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Predigt zum 4. Sonntag der österlichen Vorbereitung

„Wer hat gesündigt, sodass er blind geboren wurde?“

Evangelium vom 4. Fastensonntag A (Joh 9,1-42 „Die Heilung des Blindgeborenen“)

Liebe Schwestern und Brüder

Im Jahr 1755 wurde die portugiesische Hauptstadt Lissabon von einer der schrecklichsten Naturkatastrophen der Geschichte heimgesucht. Wahrscheinlich bedingt durch Bewegungen an der Bruchstelle zwischen eurasischer und afrikanischer Platte kam es zu einem gewaltigen Beben, in dessen Folge ein Tsunami und ein Großbrand fast die ganze Stadt zerstörte. 60.000, vielleicht sogar bis zu 100.000 Menschen sollen Opfer dieser Katastrophe geworden sein. Noch Jahrzehnte und Jahrhunderte später beschäftigte diese Naturkatastrophe die Menschen, nicht nur weil dabei so viele Einwohner starben und Kulturgüter ersten Ranges vernichtet wurden, sondern auch weil mit diesem Ereignis eine ganze Glaubensvorstellung zu Bruch ging. Das Beben ereignete sich nämlich am 1. November 1755, also dem Allerheiligentag, einem der höchsten Feiertage in der katholischen Kirche, den gerade auch viele fromme Portugiesen sehr in Ehren hielten. Das Unerklärliche war nun der Umstand, dass diejenigen, welche sich an die Kirchengebote hielten, die Gottesdienste besuchten und die Feiertagsruhe wahrten,  Opfer des Unglücks wurden. Die aber, die offensichtlich gegen den Willen Gottes handelten, auf dem Feld arbeiteten oder ihr Vergnügen suchten, kamen zum Großteil unbeschadet davon. Während die Kathedralen und Kirchen in Schutt und Asche versanken, passierte dem Vergnügungsviertel von Lissabon fast nichts. Bis zum heutigen Tag arbeiten sich Theologen und Philosophen nach dem Erdbeben von Lissabon an der sog. Theodizee-Frage ab, also jener Frage, die zu den schwersten Angriffen auf Gottes Existenz führt, nämlich „Wie Gott solches Leid zulassen konnte.“ War bis dahin trotz mancher Zweifler es eine kaum bestrittene Überzeugung, dass Leid, Krankheit, Unglück, Katastrophen die Strafe Gottes für die Sünden eines einzelnen Menschen oder sogar der ganzen Menschheit war, so gerieten die Vertreter des christlichen Glaubens plötzlich in die Erklärungsnot, warum Gott die Sünder verschont und die Frommen ins Unglück geraten lässt. 100.000 Menschen, mehr oder weniger fromm und vorbildlich, wurden zu einer der lautesten Anklagen gegen die Vorstellung von einem gerechten Gott, der die Sünder straft und die Gerechten schützt.

Mit dem Erdbeben von Lissabon zerbrach also die Überzeugung vom eindeutigen Zusammenwirken zwischen Gott und Mensch: Gott schützt den Menschen, wenn er den guten Weg geht; er bestraft ihn, wenn er den Weg der Sünde geht.

Dafür lieferte die Bibel berede Zeugnisse. Das berühmteste Beispiel sind sicher die zehn Plagen, die Gott über Ägypten schickt, weil der Pharao sich seinem Willen widersetzt. Mindestens eine von ihnen können wir eine Seuche nennen. Aber auch zur Zeit von König David, dem Liebling Gottes, hören wir von diesem scheinbar logischen Zusammenhang zwischen dem Tun des Menschen und seinem Ergehen. David lässt das Volk zählen und greift damit in die Hoheitsrechte Gottes ein. Darauf schickt Gott eine zwar kurze, aber sehr heftige Seuche.

„Gerechtigkeit muss geschehen“, diese Vorstellung ist uralt und in vielen Religionen beheimatet. Auch in unseren Tagen kommen Stimmen auf, die die Corona-Epidemie als Strafe Gottes deuten wollen. Es ist wohl die nur schwer einzuschätzende Bedrohung, die sich mit solchen Erkrankungen verbindet, die sehr schnell an einen göttlichen Grund denken lässt. Eine menschliche Bedrohung durch Gewalt und Krieg hat ein Gesicht. Eine ökologische Krise lässt sich in Emissionen messen.

Aber einen Virus sehe ich nicht, erkenne ich nicht auf zwei Meter. Es ist die große Hilflosigkeit, ihm auszuweichen, die viele im Augenblick mehr Angst haben lässt als vor anderen Gefahren, so dass mancher eben an eine Art göttliche Erziehungsmaßnahme denkt.

Immer wieder dient auch dem biblischen Menschen die Vermutung, dass der, der leidet, eine Sünde auf sich geladen haben muss,  als Erklärung für Krankheiten oder Leid, das man eigentlich nicht erklären kann. Ja, das kann sogar so weit gehen, dass vermutet wird, dass die Kinder für die Sünden der Eltern leiden. Nur so können sich letztlich die Jünger und Zeitgenossen Jesu erklären, warum ein junger Mensch schon von Geburt an blind ist. Deshalb fragen sie ihn: „Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde?“ Wie absurd diese Denken ist, zeigt schon die Logik der Frage selbst. Entweder der Blindgeborene hat schon im Mutterleib gesündigt oder Gott hat ihn vorausahnend bestraft für eine Sünde, die er erst später begehen wird. Das muss selbst den frömmsten Glaubenden vor unlösbare Fragen stellen.

Tatsächlich stellt auch schon die hebräische Bibel  einen Tun-Ergehens-Zusammenhangs, der sich über Generationen zieht, massiv in Frage. Im Buch Exodus lesen wir zwar noch, dass Gott die Schuld der Väter an den Söhnen und Enkeln verfolgt ( Ex 34,7). Aber bereits der Prophet Jeremia hält eindeutig den Willen Gottes dagegen: „In jenen Tagen sagt man nicht mehr: Die Väter haben saure Trauben gegessen und den Söhnen werden die Zähne stumpf. Nein, jeder stirbt nur für seine eigene Schuld; nur dem, der die sauren Trauben isst, werden die Zähne stumpf.“ (Jer 31,29-30)

Das alte Sprichwort, das Jeremia hier zitiert, hat ja eine Wahrheit reflektiert, die wir durchaus nachvollziehen können: Die Fehler einer Generationen im Umgang mit der Schöpfung, mit dem Leben, mit der Gesundheit hat oft schwere Folgen für die nächste und übernächste Generation. Das wird uns heute im Blick auf die ökologische Krise immer mehr bewusst. Was aber Jeremia und später auch Jesus strikt ablehnen ist eine Denken, dass dahinter eine Strafe Gottes erkennen oder sogar darauf schließen will, dass ein Mensch oder eine Familie sündig ist, wenn einer krank oder leidgeplagt ist. Es ist unbezweifelbar, dass Fehlverhalten Folgen hat, oft erst in der nächsten Generation, aber es ist nicht erlaubt, von Leid auf Sünde zu schließen, Krankheit als Folge eines Fehlverhalten zu brandmarken. Gott straft nicht den Sünder, er will, dass er von sich aus den Weg der Umkehr geht. Am Karfreitag lesen wir traditionell das vierte Gottesknechtslied. Dort sagt der Prophet Jesaia: „Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. ...Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. (Jes 53,4f)“ Der, der unsere Krankheiten getragen hat, wird den Menschen nicht mit Krankheit schlagen. Vielmehr gilt, was Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Deus Caritas est“ (25.12.2005) schreibt:

„In seinem Tod am Kreuz vollzieht sich jene Wende Gottes ... , in der er sich verschenkt, um den Menschen wieder aufzuheben und zu retten – Liebe in ihrer radikalsten Form“

Es ist unsere tiefste christliche Überzeugung, dass sich Gott auch nicht aus dem Elend, der Angst und der Not des Menschen heraushalten will. Gott macht sich nicht nur die Hände schmutzig im Dienst an seinen Geschöpfen, sie werden am Kreuz blutig.


Und jetzt? Klarer Freispruch für Gott? Alles bleibt unerklärlich?

So einfach ist es nicht. Die lange Tradition der Auseinandersetzung mit dem Leid macht auch deutlich, dass der Mensch Beides nicht getrennt sehen kann. Und Jesus bezieht die Blindheit des jungen Mannes selbst auf Gott: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.“

Zunächst denkt man bei diesen Worten schnell an das Staunen über Gottes Wunder, der dem Blinden das Augenlicht schenkt. Aber die Entwicklung im Evangelium lässt auch noch Dimensionen für uns erkennen, die über ein euphorisches Wundern oder ein distanziertes Zweifeln hinausgehen.

Schauen wir zunächst auf das Umfeld.

Die Gelehrten, Führer, Eltern möchten eigentlich, dass nichts in Frage gestellt wird. Leid muss hingenommen werden. Krankheit, Leid und Unglück sind ein Betriebsunfall in einer ansonsten geschlossenen und vielleicht sogar als perfekt gesehenen Welt. Störungen können nur erklärt werden mit dem Verweis auf die Sünde des Menschen. Dem aber stellt die Bibel eine andere Sicht von der Welt entgegen. Papst Franziskus hat sie in seiner Enzyklika „Laudato sii“ so beschrieben:

In gewisser Weise wollte Gott sich selbst beschränken, als er eine Welt schuf, die der Entwicklung bedarf, wo viele Dinge, die wir als Übel, Gefahren oder Quellen des Leidens ansehen, in Wirklichkeit Teil der ‘Geburtswehen ’ sind, die uns anregen, mit dem Schöpfer zusammenzuarbeiten (…). Der letzte Zweck der anderen Geschöpfe sind nicht wir. Doch alle gehen mit uns und durch uns voran auf das gemeinsame Ziel zu, das Gott ist, in einer transzendenten Fülle, wo der auferstandene Christus alles umgreift und erleuchtet” (Nr. 80 und 83).“

Die Corona-Epidemie und jedes unerklärliche Leiden erinnern uns daran, dass unsere Schöpfung zerbrechlich und gefährdet ist. Wir Menschen erleben uns gerade dann als machtlos trotz all unseren Fähigkeiten. Gerade solche Krisen, persönliche und weltweite, machen uns demütig angesichts unserer Endlichkeit und der Gefahr, die dauerhaft für die Schöpfung besteht. Krisen sind immer aber auch eine Einladung zum Gebet, das Hoffnung und Zuversicht ausstrahlt und uns wieder neu daran erinnert, dass Gott uns die Welt und unser Leben geschenkt hat und er mit uns ist.

Da ist aber noch die erstaunliche Entwicklung des jungen Mannes

Sehend wird er eigentlich nicht schon in dem Augenblick, in dem Jesus ihm das Augenlicht schenkt, sondern erst mit seinem Bekenntnis „Ich glaube, Herr!“

Es ist ein Prozess des Erkennens mit dem inneren Auge. Ginge es Johannes nur um das äußere Wunder, dann könnte er den Bericht nach wenigen Zeilen schließen. Wichtiger ist der innere Weg, den der junge Mann geht. Er hört, was sein Umfeld sagt, bringt es mit dem in Verbindung, was ihm geschehen ist, und lässt sich ein auf die Worte, die Jesus an ihn richtet. Er hackt seine Blindheit nicht einfach ab und freut sich des Lebens nach dem Motto „Alles Widrige ist vergessen. Jetzt wird durchgestartet.“ Die lange Zeit der Blindheit hat ihn geprägt und ihn offen gemacht für den Glauben.
Ich erlebe Menschen, die nach einer langen Krankheit sagen können, dass sie auch im Glauben reifer geworden sind, mehr gebetet haben. Auch wenn Verzweiflung und Sorge ihr Beten begleiten, hat ihnen der Glaube in der schweren Zeit geholfen. Das vergessen sie nicht. Diese Erfahrung ist wie ein Rucksack, aus dem sie sich in der nächsten Krise versorgen können. Der junge Mann bekennt ganz persönlich seinen noch unfertigen Glauben und sein Vertrauen zu Jesus und stellt sich damit gegen die  Meinung der anderen Menschen, die ihn dafür aus ihrer Mitte ausstoßen. Gerade unsere persönlichen Erfahrungen der Hilfe Gottes in schwierigen Zeiten können Mut machen, auch gegen den Strom aufzustehen und bei aller berechtigten Kritik gegen die Kirche seinen Glauben zu bekennen. Die Corona-Epidemie lässt viele zweifeln und Angst haben. Hoffentlich stärkt sie aber auch viele, sich in Gott festzumachen.

In der Stadtpfarrkirche steht zur Zeit wieder die „Homo memento mori“ Fahne, die wir sonst nur bei der Karfreitags- und der Rochusprozession mittragen. Sie soll nicht Weltuntergangsstimmung verbreiten, sondern uns daran erinnern, dass wir heute in einer langen Kette von Generationen stehen, die ihr Vertrauen und ihre Hoffnung aus dem Glauben an Gott geschöpft haben, der zu allen Zeiten, auch heute noch, am Wirken ist und seine Werke an uns und seiner Schöpfung offenbar werden lassen will. Diese Ermutigung dürfen wir aus diesem Sonntag mitnehmen.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und grüße Sie herzlich mit allen Seelsorgerinnen und Seelsorgern unserer Pfarreiengemeinschaft

 Sven Johannsen, Pfarrer

Hausgottesdienst_4._Fastensonntag.pdf

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