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Weihbischof Ulrich Boom feiert Pontifikalgottesdienst zum Abschied der Dominikanerinnen aus Neustadt am Main – „Es gilt, in dieser Stunde nicht zu klagen. Es gilt, Danke zu sagen“ – Bewegende Abschiedsworte von Vertretern von Kirche und Gemeinde

Neustadt am Main (POW) Mit einem Pontifikalgottesdienst mit Weihbischof Ulrich Boom in der Pfarrkirche Sankt Michael und Sankt Gertraud sind am Dreikönigstag am Freitag, 6. Januar, die Dominikanerinnen aus dem Kloster in Neustadt am Main (Landkreis Main-Spessart) verabschiedet worden. Damit endete eine 113 Jahre währende Tradition. Die verbliebenen 13 Schwestern ziehen am Montag, 9. Januar, in die Seniorenresidenz in Kist (Landkreis Würzburg) um. Mit bewegenden Worten und persönlichen Erinnerungen dankten Vertreter von Kirche und Gemeinde den Schwestern für ihr Wirken. Die fast dreistündige Feier stand unter den Leitgedanken „Dank – Abschied – Segen“. An den Gottesdienst schloss sich eine Begegnung im Pfarrheim an.

„Es ist schwer, Abschied zu nehmen“, sagte Pfarrer Sven Johannsen zu Beginn des Gottesdienstes. „Sie haben diesen Ort geprägt, haben Freundschaften und Beziehungen in den Gemeinden gepflegt, sich um diese Kirche gesorgt, das geistliche Leben befruchtet. Es tut uns, die wir zurückbleiben, wahrscheinlich genauso weh wie Ihnen, die jetzt aufbrechen.“ Zugleich könne er die Entscheidung der Schwestern gut verstehen. „Sie haben es verdient, eine gute und gesicherte Zukunft vor sich zu sehen.“ Neustadt sei eine der „geistlichen Keimzellen“ des Bistums Würzburg, betonte Johannsen. Am Anfang hätten nicht Ordinariate und Verwaltungen gestanden, sondern Männer und Frauen, die geistliche Zentren bildeten und dafür sorgten, dass der Glaube in Franken Wurzeln fassen konnte. „Ich bin mir sicher, wenn Sie jetzt nach Kist aufbrechen, werden Sie dort den Ort finden, an dem Sie gebraucht werden, und auf andere Menschen ausstrahlen. Möge Gottes Stern Sie führen und begleiten.“

„Es gilt, in dieser Stunde nicht zu klagen. Es gilt, Danke zu sagen“, sagte Weihbischof Boom in seiner Predigt. Viele Menschen hätten durch die Missionsdominikanerinnen Halt und Orientierung erhalten. Auch er selbst verbinde mit Neustadt viele Erinnerungen, etwa an die Exerzitien zur Diakonen- und Priesterweihe, an die Treffen der Bruderschaft Jesus Caritas oder an seine Zeit als Dekan des Dekanats Lohr. Im vergangenen Jahr hätten die Schwestern „schweren Herzens“ die Entscheidung getroffen, in die Seniorenresidenz in Kist umzuziehen. „Ich danke persönlich, aber auch im Namen der Verantwortlichen im Bistum Würzburg für Euer Zeugnis des gelebten Evangeliums.“

Das heutige Hochfest „Erscheinung des Herrn“ sei ein Tag der Ermutigung, fuhr der Weihbischof fort. „Die Sterndeuter haben auf ihrem Weg lernen dürfen und müssen, dass Gottes Wege anders sind, als wir planen und meinen.“ Die Darstellung der Dreikönigsgruppe im Würzburger Kiliansdom zeige einen greisen König Balthasar, der vor Maria mit dem lebhaften Kind auf dem Arm kniet. „Der alte König gibt alles ab, was er auf und im Kopf hat und was er in seinen Taschen mit sich herumträgt. Auf seinem Pilgerweg des Lebens hat er den gefunden, der alles gibt und nichts nimmt: Christus.“ Der verstorbene Papst Benedikt habe über die heiligen drei Könige gesagt: „Sie werden auf dem Weg des Kindes geführt, und ihr Weg wird nun immerfort dieser Weg sein, vorbei an den Auftrumpfenden und Mächtigen dieser Welt, hin zu dem, der uns in den Armen erwartet.“ Für die Schwestern beginne nun der Weg des kindgewordenen Gottes, so der Weihbischof. „Die Botschaft des heutigen Tages mit dem Bild der ersten Christussucher ist Zuspruch und Anspruch zugleich. Ihr habt Großes getan in der Vergangenheit hier in Neustadt am Main. Warum soll das nicht groß sein, was nun ansteht? Habt Vertrauen in den, der nicht wie wir so oft auf das setzt, was wir im Kopf und in der Tasche haben, sondern auf das Herz.“

Erste Schwestern in Neustadt am Main 1909: „Franken war uns fremder als Afrika“

Schwester Dagmar Fasel gab einen kurzweiligen Einblick in die Geschichte des Klosters und seiner „Nonnemädle“, wie die Schwestern von den Neustädtern auch genannt worden seien. Drei Dominikanerinnen von Oakford, Südafrika hatten bei der Suche nach einem Haus für die Ausbildung junger Missionarinnen von den Dillinger Franziskanerinnen den Hinweis erhalten, dass es in der ehemaligen Benediktinerabtei Neustadt nutzbare Räume gebe. Schwester Lucy Bader, gebürtige Schwäbin und 19 Jahre als Missionsschwester in Südafrika, schien zunächst Zweifel zu haben. „Ich frage mich, was uns dort wohl erwarten würde. Franken war uns fremder als Afrika“, zitierte Fasel aus den Aufzeichnungen Baders. Die Sorgen waren unbegründet, auch wenn die Anfänge schwierig und die Schwestern sehr auf Unterstützung angewiesen gewesen seien. Mit dem damaligen Pfarrer Riedmann habe sie bald eine herzliche Freundschaft verbunden.

Bereits nach wenigen Monaten seien die ersten Kandidatinnen eingetreten. Von den 405 Schwestern, die in Neustadt eintraten, seien 294 in die Mission nach Südafrika und Argentinien ausgesandt worden, 27 nach England und 21 nach Kalifornien (USA), sagte Fasel. „Es ist bemerkenswert, dass 123 Schwestern aus unserer Diözese stammten.“ Doch seien auch Schwestern als „Bodenpersonal“ in Neustadt geblieben und hätten kirchliche wie soziale Aufgaben übernommen. So gab es etwa ab 1910 einen „Klosterkindergarten“. Die Schwestern engagierten sich unter anderem auch in der häuslichen Krankenpflege, in der Begleitung sterbender Menschen und später im Rehazentrum Sankt Michael. Als das ehemalige Rentamt zu klein wurde, sei auf der Klosterruine ein neues Missionshaus Sankt Josef errichtet worden. „Ich erinnere mich, dass in den 1960er Jahren zeitweilig 20 junge Schwestern hier ihr Noviziat begannen.“ Es gehöre zur Tradition der Dominikanerinnen, nicht an feste Orte oder Klöster gebunden zu sein, schloss Fasel. Gemeinsam mit Schwester Marie-Christopher Wehner legte sie vor dem Christuskind in der Krippe als Symbol für die Gaben der Sterndeuter goldene Professringe, Weihrauch und Myrrhe ab – die Ringe für die Bereitschaft zur Verkündigung des Evangeliums und als Zeugnis für das Leben in Gemeinschaft, Weihrauch als Symbol für das Gebet und Gotteslob, Myrrhe als Heilmittel und Zeichen der Vergänglichkeit.

Vertreter von Kirche und Gemeinde würdigen das Wirken der Schwestern

Kongregationspriorin Schwester Paula-Mary van der Walt dankte allen Unterstützern des Klosters für die „unglaubliche Großzügigkeit und Treue für unsere Schwestern und die Mission“. Ohne diese wäre es den Schwestern unmöglich gewesen, ihren Dienst für die Menschen auszuüben. „Für unsere Schwestern ist nun die Zeit gekommen, ihre Lebensreise in einem neuen Raum, an einem neuen Ort und in einer neuen Zeit fortzusetzen. Wenn wir das Missionshaus Sankt Josef in Neustadt verlassen, bewahren wir Sie in unseren Herzen und versprechen Ihnen, Sie im Gebet zu unterstützen.“ Provinzoberin Schwester Christiane Sartorius erklärte: „Wir gehen mit einem weinenden Herzen, dankbar für all das Gute, das wir hier an diesem Ort erfahren haben und geben durften.“ Die Situation in Kirche und Gesellschaft habe sich verändert. So wie Abraham der Weisung Gottes gefolgt sei, so folgten die Schwestern nun dem Stern, wenn nicht freiwillig, so doch bereitwillig. „Wir gehen mit der dankbaren Gewissheit, dass nichts umsonst war, dass Neustadt und die Menschen hier uns Heimat waren und uns getragen haben.“

„Tief bewegt von so vielen guten Worten der Wertschätzung und des inneren Mitgehens sagen wir aus tiefstem Herzen Vergelts Gott“, sagte Schwester Hilke Stenner im Namen der Schwestern. „Trotz des inneren Schmerzes spüren wir eine innere Energie, auch in zunehmendem Alter als Dominikanerinnen unser Charisma zu leben und neu zu entdecken. Mit den wohltuenden Gaben des heutigen Gottesdienstes gehen wir reich beschenkt mit der neuen Sendung nach Kist.“ Für die Pfarrgemeinde sangen drei Frauen das Lied „Dein Wort ist wie ein Lichtstrahl“ und erklärten: „Wir möchten herzlichen Dank sagen für das gute Miteinander auf dem gemeinsamen Weg. Ihr fehlt uns in Neustadt und Erlach, doch in Gedanken und im Gebet bleiben wir verbunden.“

Gemeinderat Peter Gowor überbrachte das Grußwort von Bürgermeister Stephan Morgenroth, der verhindert war. „Neustadt ohne Kloster und die Schwestern ohne Neustadt, das ist eigentlich unvorstellbar“, schrieb dieser. Doch sei allen bewusst gewesen, dass die Zeit der Dominikanerinnen in Neustadt nicht unendlich sein werde. Es kennzeichne den Orden, dass die Schwestern sich nicht an einem Ort festmachten, sondern unterwegs seien zu neuen Aufgaben, „und Kist ist ja schließlich nicht Südafrika. Ich bin mir sicher, viele Neustadter und Erlacher werden ihr Versprechen wahrmachen und Sie in Kist besuchen kommen.“ Im Namen der Gemeinde wünschte Morgenroth den Schwestern alles Gute und Gottes Segen. Gowor selbst erinnerte sich an die „glücklichen Gesichter“ der Schwestern, wenn die Freiwillige Feuerwehr sie zum Seniorentreffen in das Forsthaus Aurora fuhr: „Bewahren Sie sich diese Freude, Ihre Güte und Ihr Lächeln, damit die Menschen in Kist spüren, wie besonders Sie sind.“

Rudolf Madre, Vorsitzender des Pfarrgemeinderats, nannte das Kloster die „Keimzelle des spirituellen und geistlichen Lebens“ der Region: „Mit dem Kloster verlieren wir einen Teil unserer Identität. Wir hoffen und wünschen, dass es bald eine Nachfolgelösung geben wird.“ Das Kloster und die Schwestern seien für die Gemeinde immer eine „Bereicherung und ein Segen“ gewesen. „Wir bedanken uns bei Ihnen ganz herzlich, dass Sie 113 Jahre unsere Nachbarn und Gemeindemitglieder waren und für die vielen Dienste und Unterstützung die Sie in unserer Gemeinde geleistet haben. Für die Zukunft wünschen wir Ihnen alles Gute und Gottes Segen in ihrem neuen Zuhause.“

„Man war eine große Familie, so habe ich es empfunden“, sagte Helene Brehm, Kirchenpflegerin von Erlach-Sankt Johannes der Täufer. Als Kind habe der Weg zu den Großeltern durch den Klosterhof geführt, ihre Mutter habe alle Schwestern beim Namen gekannt. Und wenn die Kinder sich beim Spielen verletzten, gingen sie ins Kloster zur Krankenschwester. „Viele gute Gespräche, ein Lächeln, die Begegnungen und die Weltoffenheit der Schwestern werden uns fehlen. Möge Gott segnen, was Sie zurücklassen müssen, und Sie stärken und begleiten auf Ihrem weiteren Weg.“

Der Gottesdienst wurde musikalisch begleitet von der Kantorei Sankt Michael und Dekanatskantor Alfons Meusert an der Orgel.

sti (POW)

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