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Predigt „Mut entscheidet?“

Fest der Erzengels Michael 2020

Mut_entscheidet_2020.pdf

 

Liebe Schwestern und Brüder

 

Was ist mutig?

„Eine Raubkatze streicheln“, meint Paloma, 8 Jahre;

„ Bungeejumping“, so Sebastian, 12 Jahre;

„Auf einem Seil ungesichert über eine Schlucht laufen,“ so ist Theo, 10 Jahre, überzeugt.

„Eine ganze Peperoni essen, eine Scharfe“, ist Ida, 7 Jahre, überzeugt.

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung hat Kinder gefragt „Was ist mutig?“ (SZ-Magazin vom 26.6.2014) Die Antworten sind recht einfallsreich und spannend. Finden Sie die Ideen auch mutig oder eher unverantwortlich und übermütig? Ja, dann dürften Ihnen diese Überlegungen eher zusagen.

Was ist mutig?

Für Juri, 10 Jahre, ist es klar: „Wenn man sich traut, offen seine Meinung zu sagen.“

Annabell, 9 Jahre, meint: „Wenn sich jemand vor mich stellt, weil ich gemobbt werde. Und derjenige selbst Angst hat.“

Ähnlich sieht es Eileen, 13 Jahre, die sagt: „Wenn man sich in der Schule für nicht so beliebte Schüler einsetzt oder sie verteidigt und damit riskiert, dass man selber auch unbeliebt wird.“

 

Zum Stichwort „Mut“ fallen uns schnell eine Reihe von Synonymen ein, die eine weite Spannbreite abdecken: Draufgängertum, Wagnis, Überwindung von Ängsten, Abenteuerlust, Unüberlegtheit, Haltung.

 

Der Erzengel Michael, den wir heute als unseren Kirchenpatron feiern, steht in der himmlischen Ordnung fast archetypisch für die Eigenschaft des Mutes. Seine Darstellungen zeigen ihn in der Regel kämpferisch, ritterlich, entschlossen, tapfer, ernst und unbeugsam. Mehr als die beiden Erzengel Gabriel und Raphael, die wir ja mit ihm feiern, steht er für einen streitbaren und furchtlosen Glauben. Auch die beiden Lesungen des heutigen Tages unterstreichen diesen Wesenszugs: Daniel stellt ihn als Ehrfurcht einflößenden Vorboten der Endzeit vor und die Offenbarung des Johannes erhebt ihn in den Status des Helden, der sich ohne Zögern in die Schlacht mit dem Bösen wirft. Gabriel und Raphael verkörpern dagegen eher die gütige und zurückhaltende Seite Gottes: Gabriel überrumpelt nicht, sondern tritt an Maria heran, spricht zu ihr, nimmt ihr die Angst und will sie für Gottes Plan gewissen. Raphael begleitet unerkannt den Tobias, heilt, löst Probleme und bringt Menschen zusammen. Michael dagegen vertreibt Adam und Eva, steht vor dem Himmelstor als Wächter und agiert als der himmlische Heerführer. Sympathischer kommen die beiden anderen da wohl sicher rüber. Michael hat oft strenge, ja unerbittliche Züge wie z.B. im berühmten Volksschauspiel „Der Brandner Kaspar und das ewige Leben“, wo er für die konsequente Bestrafung des reuigen Betrügers eintritt.

 

Michael ist festgelegt, in der Kunst, in der Literatur, in der Volksfrömmigkeit: Eine Art himmlischer Bodyguard oder göttlicher Haudegen, der nichts und niemanden fürchtet. Beeindruckend und Respekt gebietend. Mit dem möchte man es doch lieber erst ganz am Ende zu tun haben.

 

Aber mit einem solchen mutigen „Hau-drauf“ verbinden wir schnell das Vorurteil, unüberlegt zu handeln. Da kommt uns schneller der Fehler des Übermuts vor Augen als die Stärke wahren Muts. Trifft das auf Michael zu? Ist er eine Art Himmels-Rambo oder Endzeit-Terminator, der alles in Trümmer reißt? Sein Name allein verrät schon, dass das die falsche Spur ist. „Wer ist wie Gott?“, fragt er uns, aber zuerst einmal sich selbst. Engel sind in der biblischen Überlieferung zwar körperlose Geistwesen, aber nicht willenlos. Sie sind vernunftbegabte Geschöpfe und daher fähig, gut und böse zu unterscheiden und sich zu entscheiden. Augustinus teilt sie im letzten Buch seines Gottesstaates in zwei Gruppen: Diejenigen, welche sich entschieden haben, Gott in Treue anzuhangen, und diejenigen, welche sich von ihm abwenden und sich selbst zu Gott machen wollen. Michael hat seine Antwort auf die Frage „Wer ist wie Gott?“ gefunden: Niemand. So hat er sich für ihn entschieden und lebt diese Entscheidung auch mit Entschlossenheit. Er macht seine Treue durch Taten deutlich.

Für mich ist der Erzengel Michael mehr eine Quelle der Ermutigung zum Festhalten am Glauben als eine Überforderung im Kampf gegen böse Mächte.

Trotz seines gezückten Schwertes ist er uns, die wir sein Fest in dieser Zeit feiern, vielleicht weniger als der Feldherr nahe, der uns in den endzeitlichen Kampf führt, als vielmehr das Vorbild, das uns stärkt, Haltung und Treue zu bewahren.

Darauf kommt es in unseren Tagen an.

 

Die SZ hat ein Dossier von Recherchen und Geschichten über mutige Menschen zusammengestellt unter der Überschrift „Mut entscheidet.“ Darin klingt zwei Impulse an: Mut führt zur Entscheidung und am Ende entscheidet der Mut, wie es weitergeht.

Die Redakteure fragen u.a.:
Ist es mutig, wenn die Kanzlerin die Freiheitsrechte der Bürger beschneidet, so die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen?

Ist es mutig, wenn ein ein Kapitän eines Seenotrettungsschiffes die Anweisungen der Küstenwache ignoriert, um Menschenleben zu retten?

Ist es mutig, den US-Präsidenten öffentlich bloßzustellen, wenn der sich als unberechenbar erweist?

 

Menschen entscheiden in Grauzonen zu handeln, weil sie es als den einzig richtigen Weg erkannt haben, auch wenn die Umstände niemals völlig eindeutig sind. Menschen wehren sich gegen die Gesetze der Regierung, aber die Kanzlerin handelt, weil sie meint nur so die Sicherheit von Menschen gewinnen zu können. Es ist ein Rechtsbruch, in die Gewässer eines Landes einzudringen, aber ein Kapitän entscheidet so, weil Menschen in Gefahr sind, zu ertrinken.

Es destabilisiert die Politik, den mächtigsten Menschen der Welt der Lüge zu überführen, aber Journalisten entscheiden so, weil sie sich der Wahrheit verpflichtet fühlen.
Ein Polizeichef ist verpflichtet, Demonstranten der Black-Lives-matter-Bewegung aufzuhalten. Er aber kniet vor ihnen nieder, um Haltung zu zeigen.

Mut ist nicht ein erhöhter Adrenalin-Spiegel. Mut entscheidet, nicht nur seine Pflicht zu erfüllen, sondern das Richtige und Gute zu tun. Es ist der Ausdruck eines starken Willens, fest zu bleiben, wenn man etwas als richtig erkannt hat. Das ist nicht Sturheit, sondern Haltung, die bereit ist, auch Nachteile in Kauf zu nehmen. Daran fehlt es in unserer Zeit oft, weil alles nur am Erfolg gemessen wird.

 

Pater Anselm Grün sieht im Mut eine lebensnotwendige Eigenschaft des Menschen und schreibt über den Engel des Mutes:

Wir alle brauchen Mut, um unser eigenes Leben zu leben. Zu leicht passen wir uns den anderen an, übernehmen ihre Vorstellungen, um nicht gegen den Strom zu schwimmen… Vieles vermittelt uns, wie wir zu sein haben, wie man sich kleidet. Da bedarf es eines großen Mutes, anders zu sein, so zu sein, wie es für uns stimmig und richtig ist.“

 

Diesen Mut braucht auch unser Glaube. Die Lesungen des heutigen Festtages weisen uns auf mutige Haltungen hin, die für unser Christsein entscheidend sind. Zwei möchte ich hervorheben:

 

1. Der Mut, an Gott als Urgrund und letzten Grund allen Lebens zu glauben. In einer Welt, die Gott an den Rand drängt, weil sie sich selbst vergöttert und uns einreden will, dass nur in ihr das letzte Glück im Hier und Jetzt zu finden ist, fühlt man sich oft als Außenseiter, wenn man bekennt, dass Glück und Erfüllung allein von einem Gott außerhalb und über unserer Verfügbarkeit kommt. Als Christen glauben wir daran, dass wir uns letztlich vor ihm verantworten müssen für unser Leben und für unseren Umgang mit seiner Schöpfung. Wir haben nicht gut gelebt, wenn wir möglichst viel erreicht haben und möglichst viel besitzen, wie die Kriterien der Welt es vorgeben. Unser Leben ist Geschenk, die Schöpfung ist Gottes Eigentum und uns anvertraut und der Nächste ist genauso Abbild Gottes wie wir, einmalig und unverwechselbar. Darum ist jedes Leben, geboren oder ungeboren, menschlich, tierisch oder pflanzlich nicht einfach in unsere Willkür gegeben. Der Mensch waltet als Hausmeister Gottes in unserem gemeinsamen Haus und bleibt Gott verpflichtet. Wir schützen nicht die Umwelt aus ethischen Gründen, sondern weil sie uns nicht gehört. Wir glauben, dass Gott sie nicht zerstören, sondern vollenden will. Darum haben wir kein Recht, gegen seinen Willen zu handeln.

 

2. Der Mut, sich zu Christus zu bekennen und in der Gemeinschaft der Kirche zu glauben. Es gehört sicher heute Mut dazu, sich überhaupt als glaubender Menschen zu zeigen, und noch mehr, diesen Glauben in der Kirche zu leben. Wir erfahren, dass der Glaube an einen personalen Gott, wie er ja im Namen Michael „Wer ist wie Gott?“ zugespitzt ist, auf Ablehnung stößt. Vielleicht glaubt man an eine höhere Macht, an etwas Übernatürliches, an das Schicksal, an das Aufgehen im Kosmos, aber das Bekenntnis zum dreieinen Gott erscheint vielen Zeitgenossen zu philosophisch oder unlogisch. Noch mehr schütteln viele, auch in der eigenen Familie, den Kopf, wenn man gerne am Gottesdienst teilnimmt oder sich in der Kirche engagiert. Wie kann man das noch tun? Natürlich wissen wir um die vielen dunklen Flecken auf dem Angesicht der Kirche, um die Verbrechen, die durch Vertreter der Kirche begangen wurden und noch immer nicht wirklich mit letzter Konsequenz aufgedeckt wurden. Gerade als Frau kommt man ja auch nicht umhin sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob ich wirklich einen Platz habe in einer Kirche, deren Hierarchie wohl noch lange allein von Männern besetzt wird. Die Fehler und Ungereimtheiten kann man nicht leugnen. Und dennoch sagen viele Frauen und Männer, dass es für sie nicht vorstellbar ist, ihren Glauben zu leben ohne die Kirche. Das verlangt Mut, festzustehen. Dafür möchte ich Ihnen auch heute danken. Es ist auch für mich als Pfarrer wichtig zu sehen, dass viele Menschen beiderlei Geschlechts und unterschiedlichen Alters weder blind wegschauen noch aufgeben, wenn es um die Kirche geht, sondern versuchen aus ihrem Glauben heraus, sich einzubringen, um die Gemeinde Gottes vor Ort zu einem lebendigen Haus für alle zu machen.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Was ist Mut? Sicher nicht die Abenteuerlust, unvorsichtig zu sein, damit man vor anderen als Held da steht.

Aber sicher schon die Bereitschaft, Dinge zu tun, die andere als verrückt sehen, weil man sich entschieden hat und dem treu bleibt, was man als richtig erkannt hat.

Mut ist eine Haltung, konsequent für den eigenen Glauben einzustehen, weil wir ohne ihn nicht wirklich leben können.

Stehe uns der wahre Engel des Mutes, der Erzengel Michael, bei, dass wir auch in schwierigen Zeiten dem treu bleiben können, was wir wirklich zählt in unserem Leben. Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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