headeroben

"Der Weltraum - unendliche Weiten" -

Ewige Dunkelheit, absolute Stille, unentdeckte Welten, farbige Galaxien, funkelnde Sterne, die uns anziehen, Orientierung geben, das Geheimnis des unendlichen Kosmos ahnen lassen, strahlende und geheimnisvolle Lichter am Himmel, die seit Jahrtausenden die Menschen in ihren Bann ziehen.

Quatsch! Alles nur verdichtetes Gas, das leuchtet, nichts besonderes. Alles ganz schnell zu erklären.

Was sind Sterne und welcher Stern ist vertrauenswürdig? 

In einem meditativ gestalteten Gottesdienst zum Vorabend Hochfestes "Erscheinung des Herrn" führte das Team von "Teffpunkt Gott" mit interssanten und nachdenklichen Impulsen die rund 200 Gottesdienstbesucher tiefer ind as Nachdenken über die Botschaft der Weisen aus dem Morgenland, die dem Stern bis nach Bethlehem folgten. 

Daniela Sultan, Eva Sultan, Katja und Philipp Seith hatten diesen besonderen Gottesdienst zwischen Neujahr und Epiphanie vorbereitet als Impuls und Hilfe für den Weg durch die kommenden Tage des neuen Jahres. 
Kantor Alfons Meusert vertiefte den Gedanken mit eindrucksvollen Orgelimprovisationen.

In seiner Predigt griff Pfarrer Johannsen den Roman "Die Drei Könige aus dem Morgenland" von Michel Tournier auf und deutet sie auf das Leben der Gottesdienstbesucher. 

Predigt zum Epiphaniefest 2020

Treffen sich in der Wüste ein liebeskranker Afrikaner, ein spleeniger Kunstsammler aus dem Osten und ein arabischer Jungpolitiker, dessen politische Karriere ziemlich rabiat ausgebremst wurden. Klingt ein wenig nach dem Anfang eines modernen deutschen Episodenfilms auf ARTE, der in endlosen Dialogen die seelische Probleme dreier gescheiterter Existenzen aufarbeitet. Nicht besonders unterhaltsam. Den Humor von den Drei von der Tankstellen sollte man sicher nicht erwarten und die Spannung von Drei Engel für Charlie wird auch nicht erreicht. Für eine Hollywood-Verfilmung mit viel Stunts und Toten eignet sich der Stoff nicht, eher für eines der Psychologischen Kammerspiele, die wir Sonntagabend jetzt „Tatort“ nennen und über die wir uns immer ärgern, weil wir sie nicht verstehen und sie sich endlos ziehen.

Aber auch das ist es nicht. Die drei beschriebenen Charaktere sind die Ausgangssituation für einen der wundervollsten Erzählungen des französischen Schriftsteller Michel Tournier „Die Könige aus dem Morgenland“. Tournier, vor drei Jahren verstorben, war einer der großen französischen Romanciers, der auch eine große Affinität zur Deutschen Literatur hatte. 1983 verfasste er seine kleine Erzählung „Caspar, Melchior und Balthasar“ in der er die Geschichte der drei Protagonisten des heutigen Tages erzählt und noch ein wenig mehr. Matthäus lässt uns ja so sehr im Dunkel über die drei faszinierenden, aber zugleich auch so rätselhaften Gestalten, die da heute nach Bethlehem kommen. Die Weisen aus dem Morgenland, deren Lebensgeschichten und abenteuerliche Reise hier erzählt werden, gehören zu den schillerndsten und geheimnisumwobensten Gestalten im Neuen Testament.Wir wissen von ihm noch nicht einmal, dass es wirklich drei sind, geschweige denn, dass es Könige sind. Darum hat die Tradition versucht, die Leere zu füllen und sie zu Vertretern gemacht der großen Kontinente Asien, Europa und Afrika, der drei Lebensalter Jugend, Mittelalter und Alter, der drei Glaubensformen „Suchen, Feiern und Anbeten“. Tournier hat alte Legenden aufgegriffen und den Gestalten Fleisch gegeben, auch wenn dabei manches heute nicht mehr politisch korrekt erscheint. Eine Tagesreise entfernt von Jerusalem treffen aus dem Süden kommend, der König von Meroe, Kaspar, aus dem Osten kommend der König von Nippur, Balthasar, und mit ihm ein junger Prinz aus Palmyrien, Melchior. In seinem opulenten, farbenprächtigen Werk erzählt Michel Tournier, warum die drei Könige aufbrechen, um unter erheblichen Mühen dem Stern von Bethlehem zu folgen. Was haben sie auf ihrer Reise entdeckt und für sich erkannt?

Kaspar, der junge schwarze König von Meroe, Liebhaber des Weihrauchs, macht sich mit einer Karawane aus 50 Kamelen auf den Weg; er sieht im Stern von Bethlehem seine Geliebte Biltine, eine betrügerische blonde Sklavin, die Kaspars Herz gebrochen hat.

Balthasar, hochgebildeter König von Nippur, reist mit einer riesigen Schar von Pferden; im Gepäck hat er einen glühenden Klumpen Myrrhe. Der Stern bedeutet ihm einen geraubten Schmetterling, ein Symbol der Künste, die für Balthasar das teuerste Gut überhaupt darstellen.

Der mittellose Prinz Melchior von Palmyrien geht zu Fuß - er ist auf der Flucht vor seinem mordgierigen Onkel, sein ganzer Besitz ist ein Goldstück, auf das das Antlitz seines Vaters geprägt ist.

Drei Menschen sehen einen Stern - Drei, deren Leben äußerlich noch durchaus in der Spur ist. Niemanden dürfte auffallen, dass da Verwundungen sind, die Schmerzen einer betrogenen Liebe, die Enttäuschung über die Ignoranz der Untertanen, die Angst vor den Nachstellungen der eigenen Familie. Äußerlich ist alles noch gut, innerlich aber ist es in ihnen finster geworden:

Bin ich nur ein Mensch zweiter Klasse, so fragt sich Caspar?

Gibt es nichts wirklich Schönes und für alle Menschen Wertvolles, fragt Balthasar?

kann ich überhaupt jemanden Vertrauen, sorgt sich Melchior?

Und sie werden vom Stern, dem Licht in ihrem Herzen, mehr als dem Lichtern am Himmel, zu einem Ort geführt, wo sie Antwort bekommen:
Kaspar erkennt, dass Kind schwarz ist wie er, und er wird seinen Enkeln noch davon erzählen.

Balthasar wird im Stall das wahre Bild der neuen christlichen Kunst entdecken, dass für alle Zeiten Mensch und Gott verbindet

Melchior wird nicht im despotischen Herodes sein Vorbild erkennen, sondern im ohnmächtigen Kind, dem Herrscher des Himmels.
Alle drei sind aufgebrochen, ohne zu wissen, auf was sie sich einlassen, und haben sich von einem Stern leiten lassen, einer inneren Sehnsucht, einem Ruf Gottes zum Aufbruch, und können heimkehren, versöhnt und in Frieden mit sich, den Menschen und Gott. Sie haben ihre Sternstunde erlebt, die ihr Dunkel im Herzen erhellt und sie wieder leben lässt.

 Aber warum hat nie jemand die Geschichte vom vierten König in der Bibel berichtet? Genau das macht Tournier und erzählt die Geschichte von Prinz Taor von Mangalore in Indien, trotz seines Alters eigentlich noch ein verspieltes Kind, das von seiner Mutter durch viele Ablenkungen von der Macht fern gehalten wird. Ihn treibt die Suche nach der besten Süßigkeit der Welt an. Er ist mit einem riesigen Aufgebot an kulinarischem Proviant, fünf Schiffen und fünf Elefanten unterwegs. Der Prinz ist eigentlich auf der Suche nach einem Rezept für Rahat Lukum, einer besonders köstlichen Art des türkischen Honigs. Taor ist gutmütig und einfältig. Er ist ein Menschenfreund, aber auch einer, der ewig zu spät komment, der die Zeit vertrödelt. Immer ist er den drei anderen ein Tag hinterher. Als er in Bethlehem ankommt, ist die Heilige Familie schon aufgebrochen nach Ägypten. Er will ihnen hinterher und macht Station in Sodom am Salzmeer. Mittlerweile ziemlich mittellos, ist er bereit für einen verschuldeten Familienvater die Strafe zu übernehmen und muss für 33 Jahre in ein Bergwerk arbeiten. Dann, in Freiheit, hört er von dem Kind, das mittlerweile als Jesus von Nazareth in aller Munde ist und bekommt den Hinweis, dass er ihn in Jerusalem treffen werde. Er eilt in die Stadt, die sich zum Paschafest rüstet. Man nennt ihm ein Haus, in dem Jesus und seine Jünger das Paschmahl in einem Obergemach feiert. Und voll Hoffnung, in endlich zu begegnen, stürmt er die Treppe hinauf und findet den Saal leer. Jesus ist bereits auf dem Weg nach Gethsemane, wo sich sein Schicksal vollenden soll. Schon wieder zu spät - doch da sieht er auf dem Tisch noch ein Stück Brot und einen Schluck Wein vom letzten Abendmahl. Er, der König, der immer zu spät kommt, wird der erste sein, der die heilige Kommunion empfängt. Anders als bei den Königen vor ihm, deren Heimkehr und ihre spätere Wandlung wieder erzählt wird, endet die Geschichte Taors hier. Er kehrt nicht mehr zurück. Sein Aufbruch ist endgültig gewesen, keine Unterbrechung und Heilung, die zurückführt.

 Die drei, die auch Platz in unserer Krippe gefunden haben, können viele mitnehmen, die wissen, dass ihr Weg immer wieder an den Ausgangspunkt zurückführt. Wir sind alle Reisende, auf der Suche nach einem erfüllenden und erfüllten Leben. Ganz sicher gibt es da Wünsche, Sehnsüchte, Hoffnungen, die unser Leben noch antreiben, sonst hätten wir uns selbst aufgegeben. Aber wir sind nicht ständig im Aufbruch. Wir haben fest Orte und Beziehungen, die uns halten, die gut sind und Sicherheit versprechen: Familien, Heimat, Lebensgewohnheiten, Berufe und Kreise, auch unsere Gemeinden. Viele von uns, brauchen immer wieder den Stern, der ihnen bestätigt, dass ihr Leben in der richtigen Spur ist, aber die wenigstens werden werden den radikalen Umbruch suchen. Wir werden zum größten Teil nächste Woche wieder hier sein, nächsten Monat, nächstes Jahr, wahrscheinlich auch noch in zehn Jahren. Wir suchen etwas, das unserem Leben Richtung gibt, aber nicht etwas, das es auf den Kopf stellt. Dafür stehen die Könige Jahr für Jahr an der Krippe, sie nehmen uns mit. Der Stern ist ein Zeichen der Hoffnung, dass unser Leben nicht leer und sinnlos verläuft, dass wir immer wieder darauf hoffen können, Sternstunden zu erleben, die uns helfen, zu leben ohne zu verzweifeln an Eintönigkeit, Routine und Perspektivenlosigkeit. Und manchmal wird er uns, wie die Könige der Stern, herausrufen, etwas Neues zu wagen, nichts Weltbewegendes, keine Revolution, aber doch ein kleines Abenteuer, das unserem Leben wieder Spannung gibt.

 Aber dann wird auch noch der eine oder die eine sein, ganz egal wie alt, der Taor von Mangalore unter uns, der aufbricht und nicht zurückkehrt. Er oder sie spüren es schon, dass zurückbleiben Verlieren heißt und so schmerzlich es ist, es gilt Neuland unter die Füße zu nehmen, auch wenn man nicht weiß, wohin einen der Weg führt oder ob man je ankommt oder nicht gar zu spät kommt. Ich bin überzeugt, dass unter uns schon diese eine oder dieser eine sitzt, der im Herzen schon den Stern gesehen hat, dem er folgen muss, wenn es nicht dunkel werden soll in ihm. Für ihn oder sie muss Hermann Hesse in seinem wunderbaren Gedicht Stufen die Zeilen geschrieben haben:

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufre

bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

in andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

 Taor ist ein ewig suchender, moderner Held, der sich über die inneren Beweggründe seiner Reise am wenigsten bewusst ist und der alle auf den Weg schickt und ermutigt, die spüren, man muss das Neue wagen, egal wohin es führt

Ganz sicher unter uns sind sie die Minderheit, aber sie sind hier, in dieser Stunde und in diesem Augenblick und wissen es schon, dass wenn sie nicht gehen, sie im Leben zu spät kommen, ihnen die Zeit davon läuft.

Denen, die bleiben, macht der Stern Hoffnung, dass auch dieses Jahr ein Jahr sein kann, dass nicht einfach nur verrinnende Zeit ist, sondern Sternstunden bereit hält, die unserem Leben Tiefe geben

Denen, die spüren, dass es Zeit zum Aufbruch ist, ermutigt Gott und sagt. „Wage es. Denn unsere Hoffnung ist größer als unsere Angst.“ Amen.

 

­