt wohl kaum ein anderes Volk, das im Laufe seiner Geschichte schlimmer bedroht und verfolgt war als die Kinder Israels. Sie werden zum Volk in der Wüste nach der Erfahrung der Sklaverei in Ägypten und der Befreiung am Schilfmeer. Als kleines Volks werden sie immer wieder zum Spielball der großen Mächte Ägypten, Assyrien und Babylon. Als Religionsgemeinschaft, die auf dem Glauben an einen einzigen Gott aufbaut, werden sie zu Opfer religiöser Intoleranz. Der Tempel in Jerusalem war über tausend Jahre Symbol für Glanz und Elend des Volkes. König Salomo baute den ersten Tempel. Rund vierhundert Jahre später wurde er von den Babyloniern zerstört. Nach dem Exil begann ein mühsamer Neuaufbau, der später von den Seleukiden entweiht wurde. Der verhasste Herodes baute schließlich den prächtigen Tempel, den Jesus und die Jünger sehen und besuchen konnten. Von ihm heißt es im Talmud: „Man sagt, wer den Bau des Herodes nicht gesehen hat, der habe keinen schönen Bau gesehen.“ (bBB4a) Er war sicher einer der prächtigsten Bauten, der jemals  errichtet wurde. V.a. aber war er für Israel der Wohnsitz Gottes. Zu ihm kam jeder Jude zu den Wallfahrtsfesten, so auch Jesus schon als Teenager. 70 n. Chr., darauf bezieht sich das Wort Jesu, zerstörten die Römer den Mittel-punkt des jüdischen Glaubens und vertrieben später alle Einwohner aus der heiligen Stadt Jerusalem. Das aber bedeutete nicht den Untergang des Volkes, sondern wurde zum Startschuss für eine Neuausrichtung. Die Trauer über den Verlust des Tempels und Jerusalems führte nicht zu einer kollektiven Depression, sondern ließ einen Umbruch im Glauben des Judentums erwachsen. Der Tempel wurde nicht ersetzt, aber neue Merkmale der Identität wurden gefunden. Die Priester, die man nicht mehr brauchte, wurden abgelöst von den Lehrern, den Rabbinern. Die Opfer am Tempel wurden umgewandelt in die Heiligung der Zeit, die Beachtung des Schabbats und der Festzeiten. Die Gegenwart Gottes wurde in noch stärkerer Weise im Lesen der Tora erfahrbar. Die Katastrophe des jüdischen Krieges führte nicht zum Untergang, sondern zu einer Neuausrichtung, die Israel half, in den kommenden Zeiten der Bedrängnis und der Fremde, sogar in der furchtbaren Zeit der Shoa, nicht unterzugehen. Israel ist das Lehrbeispiel dafür, wie eine Gemeinschaft im Glauben am tiefsten Punkt seiner Geschichte einen Wende zum Guten finden kann. Darin sehe ich auch einen wichtigen Impuls für einen von der Bibel geprägte Haltung zur Welt und ihren Wunden: Wir übersehen sie nicht, wir dramatisieren sie auch nicht als Zeichen des Weltuntergangs, wir fragen, wie aus dem Dunkel von Gewalt und Krieg neue Hoffnung und neue Perspektiven für ein Leben in Frieden und Freiheit erwachsen können.

In Äthiopien haben auf Vermittlung der afrikanischen Länder Verhandlungen über Frieden begonnen und ein erster Waffenstillstand beschlossen. Wenige Experten geben dem Frieden eine Chance, wenn nicht wirklich Versöhnung gewollt wird. Dazu gehört aber auch, dass die Rebellen ihre Waffen abgeben und die Regierung Hilfslieferungen zu den Menschen in Tigray zulässt. Beides ist noch nicht geschehen.  Es ist sicher für die Menschen gut, dass die Waffen jetzt schweigen, aber es ist noch kein Frieden. Nur wenn die Weltöffentlichkeit die Menschen dort nicht aus den Augen verliert, sind die Verantwortlichen unter Druck, wirklich Lebensbedingungen zu schaffen, die die Einheit des Landes sichert und den Familien ein Leben ermöglicht ohne die Angst vor Gewalt und Hunger.

So genau wir die Ereignisse in der Ukraine im Blick behalten, so sehr braucht es das wachsame Auge der Welt für die Not der Menschen in Äthiopien und vielen anderen Krisenherden der Welt. Mit Blick auf das Geschick des Volkes Gottes geben wir niemals Menschen verloren, sondern glauben immer, dass eine Wende zum Guten möglich ist. Amen.                (Sven Johannsen, Lohr)

33_ein_vergessener_Krieg.pdf

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