headeroben

Predigt Silvester 2020 - St. Michael Lohr (Pfarrer Sven Johannsen)

 Annus horribilis - Annus salutis

2020_Annus_horribilis.pdf

„Annus horribilis“, das „schreckliche Jahr“, so hat Queen Elisabeth ihre Bilanz des Jahres 1992 betitelt. Es war das Jahr, in dem die englische Monarchie durch viele Skandale im privaten Bereich sehr nahe an den Abgrund gerutscht ist. Vier Tage vor ihre Rede zum 40. Thronjubiläum am 24.11.1992, in der sie diese Formulierung vom „annus horribilis“ aufnahm, hatte eine heftige Feuersbrunst viele Kunstwerke in ihrem Schloss Windsor Castle zerstört, so dass noch ein zusätzlicher Schock auf der Monarchin lag.
„Annus horribilis“, das „schreckliche Jahr“, drückt wohl das Empfinden der ganzen Menschheit am Ende dieses Jahres aus. Wie sollte man 2020 anders oder treffender charakterisieren? Es war nicht DAS, aber sicher EIN schreckliches Jahr, ausgelöst durch ein Virus, das Angst, Leid, Krankheit und Tod in einem Ausmaß über die Welt gebracht hat, das viele Menschen an die Pest erinnert hat.

 

Aber war es wirklich ein so schreckliches Jahr?

Für die Schöpfung sicher nicht. Auch wenn die Wunden des Klimawandels, der CO2-Belastung, der Verschmutzung von Gewässern und der Abholzung von Regenwäldern nicht geheilt wurden, die Natur konnte zumindest etwas aufatmen. Diese Pandemie hat bewirkt, was kein Klimagipfel oder Umweltaktivist je geglaubt hat, dass es nämlich still und einsam wurde an unserem Himmel. Viele Lebewesen und Lebensräume haben den Rückzug des Menschen in diesen Monaten als heilsame Pause erfahren.

Auch wenn die Menschheit als Ganze mit Entsetzen auf dieses Jahr blickt, in diesem Jahr 2020 haben Menschen auch Glück erlebt:
Es wurden Kinder geboren und sogar einige von Ihnen getauft. Für ihre Eltern waren es besondere Umstände, aber das Jahr 2020 wird für sie immer mit einer der schönsten Erfahrung ihres Lebens verbunden sein. Kinder sind zur Kommunion gegangen und hatten ein schönes Fest. Jubilare konnten mit weniger Gästen als erwartet und mit viel Umsicht ihre Ehrentage feiern oder später nachholen. Es gab Urlaub und Erholung, auch wenn man die Sinnhaftigkeit manches Urlaubsziel in Frage stellen kann.
Menschen haben in diesem Jahr des Abstands die große Liebe gefunden, manche sogar geheiratet, zugegebenermaßen selten 2020 in der Kirche. Für sie wird es immer das Jahr des Glücks sein.

Menschen sind in diesem Jahr erfolgreich nach einer schweren OP von einer heimtückischen Krankheit befreit worden. Auch in diesem Jahr haben Tumorpatienten den Krebs besiegt und werden dankbar auf 2020 zurückblicken.

Und ich glaube sogar, dass für manchen Menschen, der einen langen Weg der Pflegebedürftigkeit und der Schmerzen hatte, das Sterben in diesem Jahr eine Erlösung war. In diesem Sinn haben sich Angehörige immer wieder geäußert.

Wir können auch das „annus horribilis“, das schlimmste Jahr seit dem Ende des zweiten Weltkriegs, nicht einfach abhacken und vergessen als ob mit dem morgigen Tag alles anders werden würde. Dieses Jahr 2020 hat sich nicht am 1.1. entschieden, der Menschheit die Freude am Leben zu vereiteln und der Schrecken endet nicht plötzlich am 31.12.2020.

 

Es war sicher für die Menschheit kein „annus mirabilis“, also ein „Wunderjahr, das ins allgemeinen Gedächtnis der Familie des Homo-Sapiens als glückliches Jahr Einzug halten wird, aber es war doch auch kein reines Katastrophenjahr.

 

Die christliche Tradition ist im Blick auf die Zeit nüchtern. Sie bezeichnet seit Jesu Geburt jedes Jahr als „annus Domini“, also als Jahr des Herrn, oder als „annus salutis“, Jahr des Heils oder Jahr der Erlösung. Was damit gemeint ist, beschreibt die Lesung aus dem Titusbrief, die wir gehört haben.

Ihr liegt die Grundüberzeugung zugrunde, dass es seit dem ersten Kommen des Erlösers, also dem Moment der Geburt Jesu im Stall von Bethlehem, als der ewige Gott in die endliche Zeit des sterblichen Menschen eingrenzen ließ, niemals mehr auch nur einen Augenblick geben kann ohne die Nähe des Herrn. Wie dunkel uns eine Situation erscheinen mag, sie ist immer durchleuchtet von jenem Licht, das in die Welt kam und das die Dunkelheit nicht erfassen kann. Dennoch bleibt die menschliche Zeit endlich bis zur Offenbarung der endgültigen Herrlichkeit des Herrn, der Zeit und Ewigkeit in der Hand hat. Dazwischen läuft die Zeit unseres Lebens und der Geschichte des Kosmos, in der aber die Güte, Menschenfreundlichkeit und Nähe Gottes spürbar ist. Voraussetzung dafür ist, dass wir, wie es der Titusbrief sagt, besonnen, gerecht und fromm in der Welt leben, also ohne panische Fixierung auf das eigene Glück, ohne egoistische Verengung auf den eigenen Vorteil und offen für Gott in meinem Leben.

Heil bedeutet nicht, dass alles perfekt ist, aber dass auch das Bruchstückhafte der Zeit heil und ganz werden kann. 2020 war in seiner Bilanz kein Wunderjahr, aber doch ein Jahr des Heils, weil auch in dieser Zeit viel Gutes geschehen ist. Das gilt nicht nur für einzelne Menschen, die eine Sondergruppe bilden, sondern für die gesamte Menschheit.
In allem Dunkel dieser Zeit ist auch viel Licht aufgestrahlt und das nicht erst am letzten Sonntag als die Impfungen in unserem Land begannen, sondern auch mitten in der schweren Zeit.

 

Ich neige nicht zur Euphorie, dass die Menschen in diesem Jahr besser geworden sind und diese Welt ab jetzt menschlicher sein wird. Wir werden mit Beginn der Normalität auch schnell wieder erleben, wie Menschen die Sehnsucht, das Leben zu genießen, ausleben werden. Erinnern Sie sich an den Sommer, als die Möglichkeit wieder da war, an bestimmte Urlaubsziele wie Mallorca zu reisen. Da saß man schon ungläubig vor dem Fernseher und hat die Bilder von Partys in Bars und an den Stränden gesehen. Das werden wir auch 2021 erleben. Aber insgesamt war dieses Jahr doch mit einem neuen Impuls für mehr Verantwortlichkeit in der Wirtschaft, in der Politik und im Schutz der Schöpfung verbunden. Der Aufruf von Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ zu einer neuen Geschwisterlichkeit in der Weltfamilie wurde nicht nur wohlwollend zur Kenntnis genommen, sondern hat m.E. den Kern der Verletzlichkeit unserer Zeit getroffen.

Ich glaube auch, dass dieses Jahr für die Kirche Heilvolles gebracht hat. Ich bleibe skeptisch, ob die neuen Medien wirklich das große Heil bringen. Was bedeutet es denn, dass 15.000 Menschen auf YouTube die Weihnachtsgottesdienste aus dem Dom angeklickt haben?, wie das Bistum sich selbst feiert. Es glaubt doch keiner, dass alle auch die Verkündigung gehört haben. Natürlich war 2020 ein kreatives Jahr in der Kirche und wir müssen dankbar sein, für die Fortschritte, die wir gemacht haben im Umgang mit den neuen Medien. Aber es immer klar, dass sie die Verkündigung des Evangeliums im Leben der Menschen und die Feier der Gegenwart in seinem Sakrament nicht ersetzen. Aber sicher war es ein erstaunlicher Impuls für die Kirche als Ganzes, neue Formen auszuprobieren. Ich glaube auch, dass der Kirche, v.a. durch die Worte unseres Papstes, manches an Ansehen und Glaubwürdigkeit in dieser Zeit zurückgegeben wurde. (Wenn auch leider „Kirchenbeamte“ alles tun, das Vertrauen der Menschen sofort wieder zu verspielen)

 

Es war auch für unsere Gemeinde ein Jahr des Heils trotz allem Leid und aller Trauer, die die Pandemie und andere Unglücke in unsere Familien gebracht haben. Es gab das Dunkel, das wir nicht vergessen, persönliche Schicksalsschläge, Krankheiten und erschreckend viele Todesfälle. Es war die Erfahrung, die noch immer auf mir und vielen Gemeindemitgliedern lastet, dass wir über Wochen die Gemeinde von der körperlichen Teilnahme an der Feier der Messe ausschließen mussten und noch immer Menschen raten, lieber zuhause den Gottesdienst über andere Medien mitzufeiern. Aber ich möchte doch auch das Heilvolle nicht vergessen, das von Menschen ausging.

Ich glaube, dass diese Zeit uns als Gemeinde neu zusammengeführt hat und auch zusammengeschweißt hat. Es war für viele gut zu sehen, wie wichtig es auch anderen ist, den Glauben im Gottesdienst und im Alltag zu leben. Corona hat viel durcheinandergebracht: Mancher, der heute hier sitzt, hätte noch vor einem Jahr nicht geglaubt, dass er oder sie einmal fest zum Teilnehmerkreis der Gottesdienste in der Stadtpfarrkirche gehört, aber wir brauchen eine Heimat für unseren Glauben und es ist gut, wenn Menschen auf die Suche gehen.

Die Ehrenamtlichen in unserer Gemeinde haben von Anfang an die Seelsorge in Coronazeiten mitgetragen. Wir waren nicht blind gegenüber der Gefahr. In unseren Gremien arbeiten viele Menschen, die beruflich Tag für Tag mit diesen Herausforderungen konfrontiert sind. Ich habe es aber als sehr wohltuend empfunden, dass wir gemeinsam geplant und Verantwortung übernommen haben. Wir hätten keine Gottesdienste an Weihnachten gefeiert, wenn nicht der PGR und die KV sich dazu bekannt hätten. Ich danke den Gremien für Ihre große Mitsorge und ihr großes Engagement in einer Zeit, in der sich an anderen Stellen viele zurückgezogen haben. Ideen, aber auch Zuversicht kamen aus diesem Kreis, die mich sehr motiviert haben und Sicherheit gaben.

Die Küster möchte ich unter den Ehrenamtlichen in besonderer Weise hervorheben, die unermüdlich ihren Dienst tun ohne zu murren, obwohl wir ja die Zahl der Gottesdienste extrem erhöht haben. Sie haben ein waches Auge für die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen, putzen oft im Verborgen und vertraten in der Fasten- und Osterzeit oft allein die Gemeinde am Altar.

Ich möchte danken unseren hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, unseren Pastoralassistentinnen, unserer Sozialpädagogin, dem Diakon, den Priestern, v.a. auch Pfarrer Sand, der mir selbst ein Vorbild an Treue zu seiner Gemeinde ist. Obwohl viele von ihnen sehr jung sind und noch in der Ausbildung stehen, haben sie klug agiert und vieles Neue auf den Weg gebracht, so dass die Gemeinde wusste, dass ihre Seelsorgerinnen und Seelsorger ihr nahe bleiben und sich nicht verstecken. Ein großer Dank gilt unserem Kantor, der mit stoischer Gelassenheit die Gottesdienste unter den jeweils möglichen Bedingungen ansprechend gestaltet hat. Auch er musste in diesem Jahr auf vieles verzichten, das für einen Kirchenmusiker doch so wertvoll ist, die Orchestermessen, Konzerte und Proben.

 

Ich möchte besonders die Mitarbeiterinnen in unserem Pfarrbüro ganz herzlich loben. Sie waren in dieser Zeit wie ein Fels in der Brandung. souverän, fleißig und mit großer Heiterkeit und Freundlichkeit. Sie waren immer auf ihrem Posten und gerade dann, wenn es wirklich drunter und drüber ging, haben sie gezeigt, wie stark sie sind. Das haben wir zuletzt erfahren in dem Moment als die Bayerische Staatsregierung unseren Gottesdienstplan am Heiligen Abend völlig auf den Kopf gestellt habe. Ohne zu zögern, wurde umorganisiert, auf Urlaub verzichten und Überstunden gemacht, um die beste Lösung zu finden. Ich bin sehr froh, solche Mitarbeiterinnen in unserem Büro zu haben.

Wenn ich auf dieses Jahr zurückblicke, dann bleibt auch bei mir viel Entsetzen. Manches war auch für mich unvorstellbar. Aber ich habe auch das Gefühl, dass wir zwar nicht alles perfekt gemacht haben, aber als Gemeinde und Seelsorgeteam in dieser Krise viel geschaffen und erfahren haben, das uns allen zum Heil dienen wird.

Wir waren 2020 anno salutis, im Jahr des Heils. Gott war mit uns und er wird manche Rätsel und Fragen dieser Zeit einmal aufklären. Darauf dürfen wir hoffen und vertrauen. Amen.

­