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Ein Glaube, der wirklich sehend macht.

Predigt 30. Sonntag Lesejahr B - 24.10.2021

Pfarrer Sven Johannsen

30_Pino_Puglisi.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

 

in den vergangenen Tage konnte ich mit einer Reisegruppe Sizilien besuchen. Am Donnerstag feierten wir die Messe in der Hauptstadt Palermo. An diesem Tag gedenken die Sizilianer des seligen Padre Pino Puglisi. Wahrscheinlich werden bei uns nur wenige sich noch an ihn erinnern. Padre Pino Puglisi, in Palermo einfach „3 P“ genannt, stammte aus Brancaccio, einem Stadtteil von Palermo, der gänzlich von der „Cosa Nostra“, dem bekanntesten Zweig der Mafia, kontrolliert wurde. Von Kindesbeinen an lernte er also die Machenschaften dieser Verbrecherorganisation, aber auch ihren Ehrenkodex, der vor allem im Schweigen und Wegschauen besteht, kennen. Er sah wie Geschäftsleute um Schutzgelder erpresst, unliebsame Gegner der Mafiabosse ermordet und v.a. Jugendliche, die keine Perspektive auf Ausbildung und Zukunft in einem Beruf hatte, scharenweise von der Mafia rekrutiert wurden. Als Priester war es ihm ein Herzensanliegen, Jugendliche vor den Fängen der „Cosa Nostra“ zu schützen und ihnen ein Hilfe für ein rechtschaffenes Leben zu bieten. Er gründete Vereine und Jugendhilfen, organisierte Proteste gegen die Korruption in der Verwaltung der Stadt und predigte offen gegen die Mafiabosse, die mitunter sogar in seiner Kirche saßen. Natürlich duldeten sie die Bewegung nicht, die sich mit dem mutigen Priester in Gang setzte. Im Mai 1993 kam Papst Johannes Paul II. nach Sizilien, verurteilte spontan in einer Predigt in Agrigent die Machenschaften der Mafia und drohte den Bossen das Sraftgericht Gottes an. Puglisi ahnte, was geschehen wird. Als Racheakt wurde er an seinem 56. Geburtstag auf einem öffentlichen Platz von zwei Mafiosi im Auftrag der örtlichen Bosse erschossen. Einer der Verbrecher berichtete später, dass der Pater sie kurz vor dem Mord angelächelt und gesagt habe: „Damit hatte ich gerechnet.“ Mit seinem Tod und weiteren Attentate auf Richter und Politiker, die gegen die Mafia arbeiteten, begann in Sizilien eine neue Bewegung, die sich heute mit zunehmenden Erfolg gegen die Verbrecher stellt. Aber im Moment des Todes von Padre Pino, der am frühen Abend, also bei Tageslicht, auf einer belebten Piazza geschah, wollte niemand etwas oder jemanden gesehen haben. Plötzlich waren alle blind und schwiegen. Erst später, als die Bewohner merkten, dass die Mafia nicht allmächtig ist, wenn Menschen hinschauen, den Mund aufmachen und anklagen, fanden sich Augenzeugen.
Ein Moment vorübergehender Blindheit einer ganzen Gruppe von Menschen - ich denke, dass man dafür auch in unserer hochspezialisierten Augenklinik keine wirkliche Therapie kennt. Es ist kein körperliches Leiden, sondern eine Blindheit des Herzens, das verdunkelt wird von Angst, Zweifel und Sorgen. So dramatisch wie in Palermo ist es in der Regel nicht, aber wir kennen dieses Blindsein durch Wegschauen oder falsches Hinschauen auch. In der Regel ist Blindheit immer mit Stehenbleiben verbunden. Wer nichts sieht, der bleibt am besten, wo er ist, da ist er sicher. Das gilt für die körperliche und für die innere Blindheit. Ein Blinder bewegt sich unsicher und braucht Hilfe, um sich zu orientieren. Wir kennen die Bilder von Menschen mit Hunden oder Stöcken, mit denen sie sich gut fortbewegen können. Habe ich das alles nicht, dann ist es sicherer, zu bleiben, wo ich bin. Stehenbleiben, Bewahren und Festhalten sind Symptome einer inneren Erblindung. Die Angst, dass sich etwas in meinem Leben verändern müsste, wenn ich genauer auf die Probleme schaue, besiegt oft genug den Wunsch nach einer neuen Zukunft. Wir richten uns manchmal auch in unserem Leid ein, weil wir unsicher sind, ob uns die Zukunft nicht überfordert. Aber der Glaube will nicht stehenbleiben. Das Symbol, das Jesus und die Schriften des NT für ihn verwenden, ist der Weg. In der Apostelgeschichte werden Christen „Anhänger des neuen Weges“ genannt (Apg 9,2). Das spiegelt sich auch in der heutigen Erzählung vom blinden Bettler Bartimäus wider. Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Kurz vor dem feierlichen Einzug in die Heilige Stadt, in der man ihn zuerst als „Sohn Davids“ zujubelt und dann als Verbrecher ans Kreuz schlägt, kommt er nach Jericho. Dort verortet Markus dieses letzte Heilungswunder und deutet es als Glaubensgeschichte. Der Blinde erkennt Jesus sofort und fleht zu ihm mit dem Ruf „Sohn Davids, erbarme dich meiner.“ Er sieht also schon, dass Jesus der verheißene Messias, der Gesandte Gottes, ist, mit dem die Bibel v.a. die Heilung der Lahmen, Tauben und Blinden verbindet. Wenn die Lahmen gehen, die Tauben hören und die Blinden sehen, dann ist das Reich Gottes da, so sagt es Jesus selbst als Zusammenfassung der alttestamentlichen Hoffnung (Mt 11,4f). Alle können es erkennen, wenn sie nur genau hinschauen. Aber obwohl sie sicher beeindruckt sind von seinem Wunder, wollen sie die Wirklichkeit nicht sehen. Wenn mit Jesus das Reich Gottes gekommen ist, dann hieße das ja, dass mein bisheriges Leben völlig aus der Bahn geworfen wird, ich nicht mehr unter der Macht des Bösen stehe und so meine eigene Bequemlichkeit und Unzulänglichkeit nicht mehr rechtfertigen kann. Jetzt wäre es möglich, aus dem Gefängnis des Selbstmitleids auszubrechen und den neuen Weg der Gerechtigkeit und des Glaubens zu gehen. Selbst die Jünger scheinen von dieser Botschaft überfordert zu sein. Sie gehen nur widerstrebend mit Jesus den Weg nach Jerusalem. Petrus sieht es gar nicht ein, dass Jesu Weg am Kreuz enden soll. Die Apostel Jakobus und Johannes fordern Topplätze im Himmel ein, statt den Weg der Lebenshingabe Jesu als seinen Dienst an den Menschen zu erkennen. Sie sind noch blind, weil die Angst vor der Zukunft ihnen die Sicht nimmt. Jetzt wird Markus fast ein wenig ironisch: Nur einer erkennt richtig, was hier vor sich geht: Der blinde Bettler Bartimäus. Noch bevor er geheilt wird, hat er Jesus schon im Vertrauen gesehen. Er wirft den lebensnotwendigen Mantel weg und macht sich mit Jesus auf dem Weg. Jesus lässt es ihm offen, wie er sich entscheidet. Er sagt zu ihm: „Geh! Dein Glaube hat dir geholfen.“ Aber Bartimäus hat gar nicht die Absicht, jetzt fortzugehen und ein sesshaftes Leben zu führen. Er folgt Jesus auf dem Weg, weil er in seiner Blindheit der Augen mit den Herzen schon über das Kreuz hinausschauen konnte. Sein Glaube macht ihn sehend. Es ist weit mehr als eine Heilungsgeschichte, was uns Markus heute erzählt. Er verweist uns auf dem letzten Grund unseres Glaubens: Die Fähigkeit, den richtigen Weg für unser Leben zu erkennen und ihm zu folgen.

Der Dichter und Pfarrer Lothar Zenetti hat einmal gesagt:

Menschen, die aus der Hoffnung leben, sehen weiter. Menschen, die aus der Liebe leben, sehen tiefer. Menschen, die aus dem Glauben leben, sehen alles in einem anderen Licht.“

Genau dazu befähigt uns der Glaube. Er sieht alles, was geschieht, auch das Leid und die Angst, mit österlichen Augen. Das hat Menschen wie Padre Pino bewegt, ihren Weg ohne Furcht zu gehen. In einer Predigt beklagte er einmal das „Genickstarresyndrom“:

Viele leiden heute am Genickstarresyndrom, weil sie sich unaufhörlich nach hinten umdrehen, vor der Vergangenheit Angst haben und es nicht schaffen, sie loszulassen. Andere denken nach, immer wieder – so sehr, dass sie sich gar nicht bewegen. Schließlich verharren sie mit einem Fuß in der Luft – aus Angst, einen Schritt nach vorne zu gehen:

Der Glaube aber lehrt uns tiefer, weiter und lichtvoller zu sehen, so dass er uns den Mut gibt, unseren Weg als Christen in dieser Welt bewusst und mit Hoffnung bis an Ende zu gehen. Amen

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