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Predigt am Fest des HEiligen Stephanus 2019

Predigt Fest des Heiligen Stephanus 2019

„Paris - Colombo“

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Zunächst ein Blick zurück auf Ostern 2019. Gleich zu Beginn der Karwoche die unvorstellbaren Bilder: eines der schönsten Gotteshäuser dieser Welt steht in Flamme. Durch eine Unachtsamkeit

wird die Kathedrale Notre Dame in Paris ein Raub des Feuers. Lange ist nicht klar, ob dieses Meisterwerk der französischen Gotik jemals wieder hergestellt werden kann.

Fünf Tage später, Ostern, 8.5000 km südöstlich in Sri Lanka. Innerhalb weniger Minuten werden mehr als 250 Menschen, v.a. Christen, Opfer von Terroranschlägen auf Kirchen und Hotels während der Osterfeierlichkeiten.

Weihnachten 2019:
Der Erzbischof von Colombo hat entschieden, die Mitternachtsmesse an Weihnachten in der Kirche St. Sebastianus in Negombo zu feiern, einer jener Kirchen die Ziel der Anschläge wurden.

Der Erzbischof von Paris gibt bekannt, dass in diesem Jahr erstmals seit 1803 keine Weihnachtsgottesdienste in der Kathedrale Notre Dame gefeiert werden. Die Kirche ist in der französischen Revolution schwer gedemütigt worden: Man machte sie zum Weinkeller und zum Viehstall. Dann aber wollte Napoleon, dass sie wieder das zentrale religiöse Zentrum seines Kaiserreiches wird. Und seit dieser Zeit wurden unterbrochen alle großen Feste durch die Erzbischöfe in ihr gefeiert.

Der Erzbischof von Colombo, der der Regierung beschuldigte, untätig geblieben zu sein und die Attentate nicht verhindert zu haben, beschreibt die Situation seiner Christen vor Weihnachten und erklärt warum er den Gottesdienst in einer dieser Orte des Terrors feiert so:

 

„Sie haben natürlich schon Angst. Aber die Priester und die Gläubigen haben auch ein Bewusstsein dafür, dass Weihnachten zelebriert werden muss.“ Noch immer also überwiegt die Angst bei den Christen in Sri Lanka. Aber es wäre undenkbar, auf die Feier der Weihnachtsgottesdienste zu verzichten.

Natürlich erinnern uns die Christen in Sri Lanka daran, dass dass Christen weltweit noch immer die religiöse Gruppe bilden, die am stärksten verfolgt wird und unter staatlichen Repressalien und Terror durch fanatische Gruppen zu leiden haben. Derzeit herrscht die größte Christenverfolgung aller Zeiten. Mehr als
200 Millionen Christen leiden unter einem hohen Maß an Verfolgung, weil sie sich zu Jesus Christus bekennen. Sie stehen in direkter Nachfolge des Erzmärtyrer Stephanus. Wenn wir traditionell an seinem Fest auch den Gebetstag für verfolgte und bedrängte Christen begehen, dann geschieht zweierlei. Wir nehmen das Leid unserer christlichen Brüder und Schwestern wahr und übernehmen auch Verantwortung in dem wir unsere Politiker darauf hinweisen, dass es für uns Christen nicht zu akzeptieren ist, dass wirtschaftliche Beziehungen mit Ländern gepflegt werden, u.a. auch China, in denen Christen bedrängt und verfolgt werden. Auch wenn wir hier nicht verfolgt werden, wir stehen in Verantwortung, das uns Mögliche zu tun, mitzuhelfen, dass der Druck auf sie geringer wird.
Zugleich aber gilt es auch mit Blick auf die Worte des Erzbischofs von Colombo nicht nur mitleidend und solidarisch zu sein, sondern uns auch von ihnen inspirieren zu lassen. Wie Stephanus bleiben sie ihrem Glauben selbstverständlich treu, weichen nicht, feiern Weihnachten trotz der Gefahr, weil sie einfach Weihnachten feiern müssen. Die Kraft gibt ihnen der Glaube an Gott, der in der Nacht der Welt Mensch wird und sich von Anfang an als Kind schon der Gefahr aussetzt. Vielleicht fragen sie uns heute auch wieder, jetzt, wo viele nicht mehr da sind, die das Weihnachtsfest v.a. mit Harmonie, Romantik und Familie verbinden, was uns unser Glaube wert ist und wie viel wir bereit sind für unseren Glauben einzusetzen.
Zu Recht hat Kardinal Woelki denen, die ständig vor einer Islamisierung Deutschlands warnen, entgegen gehalten, dass unser Land um so islamischer wird, je weniger es christlich ist.

Wir haben es selber in der Hand, ob christliche Werte und Traditionen unser Land weiter prägen. Verschwinden sie, bleibt eine Leere, die andere Religionen, Weltanschauungen und Ideologie füllen werden.
Aber das ist nicht nur eine Gefahr von außen. Dafür steht für mich das Bild von der zerstörten Kathedrale Notre Dame in Paris. Menschliches Versagen, nicht Terrorismus, Anschläge oder Feindschaft haben diesen Brand verursacht. Wenn der Papst ins einer Weihnachtsansprache darauf hingewiesen hat, dass das Christentum weltweit auf dem Rückzug ist, dann liegt das auch an den Christen selbst.

Der Redakteur der FAZ, Daniel Deckers, deutet das sehr richtig, wenn er in der Weihnachtsausgabe über die traurige Nachricht, dass keine Weihnachtsgottesdienste in Notre Dame sein werden, schreibt:

Die Flammen, die aus Dach- und Glockenstuhl der mittelalterlichen Kathedrale schlugen, waren in ihrer Symbolik mehrdeutiger. Für manch einen drohte einem Meisterwerk abendländischer Architektur die unwiderrufliche Zerstörung. Für andere erschöpfte sich die Symbolik dieses Bauwerkes nicht darin, ein universal verständliches Wahrzeichen des christlichen Abendlandes zu sein. Als das Feuer das Gebälk des wie ein Pfeil in den Himmel ragenden Vierungsturms verzehrte und die Spitze ihren Halt verlor, schien sich die Kathedrale in ein Wahr-Zeichen anderer Art zu verwandelt: des Transzendenzverlusts der westlichen Gesellschaften.

 

Und weiter schreibt er, und das macht mich nachdenklich:

Dabei sind die Kirchen hierzulande weder ein Opfer einer „Diktatur des Relativismus“ (Joseph Kardinal Ratzinger) noch eines aggressiven Laizismus. Wie in vielen anderen Ländern auch sind es in Deutschland die Christen selbst, die ihren Kirchen im eigentlichen wie im übertragenen Sinn den Rücken kehren. Erklärungen sind schnell bei der Hand. Von Individualisierung der Lebensstile ist die Rede, von Pluralisierung der Sinnangebote, von Urbanisierung und vielen anderen -ismen mehr. Falsch sind diese Hinweise nicht. Doch an der Spitze wie an der Basis der verfassten Kirchen wird die Entwicklung der Kirchenaustrittszahlen mitunter so hingenommen, als gehorchte sie einem Naturgesetz. Von dort ist es nicht weit zu den „Immobilienprojekten“ von heute, mit denen über die Kirche von morgen entschieden wird.“ (FAZ v. 25.12.2019)

Das gibt schon zu denken. Ergeben wir uns vielleicht in ein scheinbar unvermeidbares Schicksal und schieben gleichzeitig die Schuld auf äußere Faktoren, auf eine eingebildete Kirchenfeindschaft in der Gesellschaft, die uns legitimiert, untätig zu bleiben und statt kreativer Ideen uns in Strukturdebatten zu verlieren.

Der Erzbischof von Paris hatte übrigens eine sehr eindrucksvolle Idee. Statt in eine andere Kirchen auszuweichen, feierte er die Gottesdienste zu Weihnachten in einem Zirkuszelt.

Im Zirkus Gruss, der im Park Bois de Boulogne im Westen der Hauptstadt Quartier macht, versammelten sich in der Nacht zum Mittwoch rund 2500 Gläubige, wie der Radionachrichtensender Franceinfo berichtete.

Erzbischof Michel Aupetit hat wohl verstanden, dass es nicht zuerst darum geht, Bauwerke zu ersetzen, sondern Seelen zu retten und Menschen für die Weihnachtsbotschaft zu gewinnen, eben auch an ungewöhnlichen Orten, die sonst der Unterhaltung und Abwechslung dienen.

Wir haben wenig Ideen wie wir dem geistlichen Hunger der Menschen, der da ist, begegnen können, und diskutieren über Strukturen, Reformen und Personal. Eigentlich ginge es mehr darum, dass wir wieder wahrgenommen werden als Menschen, die der Geist des Mensch gewordenen Gottes antreibt und die seine Menschenfreundlichkeit bezeugen. Die eine innere Freiheit gegenüber der Welt und ihren Gesetzen ausstrahlen und so zeigen, dass nicht zwangsläufig sein muss was wir als Spirale von Ungerechtigkeit, Leid und Gewalt heute so hinnehmen.
Stephanus sagt: Ich sehe den Himmel offen. Kirchen an Weihnachten 2019 stehen vor der Herausforderung in dieser Welt zu leben und trotzdem den Menschen den Himmel offen zu halten. Das können uns die beiden Bilder aus Negombo und Paris sagen. Amen.

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