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Predigt 3. Sonntag der Osterzeit A

Joh 21,1-14 „Die Erscheinung am See Tiberias“

„Die Eucharistie ist nicht alles in der Kirche, aber ohne die Eucharistie ist alles nichts in der Kirche“

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Liebe Schwestern und Brüder

Am 4. Mai, dem Tag des Heiligen Florian, ist es so weit: Nach sechs Wochen Verzicht werden wir wieder Gottesdienste öffentlich in unseren Kirchen feiern. Es werden hohe Auflagen bestehen. Unsere Pfarrgemeinderäte und Kirchenverwalter sind schon dabei, alles so vorzubereiten, dass wir sofort wieder beginnen können.

Es ist schön, dass wir wieder öffentlich mit einer sichtbaren Gemeinde die Eucharistie feiern können. Unumstritten war das Verbot der öffentlichen Gottesdienste nicht. War es ein unzulässiger Eingriff in das von unserem Grundgesetz garantierte Recht auf Religionsfreiheit? Gerichte mussten diese Frage klären. Auch Politikern war klar, dass dieses Verbot, so es das überhaupt gab, ein tiefer Einschnitt in die Glaubensfreiheit der Deutschen war. Deshalb haben sich auch die Regierenden darum bemüht, man mag meinen, sogar mehr als manche unserer Bischöfe, dass es bald wieder möglich sein muss, schrittweise zur „Normalität“ auch im religiösen Bereich zurückzufinden.
Andere finden es gefährlich, dass wieder Gottesdienste öffentlich gefeiert werden. Sie halten das Infektionsrisiko noch für zu hoch, um schon mehr oder weniger größere Versammlungen in den Kirchen zuzulassen. Interessanterweise kommt diese Kritik eher aus kircheninternen Kreisen, die die Vorstellung von der Hauskirche besonders auf das Schild gehoben haben, also nicht ganz interessensfrei ist. Aber tatsächlich gilt: Es wird nicht so werden, wie wir es kennen. Es müssen Abstandsregelungen eingehalten werden. Wahrscheinlich werden wir die Zahlen der Teilnehmer massiv einschränken müssen. Bestimmte Feiern wie Prozessionen an Christi Himmelfahrt und Fronleichnam dürfen nicht stattfinden. Die Gläubigen werden wohl Bedeckungen über Mund und Nase tragen und vor der Kommunion die Hände desinfizieren müssen. Man legt uns sogar nahe, auf lauten Gesang zu verzichten, weil er ein Infektionsrisiko darstellt. Wer also meint, dass mit der Zulassung von öffentlichen Gottesdiensten die Situation als „normal“ einzustufen ist, der täuscht sich.

Und dennoch ist es richtig, dass wir wieder feiern.

Zum einen ist es niemand zu erklären, dass Baumärkte öffnen, in denen Kontakt gar nicht vermeidbar ist. Unsere Kirchen sind dagegen oft größer und bieten viel mehr Möglichkeiten, die Regelungen umzusetzen.

Zum anderen aber geht es nicht nur um die Frage, wer zuerst wieder öffnen darf. Das wäre eine verdeckte Neiddiskussion. Es geht letztlich um die Frage nach dem Wesen von Kirche. Sind die Eucharistie und v.a. der Empfang der Kommunion so wesentlich, dass die Existenz von Kirche bedroht ist, wenn sie nicht gefeiert und die Kommunion nicht empfangen werden kann? Bischof Wilmer von Hildesheim hat in einem Interview mit dem Deutschlandfunk hinterfragt, ob manche Gläubige nicht zu sehr auf die Eucharistie fixiert sind. Er hat darauf hingewiesen, dass es immer auch Zeiten gab, in denen die Feier von Gottesdiensten und der Empfang der Kommunion nicht möglich waren, und dennoch der Glauben nicht zusammengebrochen ist. Ich habe mich zuerst über diese Äußerung sehr geärgert. Denn gerade in Situationen, in denen z.B. durch die staatliche Verfolgung des christlichen Glaubens die Feier der Eucharistie nicht möglich war, haben Christen sehr viel Mut bewiesen, doch das Herrenmahl zu begehen, in Kellern, Privathäusern oder in der Natur, immer mit dem Risiko, dafür ihr Leben zu lassen. Nur nebenbei bemerkt hat die Kirche länger auf Bischöfe verzichten können ohne bleibenden Schaden als auf die Eucharistie. Aber nach längerem Nachdenken ist mir doch aufgegangen, dass Bischof Wilmer auf etwas hinweist, das in dieser Krise vielleicht wieder neu entdeckt wurde: Die Eucharistie ist nicht alles in der Kirche. Es wäre zu wenig, wenn wir das Überleben des Volkes Gottes auf das Sakrament der eucharistischen Gegenwart Jesu reduzieren: Die Kirche lebt auch aus dem Gebet, der Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes, dem Zeugnis des Glaubens und dem Liebesdienst von Einzelnen, Familien und Gruppen. Auch hier geschieht Kirche im Sinne Jesu: Kirche als Gemeinschaft des Herrn, der Menschen in seine Nachfolge und zum Zeugnis für die Welt ruft.

Genau dies ist in diesen Tagen geschehen. Ich meine hier nicht nur die neuen Formen von Livestreams und Videoübertragungen, sondern v.a. auch das, was in unseren Häusern, Gemeinden und Kirchen geschehen ist. In unserer Kirche waren immer stille Beter. Sie war nie ein leerer Ort, eine Wüste des Glaubens. Menschen haben sie mit ihrem Beten, Loben, Klagen, Bitte und ihrer Zwiesprache mit Gott gefüllt. Unsere Kirche war im besten Sinn ein Obdach für die Seele. Viele haben zuhause, gerade über die Kar- und Osterfesttage, ein intensives Gebetsleben gepflegt, haben die Evangelien bedacht und in ihr Leben umgesetzt, auch in den Familien, denen mancher ja gerne unterstellt, dass sie jede Chance nutzen, um sich von der Kirche zu verabschieden. Viele haben aus christlichem Geist geholfen in der Nachbarschaft, im ehrenamtlichen Engagement, in ihren Berufen als Krankenschwestern, Pflegern, Ärzten u.v.m. Wir sollten bei allem Beschwören von Idealismus als kleinsten gemeinsamen Nenner der sozialen Berufe nicht vergessen, dass viele, die sich haupt- und ehrenamtlich engagieren, dies aus dem christlichen Menschenbild und ihrem Glauben heraus tun.

Das ist Kirche wie sie auch Jesus wollte. Wenn wir jetzt wieder beginnen können, Eucharistie zu feiern, werden wir das nicht als Übergangslösungen übergehen können, sondern immer achten müssen als der Versuch, Kirche Jesu in ihrer ganzen Weite zu leben. Und dennoch geht es nicht ohne die Eucharistie.

Das legt uns das Evangelium vom Sonntag nahe. Es geht um den Kern jeder eucharistischen Erfahrung: die Begegnung mit dem Auferstandenen. Sie geschieht am See von Tiberias nicht sofort mit dem gemeinsamen Mahl. Sie bahnt sich auf verschiedenen Ebenen an:

Dazu gehört die Treue zur Gemeinschaft auch in der Krise. Die Apostel, jeder mit seinen eigenen österlichen Erfahrungen, bleiben zusammen. Es ist bereits die dritte Erscheinung des Auferstanden. Man könnte doch meinen, sie müssten euphorisch sein, aber sie wirken eher desillusioniert und müde. Damit sind sie ein gutes Bild für die Kirche heute: Wir wissen, dass der Auferstandene in unserer Mitte ist, aber wir wirken oft verzagt und pessimistisch. Es gibt auch eine Glaubensaufgabe des Durchhaltens und Festhaltens an der Gemeinschaft mit der Kirche, die nicht unbedingt besonders attraktiv wirkt.

Dazu gehört die Rückkehr in den Alltag mit seinen Erfolgen und Misserfolgen. Aber auch hier ist der auferstandene Christus erfahrbar. Wer sich nicht fixiert, sondern sein Leben in der Welt mit dem Glauben zu verbinden versucht, dem wird Christus auch begegnen wie den Jüngern am Morgen am See. Das geschieht in seinem Bemühen um ein aktives persönliches Glaubensleben. Es beeindruckt mich immer wieder, wenn ich höre, mit welchen Werten und Überzeugungen manche Christen ihren Beruf und ihren Alltag gestalten.

Dazu gehört v.a. das Hören auf das Wort Gottes: „Werft die Netze aus“, trägt ihnen Jesus auf, ein ziemlich unsinniger Auftrag angesichts der Verhältnisse am See Tiberias. Aber in seinem Wort ist Jesus gegenwärtig und verwandelt unser Leben, so die Botschaft des Johannesevangeliums. Wenn wir das Wort Gottes lesen und in unseren Gemeinden Wortgottesfeiern begehen, dann sind das nicht Ersatzlösungen, sie vermiteln wirkliche Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, die uns als Gemeinde sammelt und für das Zeugnis in der Welt aufbaut. Es ist ein wichtiger Dienst in unseren Gemeinden, Wortgottesdienste vorzubereiten und zu leiten

In all diesen Dimensionen geschieht ohne Einschränkung und ohne Vorbehalt Begegnung mit Jesus. Aber dennoch gipfelt die Begegnung im gemeinsamen Mahl, also der eucharistischen Erfahrung der Gegenwart Jesu. Auch wenn sie scheinbar nicht notwendig ist im Verlauf der Erzählung, ist sie für Johannes doch unersetzlich, das Ziel, auf das alles zuläuft. Hier wird das menschliche Bemühen, das Suchen nach Erfolgen im Glauben und in der Weitergabe des Glaubens, wie es sich im Bild des Fischens andeutet, vollendet in der Erfahrung, eingeladen und beschenkt zu sein. Kirche braucht das Bemühen des Einzelnen und der Gemeinschaft um Zeugnis, um Nächstenliebe, um die würdige Feier der Liturgie und um ein tiefes Glaubenslebens, aber letztlich wird sie erst Kirche, weil sie vom Herrn in seine Gemeinschaft geladen wird. Das erfährt sie nirgends so sehr wie in der Eucharistie. Die Kirche feiert Eucharistie, aber sie macht sie nicht. Vielmehr schafft die Eucharistie erst die Kirche.

Wenn wir jetzt bald wieder gemeinsam uns um den Altar versammeln, die Eucharistie feiern und die Kommunion nicht nur geistlich empfangen, dann dürfen wir nicht vergessen, wie lebendig der Glaube sein kann und muss, damit Kirche lebt. Aber wir dürfen uns freuen, dass unser Kirchesein wieder in ganze Füller geschehen kann, weil uns der Herr neu einlädt zur österlichen Erfahrung: „Kommt und esst. Das ist mein Leib und das ist mein Blut.“ Amen.

Predigt_3._Ostersonntag2020.pdf

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