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Fastenpredigt: Jesus und Mose - Tora und Bergpredigt

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Liebe Schwestern und Brüder,

gerade in der letzten Fastenpredigt vergangene Woche ist uns die herausragende Bedeutung der Tora im Judentum lebendig vor Augen geführt worden. Sie ist Grundpfeiler und Herzstück jüdischer Identität. In den ersten fünf Büchern der Bibel finden sich große Glaubensgestalten wie Noah, Abraham, Isaak, Jakob und natürlich vor allem Mose, mit dem die Tora untrennbar verbunden ist. Mose ist der, der die Weisung Gottes empfängt und weitergibt, der lehrt und das Gesetz seinem Volk übergibt als Weisung zum Leben, als Lebens-Weisheit. Die Tora geht nicht auf ihn selbst zurück, sondern sie ist verankert und gekoppelt an die Selbstkundgabe Gottes, er ist ihre Quelle und ihr Ursprung.

Die Szene der Gottes-Offenbarung am Berg Sinai, in der sich Gott im brennenden Dornbusch zeigt und Mose - und damit dem Volk, ja ich möchte soweit gehen zu sagen, sogar der Menschheit - seinen Namen nennt, ist eine der tiefsten und schönsten Schilderungen einer Gotteserfahrung in der Heiligen Schrift. Gottesoffenbarung, die zur Gotteserfahrung wird: Ich bin der Ich-bin-da. Gott ist dem Mose erschienen als ein gnädiger Gott, als ein Vater, der sich seiner Kinder erbarmen will, als Schutzherr der von den Ägyptern gequälten Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs. Durch Mose will er seinem Volk Heil und Rettung ankündigen. Durch ihn verheißt er den Versklavten Freiheit und Wohnrecht in einem fruchtbaren, im gelobten Land, in dem es Milch und Honig in Fülle gibt.

Es klingt wie eine Zusammenfassung seiner Fürsorge und seines Heilswillens, wenn Gott dem Mose seinen Namen kundtut: Ich heiße Jahwe, der Ich bin Ich-bin-da: Ich bin der ewig Seiende, der über allem steht, was wird und vergeht. Ich bin der, der für euch da ist, der euch an jedem Ort und zu jeder Zeit mit seiner Liebe nahe ist.

Diese Ursprungserfahrung, die im Bundesschluss ihr Echo als Antwort findet, ist sozusagen die Hintergrund-Folie des vertrauten Umgangs von Mose mit dem unsichtbaren, herrlichen Gott; es ist das Fundament des Gesetzes, das Gott gibt. Gott ist Gesetzgeber aus Liebe, Mose ist der Lehrer dieses Gesetzes. Orientierung an dieser Weisung ermöglichen dem Volk Israel ein gelungenes und gerechtes Leben unter dem Segen Jahwes.

Ausdruck dessen ist der Bund, den Gott mit seinem Volk schließt. Wer dies tut, ein Bündnis schließt und sich bindet, der verpflichtet sich zu einem bestimmten Verhalten. So gesehen dienen die Ge- und Verbote der Freiheit der Menschen - einer Freiheit zu, der Freiheit zum Guten und zum richtigen Leben. Mose hat diese Gesetze weitergegeben und das Volk Israel hat sie angenommen: „Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun.“ So gesehen, erscheinen weder die Zehn Gebote noch alle weiteren Vorschriften des Gesetzes als eine Last. Sie sind Urkunde eines Vertrages, der für Israel eine Auszeichnung darstellt. Dessen war sich Israel immer bewusst und sang das Lob auf das Gesetz: „Das Gesetz deines Mundes ist mir lieber als Gold und Silber!“ wie es zum Beispiel im Psalm 119,72 heißt.

Leider verlor im Laufe der Jahrhunderte offenbar das Gesetz diesen ausnahmslos positiven Charakter, indem es durch menschliche Auslegungskünste oftmals zu einem höchst komplizierten Gebilde wuchs. Der einfache Gläubige durchschaute vielfach nicht mehr ohne weiteres die zahlreichen Detailbestimmungen, in denen ihm der Wille Gottes entgegentrat.

Wir finden an einigen Stellen im Neuen Testament bisweilen ein Echo auf diese Wahrnehmung, wenn Jesus den Vertretern des Gesetzes z.B. vorhält: „Weh euch, ihr Gesetzeslehrer (Schriftgelehrten)! Ihr ladet den Menschen Lasten auf, die sie kaum tragen können“ (Lk 11,46). Damit stellt Jesus aber das Gesetz an sich nicht in Frage - auf keinen Fall! Das wird ja in seiner Predigt und in seinem Handeln immer wieder deutlich. Das sehen wir in eindrücklicher Weise gleich nach dem Auftakt der Bergpredigt, wenn Jesus in seinem Lehren und damit Auslegen der Tora, gerade die Gültigkeit betont: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen“ (Mt 5,17).

Diese Worte setzen die Tora mit der Bergpredigt nicht nur wegen dieser eindeutigen Formulierung direkt in Beziehung; vielmehr ist sie sozusagen Thema der Bergpredigt, innerster Kern. Und damit unterzieht Jesus in keinem Fall das Gottesgesetz oder Mose einer Kritik. Ihm wird es in seiner Lehre darum gehen, dass das Gesetz noch tiefer oder wieder zum Inneren des Menschen vordringt und Geltung bis hinein in seine innersten Wünsche, Regungen und Gedanken hat. Es soll tatsächlich das getan werden, was gesagt und intendiert ist.

Nicht das Geringste des Gesetzes darf aufgehoben werden - verständlich, wenn wir nochmals an die Ursprungserfahrung des Mose denken und daran, weshalb das Gesetz als Ausdruck freiheitlicher Befähigung zum Leben und zum Guten gilt. „Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist“ (Mt 5,18).

Im Prozess der Auslegung und ständigen Aktualisierung der Tora wendet sich Jesus also nicht gegen das Gesetz, sondern gegen eine bestimmte Anwendung bzw. gegen die Integrität der Schriftgelehrten, wie wir noch sehen werden; die Tora indes hat für ihn unbedingte Geltung. Jesus steht den Schriftgelehrten mit seiner Auslegung gegenüber als ein neues Lehrer, ein neuer Vermittler des Gesetzes. So kann er im Anschluss an das eben zitierte Schriftwort, dass die unbedingte Gültigkeit der Tora betont, sagen: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist … Ich aber sage euch…“ (Mt 5,21ff).

Jesus stellt sich damit selbst in die Tradition des Lernens aus der Tora und des Lehrens der Tora hinein. Gerade an dieser mehrfach wiederkehrenden Formulierung „Ihr habt gehört - ich aber sage euch“ erkennen wir, dass sich Jesus am Auslegungsprozess beteiligt und versucht, die Weisungen Gottes neu lebbar zu machen, sie aktualisiert und vertieft. Es begegnet uns hier in der Bergpredigt also seine Auslegung des Gesetzes.

Eine ähnliche Frontstellung, die einen hochinteressanten Zusammenhang wieder mit der Bergpredigt herstellt, begegnet uns später im Matthäus-Evangelium, wenn Jesus sehr scharf formuliert, was wir in der Lesung heute Abend gehört haben: „Darauf sprach Jesus zum Volk und zu seinen Jüngern und sagte: Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf den Stuhl des Mose gesetzt. Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach ihren Taten; denn sie reden nur, tun es aber nicht. Sie schnüren schwere und unerträgliche Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, selber aber wollen sie keinen Finger rühren, um die Lasten zu bewegen“ (Mt 23,1-3).

Jesus wirft hier den Pharisäern und Schriftgelehrten vor, dass sie sich auf den „Stuhl des Mose“ gesetzt haben. Das bedeutet: Weil sie vom Volk verlangen, dass ihre Gebote eingehalten werden, haben sie sich selbst zum Nachfolger von Mose gemacht. Das ist aber nichts ungewöhnliches, denn das war ja auch ihre Aufgabe: das Gesetz auszulegen. Damit haben sich die Pharisäer und Schriftgelehrten an die Stelle von Mose gesetzt, der ja dem Volk Israel das Gesetz gegeben hat.

Das wurde auch immer wieder sichtbar. In manchen Synagogen aus der Zeit von Jesus hat man einen besonders gestalteten Sessel gefunden. Einen solchen besonders prachtvollen „Stuhl des Mose“ sehen Sie auf dem Textblatt. Er stand in der Synagoge von Chorazin und stammt aus dem 3. Jahrhundert nach Christus. Der „Stuhl des Mose“ war oft aus Marmor hergestellt und stand in der Nähe der Stelle, an der die Heiligen Schriften aufbewahrt wurden. Ein solcher Sessel wird als Lehrstuhl bezeichnet. Auf ihm nahmen die Schriftgelehrten Platz, um die Heiligen Schriften auszulegen. Der herausgehobene Sitzplatz bringt zum Ausdruck: Was jetzt gesagt wird, hat – wie das Gesetz des Mose – Gültigkeit und muss eingehalten werden. Neben der Autorität der Tora, wurde dem gläubigen Juden auch die beanspruchte Autorität der Schriftausleger und deren Auslegung durch den Lehrstuhl und dessen Verwendung vor Augen gestellt. Das war dem Volk Israel also sinnenfällig und sichtbar sehr deutlich.

Der Evangelist Matthäus knüpft in seiner Version der Bergpredigt genau daran an; er schreibt ja hauptsächlich für eine judenchristliche Gemeinde - das heißt, dass sowohl er als auch seine Leser die Komposition der Bergpredigt mit ihren Anspielungen verstanden und zu deuten wussten.

Matthäus stellt uns nämlich mit der großen Redekomposition der Bergpredigt Jesus als einen zweiten, den „neuen Mose“ vor. Das zeigt Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI. eindrucksvoll im 1. Band seines Jesus-Buches, dessen exegetischen und geistlichen Schritten ich hier folgen will.

Die Bergpredigt Jesu beginnt im 5. Kapitel des Matthäus-Evangeliums (Mt 5,1-7,2) und der Evangelist formt dafür keinen zufälligen Rahmen, sondern lässt auf dem Berg eine Szene erstehen wie in einer Synagoge. Er nimmt direkt Bezug einmal auf Mose und seine Lehrautorität, die der Stuhl versinnbildlicht, und natürlich auf die Tora.

Die Bergpredigt beginnt so: „Als Jesus die Scharen sah, stieg er auf den Berg. Nachdem er sich gesetzt hatte, traten seine Jünger zu ihm heran. Er öffnete seinen Mund und lehrte sie (oder anders übersetzt: dann begann er zu reden und lehrte sie)“ (Mt 5,1+2).

Jesus setzt sich - Ausdruck der Vollmacht des Lehrenden. Er nimmt nicht auf einem „Stuhl des Mose“ Platz, sondern in übertragener Weise auf dem Lehrstuhl des Berges. Das ist natürlich eine doppelte Anspielung auf Mose einmal in seiner und durch die Schriftgelehrten weiterhin ausgeübten Lehrautorität und zum anderen auf den Berg Sinai, auf dem zum einen die Gottesoffenbarung stattfand, die wir vorhin betrachtet haben und zum andern hat Mose auf dem Berg das Gesetz Gottes erhalten.

Matthäus kommt es darauf an, diese Bezüge deutlich herzustellen. Jesus sitzt da als neuer Lehrer Israels und der Menschen überhaupt. An dieser Stelle möchte ich Joseph Ratzinger zu Wort kommen lassen, der dies so formuliert:

Jesus sitzt auf der ,Kathedra´ des Mose, aber nicht wie die Lehrmeister, die in der Schule zu solchen gebildet werden; er sitzt dort als der größere Mose, der den Bund ausweitet auf alle Völker hin. So wird die Bedeutsamkeit des Berges klar. Der Evangelist sagt uns nicht, um welchen der Hügel Galiläas es sich handelt. Aber dadurch, dass er der Ort der Predigt Jesu ist, ist er einfach ,der Berg´ - der neue Sinai. ,Der Berg´ ist der Ort des Betens Jesu - seines Aug´- in-Aug´ mit dem Vater; gerade darum ist er auch der Ort der Lehre, die aus diesem innersten Austausch mit dem Vater kommt. ,Der Berg´ist so von selbst auch als der neue, der endgültige Sinai ausgewiesen.“ (Ratzinger Joseph, Jesus von Nazareth, Band 1, Freiburg im Breisgau, 96.)

In diesen Ausführungen wird das Neue der Verkündigung Jesu deutlich. Während die Tora einzig dem Volk Israel als Gesetz geschenkt und gegeben ist, zu dem man in der Regel durch Abstammung gehört, wird in der Person Jesu der Schritt ins das Ganze hinein getan. Zum Volk Gottes kann man durch das Hören und Annehmen des Wortes gehören - es geht also nicht darum Israel klein zu machen oder abzuschaffen, sondern auszuweiten. Das ist natürlich nur aus christlicher Sicht so - und übrigens hat sich die junge Kirche der ersten Tage auch über diese Frage heftigst gestritten. Der Bund Gottes ist in der Person sowie der Verkündigung Jesu nicht aufgehoben, sondern universalisiert; die Bergpredigt, die das Gesetz des Mose deutet, erscheint dabei als „neue Tora“ bzw. die „Tora des Messias“ (Ratzinger), der nicht mehr erwartet wird, sondern gekommen ist.

Hier scheidet sich natürlich der Weg von Judentum und Christentum. Aus christlichem Glauben heraus, können wir sagen, dass Jesus in der Bergpredigt als neuer Mose dennoch zuerst zu und mit seinem Volk spricht - es ist der Erstträger der Verheißung. Daran besteht kein Zweifel. Dazu tritt aber eben die Öffnung auf eine neue, größere Gottesfamilie hin, die die Zugehörigkeit zum auserwählten Volk nicht aufhebt, aber entgrenzt. Auch im christlichen Glauben bleibt das Glaubens- und Lebenserbe Israels gültig und gehört zum Wesen des „neuen Weges“ wie die Christen anfangs bezeichnet wurden. Denn die Gemeinschaft mit Jesus Christus, der das Gesetz kennt, anerkennt und daran festhält - wie wir bereits mehrfach festgestellt haben - macht es auch zum Lebensweg aller in seiner Auslegung. So werden die sogenannten Heiden der Antike in dieses Volk gerufen, was bedeutet, dass alle Völker, alle Menschen zur großen Gottesfamilie gehören.

Die Bergpredigt wird mit Abschluss des 7. Kapitels im Matthäus-Evangelium beendet: „Als Jesus diese Rede beendet hatte, war die Menge betroffen (besser übersetzt: erschrocken) von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten“ (Mt 7,28+29).

Hier zeigt sich wohl in besonderer Deutlichkeit das unterscheidend Christliche zum Judentum. Matthäus bringt die Gemütsstimmung der „Menge“ zur Sprache, nicht weil sie so begeistert oder erstaunt gewesen wäre, sondern weil Jesus mit einer Autorität gesprochen hatte, die sich kein Schriftgelehrter angemaßt hätte. Es ist das Erschrecken darüber, dass ein Mensch mit der Hoheit Gottes selbst zu sprechen wagt und damit zum Ausdruck bringt, dass er auf der Höhe Gottes steht. Matthäus bringt somit in der gesamten Redekomposition der Bergpredigt zum Ausdruck, dass hier einer lehrt, der göttliche Vollmacht hat: der Sohn Gottes.

Der berühmte Rabbi Jacob Neusner, der in hohem Respekt und mit großer Weisheit als gläubiger Vertreter des Judentums in einem seiner Bücher mit Jesus und dem christlichen Glauben in Dialog gegangen ist, bestätigt diese Unterscheidung, wenn er mit brüderlichen Worten schreibt:

Ohne weiteres gelangen wir zu diesem Berg in Galiläa, wo Jesus das Herzstück seiner Lehre verkündete. Wir stehen am Fuß des Berges. Wir schauen hinauf und erkennen die Gestalt des Mannes. Er sagt vieles. Wir erfassen nur einiges davon - wir, das ewige Israel, erinnern uns an den anderen Berg - Sinai - und an das, was Mose uns dort auf Gottes Geheiß hin sagte.“ („Ein Rabbi spricht mit Jesus. Ein jüdisch-christlicher Dialog.“ von Jakob Neusner, Freiburg im Breisgau 2007, 33).

Christian Nowak, Pfarrvikar

11. März 2021

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