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6. Fastenpredigt am 25.03.2021, 19:00 Uhr

Pessach und Ostern – jüdische Festkultur und christliches Kirchenjahr

Pessach_und_Ostern_Fastenpredigt.pdf

Endlich geht es wieder rauswärts. Die Tage sind schon wieder länger und die Natur erwacht zu neuem Leben. Auch wenn wir gute Strategien haben, mit Heizungen und gut isolierten Häusern der Kälte und unangenehmen Wetter zu trotzen, ist es ein schönes Gefühl, wenn die dunkle, kalte Jahreszeit vorbei ist.

Die Natur prägt das Leben von uns Menschen von jeher. Die Jahreszeiten mit ihren Eigenheiten und früher der immer fortwährende Kreislauf, aus Sähen – Wachsen – Ernten und Brache bzw. Weidewechsel für das Vieh. Nur zu klar, dass diese lebensbestimmenden Faktoren nicht nur von Arbeit geprägt, sondern auch kultisch begangen wurden. Und so sind wir bei den Wurzeln des Pessach- Festes und unserer bedeutendsten Feiertage, die wir von Gründonnerstag bis Ostern begehen.

Die Geschichte dieser Feste beginnt in den Feiern nomadischer und sesshafter Kulturen, noch weit bevor es das Pessach-Fest gab. Das zeigt sich unter anderem an den Speisen. Zu einem Pessach-Mahl gehören - neben einigen Anderen – zwei wichtige Speisen: Ein gebratenes Lamm, bzw. heute eine Lammkeule und Mazzen, also ungesäuertes Brot. Aus dem Buch Exodus wissen wir, dass das Lamm, das für das Festmahl bestimmt war, einjährig, männlich und fehlerfrei sein sollte. Und es soll über dem Feuer gebraten werden. Diese Vorschriften weisen auf eine Praxis von Nomaden hin, die mit ihren Viehherden unterwegs waren. Durch dieses Opfer wollten sie von ihrer jeweiligen Gottheit Schutz für die Herde und den Weidewechsel erbitten. Auch der Hinweis, dass das Lamm gebraten werden und im Kreis der eigenen Familie oder Sippe verzehrt werden soll, deutet auf ein solches Fest hin.

Aber was haben jetzt die Mazzen damit zu tun? Im Ursprung anscheinend erst einmal nichts. Denn zunächst fällt auf, dass auch die Tora je eigene Feste für diese Speisen kennt. Das Lamm für das Pessachfest am 14. Nissan und die Mazzen für das Fest der ungesäuerten Brote, das nicht genau terminiert ist. Diese ungesäuerten Brote werden aus Mehl verschiedener Getreidesorten hergestellt. Das legt nahe, dass dieser Brauch aus dem Umfeld sesshafter Bauern stammen muss, die mit diesen Broten die erste Getreideernte feierten.

Erst im Laufe der Zeit verschmolzen die beiden Festbräuche miteinander und wurden zu weit mehr als einem bloßen Naturfest:

Sie fanden Eingang in das Fest, das für Juden einen wichtigen Teil der religiösen Identität darstellt und auch für uns Christen keineswegs bedeutungslos ist: Das Pessachfest zur Ehre und Erinnerung an die großen Taten Gottes, mit denen er seinem Volk zum Auszug aus Ägypten verhalf. Das große Fest der Freude und der Befreiung aus der Sklaverei. Ein Ereignis, das niemals vergessen werden soll und von den Eltern ihren Kindern von Generation zu Generation erzählen sollen, wie wir es eingangs im Psalm gehört haben. Es geht also bei weitem um mehr als ein bloßes Nacherzählen von dem, was passiert ist. Es geht um ganzheitliches Erleben und Vergegenwärtigen von dem, was damals passiert ist. Das Bild, das Sie am Eingang bekommen haben, verdeutlicht das. Der Künstler, Arthur Szyk hat es für eine Haggada, also für das Textbuch, in dem die Texte für das Seder-Mahl stehen, im Jahr 1935 gemalt. Wir sehen das Familienoberhaupt an der Stirnseite des Tisches im Kreise seiner Familie sitzen. Der Tisch ist edel eingedeckt und die symbolischen Speisen dürfen nicht fehlen, die die Erfahrungen des Auszugs aus Ägypten geschmacklich zum Ausdruck bringen. Auf dem Bild sind sie auf der Platte in der Mitte zu sehen. Ich kann mir richtig gut vorstellen, wie das jüngste Kind am Tisch zu den vier ritualisierten Fragen ansetzt „Ma nischtana haLaijla hase mikol haLeijlot?“ („Warum ist diese Nacht anders als alle anderen Nächte?“) und wie der Opa feierlich die Antworten aus der Haggada vorträgt: „Einst waren wir Sklaven in Ägypten – jetzt sind wir frei.“

Das muss gefeiert werden, in einer Nacht, die so ganz anders ist als alle anderen Nächte, wie die erste der vier Fragen der Kinder andeutet. Es werden nur dünne Mazzen gegessen – das Brot der Armut. Wer kaum Zeit hat, während der harten Arbeit, die die Ägypter den Israeliten auferlegt haben, bzw. der sich hastig später auf den Auszug aus der Sklaverei vorbereitet, der hat nicht die Zeit, Teig säuern zu lassen und dicke Brote zu backen, die lange brauchen, bis sie fertig sind. Auch die anderen Speisen auf dem traditionellen Sederteller erinnern an die Härte in Ägypten. Man hört also nicht nur davon, sondern man kann das Leid der Vorfahren sehen und schmecken:

In Maror und Chassaret, den Bitterkräutern, die zum Teil in Salzwasser getunkt werden, kann die Bitterkeit des Sklavenlebens und das Salz der Tränen geschmeckt werden, die das Volk damals in Ägypten und später über die Zerstörung des Tempels in Jerusalem weinte.

Chassoret – eine braune Masse, bestehend aus Äpfeln, Datteln, Nüssen und einigen weiteren Zutaten: Sie symbolisiert den Lehm, aus dem die Israeliten Ziegelsteine fertigten.

Karpas, ein Erdgemüse, meist Kartoffeln oder auch Radieschen, werden ebenfalls in Salzwasser getaucht, um an die zermürbende Arbeit zu erinnern. Beitzah, ein gekochtes Ei, das für die Brüchigkeit des menschlichen Lebens steht und Seora, eine Lammkeule mit wenig Fleisch, vervollständigen die rituellen Speisen.

Die Lammkeule ist das Relikt des Pascha-Lammes, von dem sowohl im Buch Exodus als auch im Buch Deuteronomium die Rede ist. Im Kreise der Familie sollte es damals geschlachtet und über dem Feuer gebraten gegessen werden. Mit dem Blut sollten die Türpfosten bestrichen werden, um von der letzten der 10 Plagen verschont zu bleiben. Gleichzeitig steckt da noch ein weiterer Teil der Geschichte des Pessach-Festes drin. Ganz bewusst wird heute darauf geachtet, dass wenig Fleisch an der Keule ist, um daran zu erinnern, dass das Pessach-Fest zur Zeit des Tempels ein Wallfahrtsfest mit einem damit verbundenen Opfer war.

Viel ganzheitlich erlebbare Geschichte ballt sich in diesem Mahl und wird Teil der Gegenwart. Und doch fällt bis hier hin auf, dass es sehr viele Zeichen gibt, die an die schlimme Zeit erinnern.

Das liegt daran, dass Gottes große Befreiungstat nur aus der Erfahrung der Unfreiheit heraus verstanden werden kann. Nur wer Leid und Bedrängnis erfahren oder sich vergegenwärtigt hat, kann ermessen, wie wunderbar es war und ist, dass Gott ein Gott ist, der die Menschen frei macht. Und nur auf diesem Hintergrund wird ein weiteres wichtiges Element des Sedermahls verständlich: Einige Speisen werden, wie auch auf dem Bild zu sehen ist, auf den linken Arm aufgestützt eingenommen. Darin spiegelt sich die antike Mahlkultur der Aristokratie wieder. Sie lagen zu Tisch, auf den linken Arm gestützt und aßen mit der rechten Hand. Somit ist diese Sitzhaltung ein Zeichen der Freiheit. In dieser Nacht soll sich jeder so frei fühlen wie die Aristokratie. In dieser Nacht soll jeder genauso frei sein, wie diejenigen, die Gottes Volk immer wieder daran hinderten, frei zu leben und es unterdrückten. Auch die vier Becher Wein drücken die übergroße Freude über Gott und seine Befreiungstat aus. Deshalb werden sie auch bis zum leichten Überlaufen eingeschenkt – bis auf eine Ausnahme: Die Befreiung des Volkes wurde durch 10 Plagen herbeigeführt. Deshalb werden bei einem Becher 10 Tropfen entnommen, als Zeichen der leicht eingetrübten Freude aufgrund des Leids, das den Ägyptern wiederfahren ist.

Das Fest bleibt aber nicht in der Vergangenheit stehen. Vielmehr pflegen manche die Tradition, dass an diesem Abend die Kinder mit einer Kerze in der Hand die Tür öffnen und nach dem Messias Ausschau halten. In diesem Fest verbinden sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die von Gottes Handeln getragen sind.

Der Weg Gottes mit seinem Volk hört niemals auf. Das vereint uns mit unseren jüdischen Glaubensgeschwistern. Für uns Christen zeigt sich diese Verbindung in Jesus Christus. Er selber war - das haben wir bereits gehört – Zeit seines Lebens Jude, ging in die Synagoge und feierte von klein auf alle wichtigen Feste, so auch das Pessachfest. Den Evangelisten war es wichtig herauszustellen, dass sein Leiden, Tod und Auferstehung an Gottes Heilstat beim Auszug aus Ägypten anknüpft. Er kam in seinen letzten Lebenstagen nach Jerusalem, um dort mit seinen Jüngern das Paschafest zu feiern. Entsprechend war es den synoptischen Evangelisten, also Markus, Matthäus und Lukas wichtig herauszustellen, dass das letzte Abendmahl Jesu ein Paschamahl war, wie wir vorhin in der Lesung aus dem Lukasevangelium gehört haben. Bis heute ist der Aufbau der Gebete über Brot und Wein in der Messfeier an die Gebete angelehnt, die während des Pessach-Mahls über Brot und Wein gesprochen werden. Aufgrund dieser Berichte könnte es nahe liegen zu meinen, dass Jesus das Paschamahl vor seinem Leiden und Sterben umgedeutet hat. Die Mittlere der drei Mazze wird ja beim Sedermahl auch gebrochen und verdeckt bis zum Ende des Mahls aufbewahrt. Jesus ergänzt hier die Worte, die uns so vertraut sind: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird und beim Kelch: Das ist der Kelch des neues Bundes in meinem Blut. Neues und Kontinuität kommen hier zusammen. Jesus als neues Paschalamm, der sich für die Menschen hingibt, um sie von der Knechtschaft von Sünde und Tod zu befreien.

Noch deutlicher und historisch wahrscheinlicher wird das, wenn wir in das Johannesevangelium schauen. Denn nach der Logik der synoptischen Evangelien hätte Jesus am Paschafest gekreuzigt werden müssen, wenn er vorher noch das Sedermahl mit seinen Jüngern gefeiert hat. Johannes hingegen erzählt Jesu letzte Lebenstage so, dass Jesus am Rüsttag, also am Tag vor dem Paschafest gekreuzigt wird. Er stirbt sozusagen gemeinsam mit den Paschalämmern, die für das große Fest der Befreiung aus Ägypten vorbereitet wurden.

Und auch hier zeigt sich wieder: Gott ist es, der aus der Dunkelheit, aus dem schlimmsten Leid heraus befreit, Jesus auferweckt und damit nicht nur ihm sondern auch uns neues Leben schenkt. In der Auferstehung Jesu setzt sich Gottes befreiendes Handeln fort. Das Leben besiegt den Tod, die Angst muss der Freude weichen. Das wird spürbar, wenn wir in der Osternacht nicht nur von Jesu Auferstehung, sondern auch vom Auszug aus Ägypten hören, den unsere jüdischen Glaubensgeschwister bereits eine Woche vorher gefeiert haben. Gottes Heilshandeln war nie unterbrochen und wird es niemals sein. Er ist ein Gott der Freiheit und des Lebens. Um uns Menschen das zu ermöglichen hat er unvorstellbares möglich gemacht – im Auszug aus Ägypten und aus unserer christlichen Sicht in besonderer Weise durch Jesu Leiden, Tod und Auferstehung. Er befreit damals wie heute aus Abhängigkeiten, die das Leben einengen und begrenzen, damit uns nicht einmal mehr Leid und Tod von ihm trennen können.

Gott bietet allen ein Leben mit ihm in Freiheit an. Und wir dürfen – genauso wie das Volk Israel damals und unsere jüdischen Glaubensgeschwister heute – Gottes großes Geschenk in der je eigenen Weise und religiösen Praxis annehmen und feiern: In Form der Erinnerung an den Auszug aus Ägypten, wie es unsere jüdischen Glaubensgeschwister tun und in Form unserer Kar- und Ostertage, an denen wir die Feier von Jesu Leiden, Tod und Auferstehung begehen.

Die wichtigsten Tage für uns Christen sind mit den Pessach-Fest deutlich verwoben, wie bereits dargestellt wurde. Und trotzdem gibt es Unterschiede im Inhalt und in der Feierpraxis. Diese gilt es wahr- und respektvoll anzunehmen. Pessach und die Festtage von Jesu Leiden, Tod und Auferstehung haben ihre je eigene große Bedeutung der Geschichte Gottes mit den Menschen, sodass Ostern niemals als Ablösung des Pessach-Festes gesehen werden darf.

Juden und auch wir als Christen können uns in einer langen Tradition von Menschen wissen, die Freiheit mit Gott an ihrer Seite erlebt haben. Und genau wie das Pessach ein Fest der Freude ist, dürfen wir ebenfalls die Freude über Jesu Auferstehung und Gottes große Taten für uns auch über die Osterzeit hinaus in unser Leben und unseren Alltag hineinnehmen.

Agnes Donhauser, Pastoralassistentin

 

 

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