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Predigt 23. Sonntag C 2019

„42“

„42“ – Das ist die Antwort. Auf welche Frage? Das kann ich Ihnen auch nicht so genau sagen. Aber in jedem Fall ist 42 die Antwort auf alles. So jedenfalls findet es der Autor Douglas Adams in seinem 1971 erschienen Sci-Fiction-Klassiker „Per Anhalter durch die Galaxis“ heraus.

Es war an einem ziemlich miesen Donnerstag. Der Held des Romans, Arthur Dent, muss gerade den Versuch der kommunalen Baubehörde abwehren, sein Haus als Hindernis für eine Umgehungsstraße aus dem Weg zu räumen, da erscheinen am Himmel unzählige Raumschiffe eines intergalaktischen Bautrupps, ziemlich hässliche und unangenehme Typen, Vogonen, die passenderweise genau das Gleiche mit der Erde vorhaben. Durch die Galaxis soll eine Umgehungsstraße gebaut werden und deshalb jagen sie mal schnell die Erde und die Menschheit in die Luft. Ziemlich unfreundliche Typen eben, diese Vogonen. Nur Arthur wird von seinem außerirdischen Freund Ford Perfect gerettet und reist nun als Anhalter durch die Galaxis. Dabei entdeckt er, dass die Erde eigentlich nichts anderes war als ein Supercomputer, der sein zehn Millionen Jahren daran rumgerechnet hat, was eigentlich der Sinn von allem, von Leben, vom Universum, vom Menschsein und so weiter ist. Gebaut wurde dieser Supercomputer Erde nur, weil schon vorher ein genialer Computer, Deep Through, nur sehr unbefriedigend Antwort gab auf die Frage nach allem. 7,5 Mio. Jahre rechnete der Computer und spukte dann die Antwort aus „42“. Natürlich waren seine Auftraggeber, eine außerirdische Forschergruppe von Mäusen, nicht unbedingt damit zufrieden. Warum war „42“ die Antwort auf die Frage nach allem? Das gibt doch mehr Rätsel als Lösungen auf.

Deep Thought fügt seiner Antwort, von der er absolut überzeugt ist, dass sie korrekt ist, aber noch eine entscheidende Erkenntnis hinzu, die seine unzulängliche Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest rechtfertigt.

“I think the problem, to be quite honest with you, is that you've never actually known what the question is.”

Fei übersetzt: „Ich denke, das Problem, um ganz ehrlich mit Ihnen zu sein, ist, dass sie nie ganz genau wussten, was eigentlich die Frage ist.“

Das ist schon ziemlich philosophisch für einen Computer.

Die Menschen wissen gar nicht, wie sie die Frage nach Allem, nach dem Leben, nach dem Universum richtig formulieren sollen.

Das knüpft satirisch an die große Unterscheidung an, die uns heute in den Lesungen vorgelegt wird zwischen Verstand und Weisheit. In beiden Fällen geht es um Wissen.

Der Mensch ist heute in der Lage, mit seinem Verstand viele Geheimnisse zu ergründen. Er entdeckt die DNA des menschlichen Lebens. Er kommt ganz nah an den Urknall, mit dem das Universum entstand. Er findet wie vor kurzem in Äthiopien, als der Schädel eines 4 Mio. Jahre alten Vorgängers des Menschen auftauchte, seine eigenen Wurzeln. Aber er ist nicht in der Lage, dem Geheimnis des Lebens, der Frage „Warum das alles“ auf die Spur zu kommen mit all seinen Computern, seinen Enzyklopädien und Algorithmen, die ja scheinbar alles Leben und Denken bestimmen. Der Mensch ist wahrscheinlich noch nie so reich an Informationen und intellektuellem Wissen gewesen wie heute. Aber die die wirklich großen Fragen „Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn meines Lebens.“ Denen ist er nicht nur nicht viel nähergekommen, vielleicht hat er sich sogar noch weiter von den Antworten entfernt. Mehr als „42“ bekommt er nicht raus.

Das ist, verstehen Sie es nicht falsch, keine Bildungskritik oder gar das Plädoyer für einen Kreationismus oder sonst einen blinden Glaubensfundamentalismus, der menschliches Wissen ablehnt. Nein, ich freue mich jedes Mal, wenn die Astrophysik neue Erkenntnisse über das Weltall und die Erde präsentiert oder wir mehr erfahren über das, was den Menschen biologisch-medizinisch eigentlich ausmacht.

Aber die Lesungen holen uns ein in einer einseitigen Fixierung auf die Naturwissenschaften und ihre scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. Es ist faszinierend, was der Mensch erforschen kann, aber dabei darf nicht übersehen werden, dass wir es eigentlich immer nur mit Theorien, nicht mit unfehlbaren Lehrsätzen, die unumstößlich sind, zu tun haben. Was uns heute so logisch erscheint, kann in einigen Jahrzehnten völlig in Frage gestellt werden, sogar die Relativitätstheorie. Wir schaffen Erklärungsmodelle für unseren Verstand, wann, wie und unter welchen Umständen Leben, Universum und der ganze Rest entstanden. Aber wir können ehrlich gestanden nicht die letzte „Warum-Frage“ beantworten mit unseren Experimenten und Theorien. Welchen Sinn macht unser Leben, das kann uns nicht der Verstand beantworten, sondern nur eine andere Wissensquelle, die Weisheit, von der Jesus Sirach und Jesus im Lukas-Evangelium reden.

Die Weisheit ist kein theoretisches Wissen, sie ist Praxis, aber auch kein blinder Pragmatismus oder Aktionismus. In der Bibel wird sie sogar gerne mit einer Frau, Sophia, identifiziert, eine weibliche Gestalt, die schon am Anfang der Schöpfung bei Gott ist.

Die Weisheit ist nicht leicht zu finden. Sie offenbart sich in der Tora, dem Gesetz Gottes, in den Erfahrungen, Überlieferungen und Traditionen des Volkes Gottes und im Handeln und Reden von gerechten Menschen.

Weisheit will wie die Wissenschaft die Gesetzmäßigkeiten der Welt und des Lebens ergründen, aber nicht in Theorien, sondern in Erfahrungen, über die nachgedacht wird und aus denen man Konsequenzen zieht. Das ist charakteristisch für die Weisheit: Sie nimmt die Dinge nicht einfach als gegeben hin, sondern fragt nach, warum ergeht es mir so wie es mir geht, welches Verhalten ist richtig, um glücklich zu leben und wo finde ich den Urgrund des Lebens, aus dem sich der Sinn meines Lebens erschließt. Für die Bibel ist es selbstverständlich, dass die Weisheit mit dem Glauben an den Schöpfer in enger Verbindung steht. Die Weisheit fragt nicht nur nach den Entwicklungsstufen des Lebens, sondern bewundert die Größe und Schönheit der Schöpfung und erkennt darin ein Geschenk, eine Zuwendung Gottes. In Psalm 19 heißt es:

 Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Firmament kündet das Werk seiner Hände. Ein Tag sagt es dem andern, eine Nacht tut es der andern kund, ohne Rede und ohne Worte, ungehört bleibt ihre Stimme. Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde. Dort hat er der Sonne ein Zelt gebaut.

Die Schöpfung trägt eine Botschaft für den Menschen in sich: Die Schöpfung weist auf den Schöpfer hin, so die Überzeugung der Weisheit. Das Leben ist nicht einfach Objekt für Forschungszwecke, ihm haftet ein tiefes Geheimnis an, das nicht in der Verfügung des Menschen steht, eine Würde, die ihm nicht vom Menschen zugesprochen wird, sondern nur von ihm erkannt, weil sie letztlich in Gott gründet. Weisheit versteht, dass dem Menschen nicht nur aufgetragen ist, die Welt zu erforschen, sondern auch sie zu bewältigen, in ihr in der Zeit zu bestehen und das kann er nur mit einer demütigen Grundhaltung, die erkennt, dass unsere Sicht zu klein ist, die glaubt, dass alle Fragenzeichen bei Gott aufgehoben sind, die dem Heiligen Geist traut und versucht zu tun, was richtig und anständig ist.

Der Mensch, der erkennt, dass alles vom letzten Urgrund erzählt, der muss sich nicht mit „42“ zufriedengeben, aber zugleich spürt er, dass alles zusammenhängt und einen Sinn macht.

Weisheit ist nicht ein Spezialistenwissen oder sogar Besserwisserei, sondern eine Erkenntnis des achtsamen Menschen. Es gibt da nicht ganz weise oder gar nicht. Weise zu handeln und zu reden geschieht oft als Bemühen, Zusammenhänge zu sehen und die Dinge im Kontext zu verstehen, sich nicht vorschnell mit schnellen Sinneseindrücken. Weisheit kann da geschehen, wo ich vielleicht nicht alles durchdringe, aber in einem Streit die Haltung lebe, dass ich wirklich verstehen möchte, was das Problem des Andren ist. Weisheit hat viel damit zu tun, dass ich aus der Erfahrung lerne, dass nicht alles so vordergründig sich erschließt, und zugleich versuche das zu leben, was man heute Empathie nennt. Die Weisheit tritt immer da hervor, wo ein Mensch gelassen denkt und handelt, v.a. die Freude am Leben und nicht das Klagen in seinen Äußerungen und Handeln erkennen lässt, wo er großzügig ist, weil er nicht kleinlich und ängstlich den anderen beäugt und wo er sich bemüht, ehrlich und anständig zu bleiben, weil er weiß, dass der Betrug und das Ausstechen des Anderen am Ende nie erfolgreich sein werden. Weisheit hat immer etwas mit einem großen Herzen zu tun, der Mitte des Personseins.

Und Weisheit ist eine Haltung des Glaubens, das betont heute Jesu mit seinem Wort vom Kreuz, das es täglich zu tragen gilt. Der weise Mensch wird nicht nur über das Leid klagen, sondern sich auch daran erinnern, wie oft er Hilfe aus seinem Vertrauen in Gott erfahren hat. Davon reden die Gleichnisse: Wir folgen Jesus nicht nach blauäugig und unbedarft. Wir kennen die Risiken, geprüft zu werden, zu zweifeln und uns fern von Gott zu fühlen. Der Glaube eines weisen Menschen ist nicht die Sehnsucht nach einem Allheilmittel gegen das Dunkle im Leben, sondern das Vertrauen und Wissen, dass ich mit Gottes Hilfe bestehen kann.

Im Sinne des heutigen Evangeliums heißt das, sich einzugestehen, dass Nachfolge Jesu im Glauben etwas kostet, nicht Geld, sondern eine freie und reiflich überlegte Entscheidung.

Liebe Schwestern und Brüder

Wer glaubt, muss nicht den Verstand leugnen, aber er muss ihn manchmal anstrengen, um nicht zerrissen zu werden. V.a. muss er ihn immer wieder mit einem anderen Wissen in Einklang bringen, dem der Erfahrung mit Gott und den Menschen. Dann werden wir die richtigen Fragen stellen: „Woher kommen wir, warum sind wir da, wohin gehen wir“ Und die Antwort, die wir bekommen, wird mehr sein als „42“, sie wird in Gott gefunden werden, der einmal keine Fragen mehr unbeantwortet sein lässt. Amen.

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