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Predigt 2. Sonntag der Osterzeit 2020

Die Wunden berühren“

  Liebe Schwestern und Brüder

 Hat er nun oder hat er es nicht?

Johannes erzählt uns in seinem Evangelium nicht, ob Thomas nun die Wundmale berührt hat oder ob er die Finger von ihnen gelassen hat.

Hoffentlich hat er es nicht getan! Denn wenn er hingelangt hätte, wäre das doch ein Zeichen, dass ihn nicht einmal die Erscheinung des Auferstandenen endgültig überzeugen konnte. Es wäre ein Beweis seines schwachen Glaubens, der das Geheimnis nicht erfasst, wenn er es nicht anfasst.
Hoffentlich hat er es getan! Das würde den Glauben des Thomas erden und menschlich machen. Thomas hätte dann als erster begriffen, dass der Glaube an den Auferstandenen nicht ein abstraktes Fürwahr-Halten einer Lehre ist, sondern nur über den Weg der Berührung mit seinen Wunden gelingen kann.

Maria von Magdala kann sich am Ostertag noch zurückhalten. „Halte mich nicht fest“, sagt Jesus. Maria, die Treue, hält sich sicher daran. Aber hat es Thomas wenigstens gewagt? Jesus lädt ihn ja ein: „Lang hin, Fass an!“ Ohne Zweifel lobt Jesus den Glauben, der nicht sieht, und doch bekennt, aber er hat eine tiefe Sympathie für Thomas. Er hat nicht den empathischen Glauben der Maria aus Magdala. Sein Glauben braucht eine Erdung in der Wirklichkeit. Ist dieser Glaube schlechter? Ist Thomas deshalb wirklich „ungläubig“? Oder hat er vielleicht doch noch die Kurve bekommen und die Finger weggelassen? Ehrlich gestanden, wäre ich dankbar, wenn Thomas hingelangt hätte. Wahrscheinlich hätte ich nicht den Mut, aber wäre danach unzufrieden, dieser Einladung Jesu nicht gefolgt zu sein. Ich glaube auch nicht, dass Jesus mit seinen Worten den Thomas abkanzeln wollte. Er wäre nicht ein zweites Mal erschienen, wenn ihm nicht an Thomas gelegen wäre. Dieser Thomas wird auch nächste Woche bei der Erscheinung am See Tiberias mit dabei sein: Ein anpackender und vorangehender Typ.

Für mich ist er auch ein Vorbild für unseren Glauben, nicht nur als Lehre aus einem Beispiel, wie man es nicht machen soll.
Der tschechische Priester, Theologe und Religionsphilosoph Thomás Halik, einer der wichtigsten geistlichen Schriftsteller unserer Tage, hat schon vor über zehn Jahren eines seiner Bücher überschrieben „Berühre die Wunden“. Er erzählt darin eingangs wie er bei einem Aufenthalt im indischen Madras, dem Grab des Heiligen Apostels Thomas, das heutige Evangelium plötzlich in die Wirklichkeit übersetzt erfuhr, als er am Nachmittag ein Waisenhaus besuchte. Dieser Ort des Elends, an dem hungernde Kinder unter erbärmlichen Umständen vegetieren, macht ihm eine wichtige Verbindung zum Evangelium des sog. „ungläubigen Thomas“ deutlich. Es gehört zu den Wesenszügen des christlichen Glaubens, dass sich das Leben der Menschen mit dem Glauben an Gott verbinden muss. Halik schreibt daher: „Für mich gibt es keinen anderen Weg, kein anderes Tor zu ihm, als dasjenige, das von einer verwundeten Hand und einem durchstochenen Herz geöffnet wird. Ich kann nicht „mein Herr und mein Gott“ rufen, wenn ich nicht die Wunde sehe, die bis ins Herz trifft. Wenn credere (glauben) von „cor dare“ (das Herz geben) abgeleitet ist, dann muss ich bekennen, dass mein Herz und mein Glaube nur dem Gott gehören, der seine Wunden zeigen kann. ...Mein Gott ist der verwundete Gott“1

 

Hat vielleicht der „ungläubige Thomas“ mehr als die „gläubigen“ Jünger begriffen, wie Glauben eigentlich geht? Er ist nicht eine Festung, die unangreifbar und unbezwingbar ist, sondern ein Suchen nach dem Tor, das uns die Berührung mit dem Auferstandenen ermöglicht? Der Weg dorthin geht über die Wunden Jesu, seiner Braut, der Kirche, und des einzelnen Glaubenden.

 

1. Die Wunden Christi

Eine alte Geschichte erzählt, dass dem heiligen Bischof Martin eines Nachts im Traum der Teufel in Gestalt Christi erschien, täuschend ähnlich. Der Teufel verlangte von Martin, dass er seinem Willen gehorsam sein solle. Doch der Heilige Martin fiel nicht auf den Betrug herein, sondern fragte ihn: „Wo sind deine Wunden?“

Ein Gott, der seine Wunden nicht zeigen kann, dem kann der Mensch mit all seinen Verwundungen nicht glauben. Das heutige Evangelium betont die Wichtigkeit der Wunden. Es hätte doch die Jünger schon überzeugen müssen, dass der Auferstanden plötzlich in ihrer Mitte steht. Verstärkt wird diese Erscheinung noch durch den fulminanten Auftakt, dass Jesus durch geschlossene Türen kommt. Aber letztlich legitimiert er sich für das Johannesevangelium in dem Moment, in dem er ihnen seine Wundmale zeigt. Nicht nur für Thomas, auch auf für die anderen Jünger, werden die Zeichen des menschlichen Leidens, die auch in seiner göttlichen Gestalt nicht verschwunden sind, zum Tor für den Glauben. Thomas aber geht noch weiter: Er will sie nicht nur sehen, er will sie berühren. Für Paulus ist es eine wichtige Erfahrung, Anteil an den Leiden Christi zu haben (z.B. 2Kor 1,3-10). Der Auferstandene leidet noch immer in den Kindern im Waisenhaus in Madras, in denen, die jetzt mit dem Leben und dem Tod ringen in unseren Krankenhäusern, in den 58 Kindern und Jugendlichen, die am Samstag aus Griechenland nach Hannover gebracht wurden, v.a. aber in den rund 3000 Flüchtlingskinder, die weiterhin unter unerträglichen Zuständen in Flüchtlingslagern bleiben müssen, in den Einsamen, Verängstigten und Verzweifelten unserer Tage.

Unser Gott ist kein strahlender Superheld, unverwundbar und unberührbar vom Leid. Das unterscheidet uns von anderen Religionen. Es ist für uns, denen es zumeist sehr gut geht, die aber auch in Sorgen sind um kranke, depressive, gebrechliche und sterbende Menschen, zutreffend, was Thomas Halik in einem Artikel für die Zeit vor zwei Wochen schreibt:

„In Katastrophenzeiten suche ich nicht einen Gott, der wie ein zorniger Regisseur sich hinter die Bühne unserer Welt gesetzt hat, sondern ich nehme ihn als Kraftquelle wahr, die in denen wirkt, die in solchen Situationen eine solidarische und aufopfernde Liebe erweisen – ja auch in denen, die dazu keine »religiöse Motivation« haben. Gott ist eine demütige und diskrete Liebe.“2

Christus, der verwundete Heiler, so ein wundervolles Bild von Henry Nouwen, zementiert nicht die Unausweichlichkeit des Leidens, sondern wird durch seine Auferstehung zur Kraft der Hoffnung und des Vertrauens. Papst Franziskus schreibt in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“: Zuweilen verspüren wir die Versuchung, Christen zu sein, die einen sicheren Abstand zu den Wundmalen des Herrn halten. Jesus aber will, dass wir mit dem menschlichen Elend in Berührung kommen, dass wir mit dem leidenden Leib der anderen in Berührung kommen. Er hofft, dass wir darauf verzichten, unsere persönlichen oder gemeinschaftlichen Zuflüchte zu suchen, die uns erlauben, gegenüber dem Kern des menschlichen Leids auf Distanz zu bleiben, damit wir dann akzeptieren, mit dem konkreten Leben der anderen ernsthaft in Berührung zu kommen und die Kraft der Zartheit kennen lernen.“ (EG 270)

 

2. Die Wunden der Kirche.

Immer wieder hat Papst Franziskus der Kirche ihren richtigen Platz zugewiesen. In seinem ersten Buch „Der Name Gottes ist Barmherzigkeit“ vergleicht Papst Franziskus die Kirche mit einem Feldlazarett. Sie muss dorthin gehen, wo Menschen „leben, wo sie leiden, wo sie hoffen.“ Ihre Aufgabe ist nicht, zu verurteilen, sondern Barmherzigkeit zu üben.

Gerade in unseren Tagen wird deutlich, dass die Kirche nicht in der „splendid isolation“, der „wunderbaren Isolation“, lebt, sondern Anteil an den Verwundungen der Welt hat. Ich denke da zunächst an die vielen Priester, die gerade in Italien im Dienst an den Kranken in den letzten Wochen selbst krank wurden und mitunter sogar starben. Ich bewundere sie für ihre Entschlossenheit, dem verwundeten Christus so radikal nachzufolgen. Aber auch die im Vergleich dazu doch eher harmlose Wunde der nichtöffentlichen Gottesdienste verbindet uns mit der Menschheit, die auf so vieles, was ihr lieb geworden ist in Kultur, Freizeit und Lebensgestaltung schmerzlich verzichten muss. So sehr ich darauf dringen, dass man uns unter den notwendigen Sicherheitsmaßnahmen die Feier der Gottesdienste wieder ermöglichen muss, so sehr empfinde ich diese Situation auch als ein Zeichen der Solidarität mit all denen, die jetzt als Geschäftsleute, Gastronomen oder Selbständige teilweise um ihre Existenz bangen müssen, auch wenn kein Mitarbeiter der Kirche um seinen Arbeitsplatz fürchten muss oder in Kurzarbeit geschickt wird. Ich will möglichst schnell öffentliche Gottesdienste, auch für die vielen Menschen, die darin Kraft und Halt finden, aber ich hätte ein ungutes Gefühl, wenn man uns eine Sonderbehandlung zuteil werden ließ. Vielleicht spürt die Kirche in dieser Krise auch, wie sehr sie manchmal auch ihre Mitglieder verwundet. Es gibt unzweifelhaft große Wunden, die die verwundete Kirche durch Verbrechen Menschen zugefügt hat. Dafür muss sie Verantwortung übernehmen. Aber es gibt auch Wunden, die sie schlägt ohne es zu wollen:

Durch unachtsames Reden in diesen Tagen. Thomas Halik warnt davor, dass in dieser Krisenzeit die „schlafenden Agenten eines bösen, rachsüchtigen Gottes“ lebendig werden: Fromme, die Angst verbreiten und versuchen, Kapital aus der Situation für ihre kruden religiösen Vorstellungen herauszuschlagen.

Durch vorschnelle Urteile über Lebensstile. Wie oft empfinden Menschen, die in Lebensformen sich finden, die nicht der kirchlichen Idealvorstellung entsprechen, sich als Christen zweiter Klasse wahrgenommen.

Durch Infragestellung eines ernsthaften Bemühens im Glaubens. Nicht selten neigen Glaubensprofis und „Berufschristen“ dazu, andere, v.a. auch Familien, abschätzig zu betrachten, denen es nicht gelingt, jeden Sonntag den Gottesdienst zu besuchen oder sich so zu engagieren, wie es wünschenswert ist.

Vielleicht machen die Wunden dieser Zeit die Kirche achtsamer im Umgang mit den Menschen, die mitunter daran scheitern, alles zu hundert Prozent zu erfüllen, was uns als ideal für Kirchesein erscheint.

Eine Kirche, die einem Lazarett gleicht, gehört unter die Menschen, nicht auf eine einsame Insel der Perfekten. Dort aber wird sie immer berücksichtigen, dass Leben nicht in Schwarz-Weiß, sondern in vielen Schattierungen geschieht.

 

3. Die Wunden des eigenen Glaubens

Die Lesung aus dem 1. Petrusbrief zeichnet ein sehr treffendes Bild vom Glauben: „Er ist wertvoll wie Gold, aber dennoch vergänglich.“

Wie wertvoll unser Glaube sein kann, dass können in diesen Tagen viele bestätigen. Gerade in einer Situation, in der uns so vieles Selbstverständliches in unserem Leben als Kirche fehlt, kommt vielleicht die eigene Kraft des Glaubens stärker zum Strahlen, im stillen Gebet, im Hören auf das Wort Gottes, in Betrachtung und Meditation. Für viele ist der Glaube in diesen Tagen eine große Quelle der Zuversicht und der Gelassenheit. Aber er wird durch all das auch geprüft. Hat er Substanz? Oder bricht alles zusammen?

Ganz sicher: Glaube ist kein Betonblock. Wir spüren vielleicht mehr als sonst, dass Glaube nicht Besitz, sondern Suche ist. Unser Glaube zementiert nicht ein statisches Christsein, sondern ermutigt uns zu einem dynamischen Christwerden. Wir sind immer auf dem Weg. Wir haben Gott nicht, wir strecken uns nach ihm aus, wollen ihn berühren wie Thomas. Recht klug hat Thomas Halik erkannt, dass in unserer Zeit nicht Gläubige gegen Nichtgläubige stehen. Vielmehr vertieft sich der Gegensatz zwischen Suchenden und Bleibenden, also zwischen jenen Menschen, ob gläubig oder nicht, die nach Sinn und Orientierung immer neu fragen, nach einem letzten Grund, und jenen, die Sicherheiten in Lehren und Traditionen festhalten wollen, unter ihnen sowohl kirchlich geprägte Menschen als auch Atheisten. „Wir sind Suchende mit den Suchenden“ so bestimmt das Evangelium vom „ungläubigen“ Thomas die Grunddynamik des Glaubens. Es gibt eine letzte, alles klärende Wahrheit, nach der wir uns ausstrecken, die wir auch berühren, aber niemals besitzen, weil sie allein in Gott zu finden ist. Das schmerzt. Aus dieser Wunde des Glaubens aber kommt die Kraft, nicht im Zweifel unterzugehen, sondern am „Zweifel zu zweifeln“ und so zu einem Urvertrauen in den letzten Grund meines Lebens zu finden. So gefährlich Glaube ohne Denken ist, so gefährlich ist auch ein Rationalismus ohne Urvertrauen. Der erste macht fanatisch, der zweite zynisch.

 Der heilige Papst Gregor der Große, Kirchenlehrer des 6. Jh., schreibt einmal: „Zum Glauben nützt uns der Unglaube des Thomas mehr als der Glaube der glaubenden Jünger.“ Die Wunden und Schmerzen dieser Zeit sind das Tor zum auferstandenen Christus, der weiterhin die Zeichen des Leidens an sich trägt. Vielleicht hat uns auch die Sehnsucht nach Gemeinde und körperlicher Teilnahme am Gottesdienst erleben lassen, wie stark sich Gott mit uns auf verschiedene Weise verbinden kann. Wir haben seine Wunden berührt in diesen Tagen, denn auch er sehnt sich nach uns, nicht nur als Einzelne, sondern als seine Gemeinde. Mögen sie uns helfen, ihn zu finden und mit Thomas zu sprechen: „Mein Herr und mein Gott.“ Dann wird diese Zeit nicht nur eine Krise des Glaubens, sondern auch eine Chance für den Glauben gewesen sein. Amen

 

Sven Johannsen, Pfarrer

 2._Sonntag_2020.pdf

1Thomas Halik, Berühre die Wunden; Freiburg 2013, S. 14f

2Die ZEIT v. 2.4.2020, Christ und Welt S. 4f

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