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Liebe Schwestern und Brüder,

Liebe Jägerinnen und Jäger

 

Menschenrechte für Affen?“ (SZ v. 9.2.2022)

Über diese Frage mussten Anfang des Jahres die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Basel abstimmen. Da die Kantone in der Schweiz ja noch stark basisdemokratische Elemente pflegen, können durch Volksabstimmungen auch schwerwiegende Entscheidungen durch Befragung aller Einwohner einer Region getroffen werden. Eine Initiative brachte daher einen Vorschlag zur Veränderung der Kantonsverfassung ein, nach der neben den 180.000 menschlichen Primaten, also den Basler Bürgerinnen und Bürgern, auch den nichtmenschlichen Primaten, also rund 130 Makaken, Lemuren, Gorillas und Orang-Utas, die in den zwei Tierparks der Stadt leben, das Recht auf Leben und körperliche und geistige Unversehrtheit eingeräumt werden sollte. Mit rund 75 Prozent Gegenstimmen wurde dieser Gesetzesvorstoß schließlich abgelehnt. Seine Annahme wäre eine Revolution im Tierrecht gewesen: Erstmals wären auch nichtmenschliche Geschöpfe in den Genuss von Rechten gekommen, die bisher nur dem Menschen zustehen. Die Direktoren der Tierparks haben die Ablehnung begrüßt, denn alle menschlichen Eingriffe zur Regulierung wären dann verboten gewesen, u.a. auch die Umsiedlung von Menschenaffen in Schutzzonen.

Ich kann durchaus verstehen, wenn Sie jetzt fragen, was Sie das angeht? Mir ist schon klar, dass Sie keine Menschenaffen jagen. Dennoch bin ich mir sicher, dass es auf absehbare Zeit neue Initiativen in die o.g. Richtung geben wird und irgendwann auch angenommen werden. Dann wird zwangsläufig die Frage folgen, ob diese Rechte nur Menschenaffen zustehen oder nicht alle Tiere eingeschlossen werden müssen.

Wir sind in einer Umbruchszeit: Der Mensch hat als „Krone der Schöpfung“ schon seit einiger Zeit seine absolute Stellung und Erhabenheit über allen anderen Lebewesen verloren und steht schon lange nicht mehr allein im Zentrum der Wertschätzung. War es lange Zeit selbstverständlich, dass alle Entwicklungen der Schöpfung am Wohl des Menschen ihr Maß nehmen mussten, werden die Stimmen lauter, die fordern, dass der Mensch sich am Wohl der Schöpfung zu orientieren hat, v.a. auch am Leben der Tiere. Der bisherige Anthropozentrismus, also die reine Verengung aller politischen und wirtschaftlichen Interessen auf den Menschen, hat sich als Bumerang erwiesen: Die momentanen Problemfelder, angefangen von der Corona-Pandemie bis hin zur Klimakrise, sind ja durchaus Folgen dieser Konzentration auf den Menschen. Immer mehr wird uns bewusst, so hat es die Bibel ja schon betont, dass der Mensch nicht über der Schöpfung stehen darf, sondern Mitgeschöpf mit einer besonderen Verantwortung für alle Geschöpfe ist. Die Entwicklung für eine neue Wertschätzung der Tiere als Mitgeschöpfe ist nicht zu übersehen. Papst Franziskus hat ihnen in seiner Schöpfungsenzyklika „Laudato sii“ breiten Raum eingeräumt und bekräftigt, dass Tiere beten können. Vegetarier und Veganer sind heute auch in der öffentlichen Meinung keine „Öko-Spinner“ mehr, sondern werden ernst genommen mit ihrer Einstellung, dass der Mensch kein Recht hat, das Leben andere Geschöpfe, v.a. der Tiere, gewaltsam zu beenden: Die Menschen, die aus ethischen Überlegungen den Verzehr von Fleisch ablehnen, sind schon längst keine Außenseiter mehr. Gleichzeitig geraten die „Fleischesser“ unter Rechtfertigungsdruck und mit ihnen auch die Jägerinnen und Jäger. Es gibt Ökologen, die die Ansicht vertreten, dass es kein Eingreifen des Menschen in die Schöpfung braucht. Wenn das stimmt, wäre die Jagd tatsächlich absichtliche Tötung, ja Mord. Dann aber dürften wir heute nicht hier sein. Auch unter den Theologen wächst die Gruppe derer, die dafür plädieren, Tiere nur aus Notwehr zu töten und sie gänzlich von der menschlichen Nutzung freizustellen. Damit wären wir letztlich zu einem veganen oder zumindest vegetarischen Lebensstil verpflichtet.

Diese radikale Ansicht teile ich nicht. M.E. braucht es das Eingreifen des Menschen, um einen gesunden Bestand von Wildtieren zu schützen und zu kontrollieren, zum Wohl von Mensch und Natur. Auch wenn wir wieder Wölfe in einigen Wälder sichten, sind doch die natürlichen Feinde von Wildschweinen und Rehen weitgehend verschwunden und damit ist auch das ökologische Gleichgewicht weiterhin bedroht. Man kann dem Menschen vorwerfen, dass er dieses Chaos verursacht hat, aber es bleibt seine Aufgabe, aktiv zu werden. Vielleicht muss ich als „Fleischesser“ auch einfach bekennen, dass die jüdischen Weisheitslehrer die menschliche Unzulänglichkeit gut erkannt haben, wenn sie übereinstimmen, dass Gott den Verzehr von Fleisch durch den Menschen nur dulde, weil der Mensch seine Begierden nicht unterdrücken kann.

Auch wenn ich grundsätzlich dem Verzehr von Fleisch zustimme, teile ich die Ansicht, dass wir unseren Umgang mit Tieren überdenken und v.a. auch unseren Fleischverzehr nachhaltig verändern müssen. Doch erscheint es mir nicht richtig, die Schuldigen unter den Jägerinnen und Jäger zu suchen oder gar als Mörder zu schmähen. Eher im Gegenteil: Unsere Schwachstelle im Blick auf einen respektlosen Umgang mit den Tieren ist m.E. nicht die Jagd, sondern die qualvolle Massentierhaltung für die „Produktion“ von Fleisch zum billigen Einkauf.

Nachdem ich die Ankündigung zur heutigen Hubertusmesse und die Stellungnahme von Stephan Amend in der Tagespresse gelesen haben, unterstelle ich einmal, dass ich hier den richtigen Personenkreis vor mir habe, so widersprüchlich das für manchen Tierrechtler klingen mag. Ich entnehme den Worten von Stephan Amend, dass für Sie nicht zuerst der Abschuss im Vorder-grund des Interesses stehen darf, sondern die Hege, die Sorge um genügend Lebensraum, in dem sich das Wild entfalten kann, und der Schutz von Tieren vor wirtschaftlichen Interessen und Ausbeutung. Sie sind keine Waffennarren, die mordend durch Wälder ziehen. Deshalb sind wir heute doch hier richtig. Die Feier des Hubertustages kann nur sinnvoll verbunden sein mit der Forderung nach Respekt vor den Tieren. Genau diese Kehrtwende macht Hubertus durch. In der Mitte seines Bekehrungserlebnis steht die Erkenntnis, dass in dem Hirsch, den er zunächst nur als Beute sieht, ein Geschöpf Gottes vor ihm erscheint, vom Schöpfer geschaffen und gesegnet. Mit Papst Franziskus wird man zugeben müssen, dass wir beim Töten eines Tieres immer das Geheimnis des Lebens berühren, das eigentlich heilig ist. In seiner Enzyklika „Laudato sii“ geht er sogar so weit, dass sich das Wesen eines Menschen im Verhalten gegenüber Tieren erkennen lässt. Er schreibt:

«Wenn das Herz wirklich offen ist für eine universale Gemeinschaft, dann ist nichts und niemand aus dieser Geschwisterlichkeit ausgeschlossen. Folglich ist es auch wahr, dass die Gleichgültigkeit oder die Grausamkeit gegenüber den anderen Geschöpfen dieser Welt sich letztlich immer irgendwie auf die Weise übertragen, wie wir die anderen Menschen behandeln. Das Herz ist nur eines. Die gleiche Erbärmlichkeit, die dazu führt, ein Tier zu misshandeln, zeigt sich unverzüglich auch in der Beziehung zu anderen Menschen. Jegliche Grausamkeit gegenüber irgendeinem Geschöpf widerspricht der Würde des Menschen. Wir können uns nicht als große Liebende betrachten, wenn wir irgendeinen Teil der Wirklichkeit aus unseren Interessen ausschließen.»

Jeder, der die Jagd pflegt, muss sich klar sein, dass es kein Sport ist und weit mehr als ein Hobby zum Zeitvertreib. Die Jagd ist Schöpfungstun an einer der sensibelsten Stellen des Lebens. Die, denen die Verantwortung über das Leben der Tiere gegeben ist, sollen auch Anwälte der Mitgeschöpfe sein. Wenn man nicht grundsätzlich das Töten von Tieren ausschließt, sondern in Grenzen für ethisch vertretbar hält, dann wird man zustimmen können, dass die Jagd die nachhaltigste Weise ist, an Fleisch zu kommen.

Die Jagd bildet einen Gegenentwurf zu einem respektlosen und gottlosen Missbrauch von Tieren und Schöpfung in der Massentierhaltung, um billiges Fleisch zu „produzieren“: Wenn wir immer wieder aufgeschreckt werden durch unhaltbare Zustände bei der Tierhaltung und einer stressbelasteten Tötung von Tieren am Fließband, dann ist das nicht der Fehler der Jägerinnen und Jäger. Das Schreddern von männlichen Küken, das Verstümmeln von Ferkelschwänzen oder das Enthornen von Rindern wäre überflüssig, hätten Tiere genügend Lebensraum, wie es Wildtiere im Ökosystem Wald finden.

Am Hubertustag distanzieren sie sich von einer seelenlosen Industrialisierung des Tötens von Tieren und bekennen, dass sie als Jägerinnen und Jäger sich bewusst sind, welch hohe Verantwortung Sie für ein Leben haben, das der Würde jedes Geschöpfes Gottes entspricht.

Ein evangelischer Pfarrer, der den Jagdschein gemacht hat, formulierte in einem Interview, dass er oft nicht schießt, sondern nur die Tiere beobachtet und fasziniert ist von ihrer Schönheit und der Fülle des Lebens in der Schöpfung. Wenn eine solche Haltung im Vordergrund steht, dann ist m.E. die Jagd wirklich gerechtfertigt.

Verbunden mit einer solchen Haltung ist dann aber auch die Bereitschaft zum Verzicht. Fleisch, das aus der Jagd kommt, ist nicht nur das nachhaltigste, was uns zum Verzehr angeboten werden kann, sondern auch das wertvollste. Darauf kann ich mich freuen und manchmal auch warten. Es liegt nicht jeden Tag auf dem Tisch, das können sich die meisten Menschen nicht leisten. Es wird als etwas Besonderes wahrgenommen.

In der Geschichte unserer Kirche gab es immer auch Strömungen, die auf Fleisch gänzlich verzichteten, nie aber wurde das für alle verpflichtend gelehrt. Wohl aber hat die Kirche immer auch Zeiten eingefordert, nicht nur die Fastenzeit vor Ostern, sondern auch den Advent und Vorbereitungstage auf die hohen Feste, in denen allen aufgetragen wurde, auf Fleisch zu verzichten. Wenn heute gefordert wird, dass in unseren Industrieländern der Fleischverzehr pro Person von 60 auf 15 Kilo im Jahr zurückgehen muss, dann spricht das m.E. nicht gegen die Jagd, sondern eher für sie. Wir müssen radikal umdenken wie wir mit Tieren, die wir verzehren umgehen. Es beginnt bei einer Hochachtung vor dem Tier, das uns als Nahrung dient. M.W. pflegen viele Jägerinnen und Jäger noch einen alten Brauch und zollen dem erlegten Tier Respekt, indem sie vor ihm den Hut ziehen und so die letzte Ehre erweisen. Wir sind noch immer in einer endlichen und verletzlichen Welt, die auch den Tod nicht verbannen kann. Niemals aber darf das Töten seelenlos werden. Wer in die Schöpfung eingreift, muss Respekt vor allem haben, was lebt, und sich selbst als Mitgeschöpf verstehen. Der Hubertustag und die Haltung vieler Jäger können uns dabei ein gutes Beispiel sein. Amen.

2022_Rechte_Tiere.pdf

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