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Predigt 18. Sonntag im Jk A – 2.8.2020

Gebt ihr Ihnen zu essen“ –

die vatikanische Instruktion zur missionarischen Umkehr der Pfarrei

18_Vatikanische_Instruktion.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

„Was hat Rom da wieder angestellt?“ Kaum einem dürften die Aufregung und die Wut entgangen sein, die im katholischen Deutschland seit dem Erscheinen einer römischen Instruktion vor ein paar Tage hochkochen.

Die Reaktionen sind eindeutig und heftig:

Der Kirchenrechtler der Uni Münster, Thomas Schüller, kritisiert das römische Schreiben als ein unerträglich klerikales Papier, das die Pfarrei nur vom Priester her denkt.

Der Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, attestiert den römischen Anweisungen, dass sie völlig an der Wirklichkeit der Kirche vor Ort vorbeigehen

Der ehemalige Religionspädagoge von Tübingen, Albert Biesinger, meint, dass die Instruktion ein Beitrag zur Selbstzerstörung der römisch-katholischen Kirche sei.

Und auch Bischöfe zeigen sich entsetzt und sparen nicht mit Kritik:

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf kann einen solchen Eingriff in sein bischöfliches Amt nicht einfach stillschweigend hinnehmen und hat große Sorge um die engagieren Laien.

Der Bischof von Osnabrück, Bischof Franz-Josef Bode, sieht darin eine Bremse der Motivation für Laien und vermisst darin die Wertschätzung ihres Engagements. Ähnlich äußern sich viele Bischöfe.

Unser Bischof vermisst schließlich die missionarischen Impulse, die doch vom Papier eigentlich ausgehen sollte.

Das muss ja ein ziemlicher Fehlgriff sein, was die Römer von sich gegeben haben: eine Art Hexenhammer gegen zu viel Macht von Laien in der Kirche und eine Verteidigung eines übersteigerten klerikalen Kirchenbildes.

„Arrogant, wirklichkeitsfern, abgehoben, engstirnig, rückwärtsgewandt“, sind daher die fast stereotyp wiederkehrenden Bewertungsformeln für das römische Schreiben

Ist das Schreiben wirklich so furchtbar und sind die paar Bischöfe und Theologen, die in das Zeder und Mordio- Geschrei nicht einstimmen, die gibt es ja auch wie z.B. Kardinal Wölki von Köln, so blind, dass sie die Gefahr nicht sehen, die das Schreiben für die Kirche und die Seelsorge der Zukunft bringt?

Zunächst muss man wohl wirklich einmal sagen, dass Rom die Quadratur des Kreises versucht.

Das eigentliche Anliegen ist letztlich, neue Impulse für einen missionarischen Aufbruch der Pfarreien zu mehr Mut und kreativen Ideen in der Glaubensweitergabe anzustoßen. Ausdrücklich weist das Schreiben auf das Anliegen von Papst Franziskus hin, dass die Gemeinden näher an das Leben der Menschen heranrücken. Es greift die Forderung des heutigen Evangeliums auf „Gebt ihr ihnen zu essen“ und deutet sie als Auftrag Jesu an die Pfarrgemeinden, den Menschen in ihrem Hunger nach Leben, nach Sinn und Glück, zur Seite zu stehen. Die Instruktion zitiert dabei als großes Anliegen ein Wort von Papst Franziskus aus seinem sehr gelobten Schreiben „Evangelii gaudium“, in dem der Papst feststellt:

«Wenn uns etwas in heilige Unruhe versetzen und unser Gewissen beunruhigen muss, dann ist es die Tatsache, dass so viele unserer Brüder und Schwestern ohne die Kraft, das Licht und den Trost der Freundschaft mit Jesus Christus leben, ohne eine Glaubensgemeinschaft, die sie aufnimmt, ohne Hoffnung auf Sinn und Leben. Ich hoffe, dass uns mehr als die Angst, einen Fehler zu begehen, die Furcht davor bewegt, uns einzuschließen in die Strukturen, die uns einen trügerischen Schutz gewähren, in die Normen, die uns in unnachsichtige Richter verwandeln, in die Gewohnheiten, in denen wir uns ruhig fühlen, während draußen eine hungrige Menschenmenge wartet und Jesus uns pausenlos sagt: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ (Mk 6,37)» (EG 49)

Die Autoren sehen es daher als ihr Anliegen, eine Einladung an die Pfarrgemeinden zu formulieren, „sich zu öffnen und Instrumente für eine auch strukturelle Reform anzubieten, die sich an einem neuen Gemeinschaftsstil, an einem neuen Stil der Zusammenarbeit, der Begegnung, der Nähe, der Barmherzigkeit und der Sorge für die Verkündigung des Evangeliums orientiert.“

Das scheint gründlich schief gegangen zu sein. Das liegt möglicherweise auch an der Form des Schreibens. Es handelt sich um eine sog. Instruktion der Kleruskongregation, also um eine Verwaltungsanweisung für die Anwendung von Vorgaben des Kirchenrechtes aus der Hand der für die „Priester zuständigen Behörde im Vatikan“.

Eine Verwaltungsanweisung für lebendigere Gemeinden, das ist dann tatsächlich die Quadratur des Kreises. Aber möglicherweise liegt Rom gar nicht so schief, wie die allgemeine Meinung es weitergibt. Was steht jetzt wirklich drin?

Zunächst beginnt das Schreiben mit einer Sammlung von vielen Zitaten und Gedanken der Päpste zu den Themen „Neuevangelisierung, Neuer Aufbruch in den Gemeinden, die Zukunft der Seelsorge und den missionarischen Auftrag der Kirche“

Sehr klar wiederholt das Schreiben die lehramtlichen und kirchenrechtlichen Aussagen über das Wesen der Pfarrei, über die Zusammenarbeit von Geweihten und Nichtgeweihten, über Strukturen und Aufgaben. Dabei wird die Stellung des Pfarrers gestärkt. Nur nebenbei bemerkt: Ich frage mich, ob Rom diese Klarstellung gegen die Gemeindemitglieder richtet oder nicht eher den Bischöfen in Erinnerung rufen will, dass ein Pfarrer nicht einfach der Abteilungsleiter einer Filiale ist, den man anstellen und abberufen kann, wie man will.

Meines Erachtens kommt man dem Anliegen des Schreibens näher, wenn man es nicht als Angriff auf die Mitbestimmung von Laien sieht, auch wenn ich finde, dass vieles durch diese verwaltungsfixierte Form sehr unglücklich, weil pauschalisiert weitergegeben wird.

Ich habe eher den Eindruck, dass Rom wahrgenommen hat, welche Ängste gerade in deutschen Gemeinden aufbrechen angesichts von immer größeren Einheiten, von XXL-Pfarreien, Pfarrverbänden und Pastoralen Räumen und sonstige Strukturreformen, die auch in Gefahr stehen, immer unübersichtlichere Strukturen zu schaffen, in lebendige Glaubensweitergabe nicht geschehen kann. Ich kann gut verstehen, dass ein Bischof, der so einen Veränderungsprozesss gerade durch-führen möchte, sich daher sehr ärgert über die römische Grenzziehung. Wir haben schon im Fall des Bistums Trier gesehen, dass Rom da einen sehr wachen Blick hat. Dort wollte die Bistumsleitung gegen den Widerstand vieler Pfarrer und Ehrenamtlicher neue Großpfarreien schaffen und die Zahl der Pfarreien von bisher über 800 auf 35 Großpfarreien reduzieren. Rom wies die Pläne zurück, weil die Räume zu groß sind. Im Letzten hat das auch Auswirkungen auf die neue Struktur im Bistum Würzburg. So gänzlich definitiv hat uns die Bistumsleitung noch nicht zugesagt, dass sich hinter den 40 Pastoralen Räumen nicht doch die versteckte Idee der XXL-Pfarrei versteckt. Es ist durchaus auffällig, dass unser Bischof in seiner kritischen Einschätzung des römischen Papiers diese klare Begrenzung auf überschaubare Strukturen mit keinem Wort erwähnt. Dabei wird das von der Instruktion als ein Hauptanliegen formuliert.

Es gibt Lesenswertes in der Instruktion. Dennoch stößt vieles auch auf.

Es freut mich natürlich, dass Rom die Stellung des Pfarrers betont. Und es ist auch keineswegs so, dass seine Rolle losgelöst von den Ehrenamtlichen gesehen wird. U.a. wird ein Wort von Papst Franziskus zitiert, das deutlich macht, dass der Pfarrer nicht ohne die Gremien der Ehrenamtlichen sein kann: Aber letztlich wird dieser Impuls nicht kirchenrechtlich umschrieben. Im Grunde kann, wer es will, auch rauslesen, dass der Pfarrer seiner Pfarrei und den Gremien gegenüber nicht Rechenschaft über sein Tun ablegen muss. Rom will sicher nicht, dass der Pfarrer mit den Gremien nach Lust und Laune umgeht gemäß dem Motto „Ratet mal, was ich beschlossen habe“, so Kardinal Walter Kasper. Aber dennoch besteht die Gefahr und das geht nicht zusammen mit einer Welt, die immer mehr auf Teams und gemeinsame Verantwortung in allen Bereichen baut. Da wäre von Rom her mehr als eine moralische Aufforderung gut gewesen.

Es wäre aber auch zu hoffen, dass die Kritik von Bischöfen und Ordinariatsvertretern im ganzen Land über den rüden Umgang Roms mit Ihnen auch zum Nachdenken über das eigene Verhalten gegenüber den Vertretern der Pfarreien führt. Wer nicht möchte, dass man ihm einfach solche Schreiben vorsetzt, sollte gleichzeitig einen Umgangsstil pflegen, der die Gemeinden mitnimmt und nicht die Engagierten in den Gremien vor den Kopf stößt. Der Eindruck verstärkt sich immer mehr, dass gerade die Gremien auf Diözesanebene, unabhängig von der Weihe, sich immer weiter von den Gemeinden entfernen.

Kardinal Kasper hat auch betont, dass das Schreiben die Rolle des Priesters wieder klären soll, weil gerade junge Männer, die über den Weg des Priestertums nachdenken, immer mehr in Zweifel geraten, was ihre Rolle ist. Ich kann das schon nachvollziehen. Er diagnostiziert eine Indentitätsdiffusion des Priesterbildes in den Gemeinden, also eine immer größere Unklarheit junger Priester, was eigentlich ihre Aufgabe und ihre Rolle ist. Er wünscht sich in den Gemeinden mehr Akzeptanz, Wertschätzung für den Priesterdienst. Das kann ich durchaus bejahen. Aber wenn ich die Schönheit des Priesterdienstes betonen will, dann muss ich doch auf der anderen Seite auch herausstellen, dass es gerade in unserer deutschen Kirche viele kompetente Frauen und Männer gibt in pastoralen Berufen, die nicht nur Helfer des Priesters sind, sondern aufgrund ihres Könnens und Wissens eigenständig viel einzubringen haben, auch im Bereich der Leitung. Wer feststellt, dass das Priesterbild in unserer Kirche in Schieflage geraten ist, der muss doch auch wahrnehmen, dass eine junge Theologin und Pastoralassistentin in der Regel ungleich mehr Fleiß und Einsatz als ein junger Priester, um Anerkennung in den Gemeinden zu finden. Ohne, dass ich Rom unterstellen will, den Graben zwischen Geweihten und Nichtgeweihten vertiefen zu wollen, an dieser Stelle bleibt das Schreiben hinter dem zurück, was wir eigentlich schon erreicht haben.

Grundsätzlich halte ich es für sehr fraglich, ob Rom die Priester vor den Laien schützen muss. Wer so etwas gut findet, offenbart doch eher eine schwache Persönlichkeit. Ein Priester, der von dem, was er predigt überzeugt ist, kann es als Bereicherung emfpinden, wenn ein Mensch mit einem anderen Lebenshorizont als dem des Priesters mitunter die Predigt übernimmt. Und ein nichtgeweihter Gemeindeleiter als Nachbarn wäre für mich keine Konkurrent, den ich fürchten müsste.

Letztlich dient der Versuch der Instruktion doch nur Priestern, die selbst eher ein schwaches Profil haben.

Kardinal Kasper kritisiert daher auch bei aller Wertschätzung des Anliegens, dass gerade im zweiten Teil das Schreiben einseitig auf kirchenrechtlich kritisch abgrenzend und ausgrenzend spricht. Ihm fehlt, und da schließe ich mich an, eine mehr positive, ermutigende und anerkennende Sprache gegenüber den engagierten Laien, insbesondere den Frauen, die, so Kasper, „oft in schwierigen Situationen die Gemeinden zusammenhalten und ohne deren Dienst auch bei uns die meisten Pfarreien längst zusammengebrochen wären.

Für mich bleibt vom Papier zunächst die Ermutigung, dass die Pfarrei noch Zukunft hat. Ich glaube, dass im Ordinariat in Würzburg diese Sicht nicht jeder teilt. Rom setzt noch immer, auch wenn sie sich verändert, darauf, dass die Gemeinde, die nicht mehr allein als ein Ort, sondern als eine Gemeinschaft verstanden wird, lebendige Orte der Glaubensweitergabe und der Christusbegegnung sein können.

Auch die Kirchenleitung sieht, dass Strukturreformen nicht unbegrenzt zu Erweiterungen führen können. Es fellt aber eine Perspektive, wie es anders gehen könnte.

V.a. aber geht es um eine Klärung der Zusammenarbeit von Geweihten und Nichtgeweihten. Es kann weder das Ziel sein, einen absolut herrschenden Pfarrer aufzubauen, der Ehrenamtliche nur als Handlanger versteht, noch kann der Pfarrer einfach nur zu einer Art Medizinmann werden, der geholt wird, wenn es um das Übersinnliche geht, den Rest machen die Anderen.

Ohne Zweifel ist es befremdlich, dass man ein solches Schreiben veröffentlicht, ohne mit den Vorsitzenden der Bischofskonferenzen zu reden. Aber andererseits entspricht das ja auch der Art, wie Bistumsleitungen mit Gemeinden umgehen.

Wenn Rom und die Bischöfe jetzt doch noch ins Gespräch kommen, dann wäre es schön, wenn darin nicht nur Empfindlichkeiten zur Sprache kommen, sondern Wege angedacht werden, wie in den Pfarreien wieder der Auftrag Jesu „Gebt ihr ihnen zu essen“ für Geist. Seele und Körper angenommen und lebendig umgesetzt werden kann. Amen.

 

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