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Ist Rache besser als ihr Ruf?“ - 7. Sonntag im Jk C

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Liebe Schwestern und Brüder

 

Kennen Sie einen Menschen, dem sie es mal so richtig ein Unrecht oder eine Beleidigung heimzahlen wollen? Machen Sie aus Ihrem Herzen keine Mördergrube. Rache schmeckt zwar auch kalt, wird aber bekanntlich am besten heiß serviert. Ein findiger Biobauer in Freiburg bietet kreative Lösungen für Rache-Suchende. „Mist dem Miststück!“, nennt er das Angebot seines Online-Shops, in dem er geschmackvoll verpackt Geschmacklosigkeiten an die Menschen verschickt, an denen sich seine Käufer rächen wollen: Da gibt es in Pizzakartons oder Geschenkpaketen drapiert Kuhfladen, Pferdeäpfel oder getrockneten Elefantenmist. Das Angebot findet reißende Nachfrage. Käufer gestehen, dass allein der Gedanke, wie sich der „Beschenkte“ beim Öffnen ekelt, sie schon versöhnt.

So leicht kann Rache gehen. Mancher wird so etwas geschmacklos, andere wiederum witzig finden, aber zumindest kommt niemand zu Schaden. In der Regel führt Rache unausweichlich dahin. Wir erleben gerade im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, an welchen Abgrund Rache die Welt führen kann. Letzter Grund für die gefährlichen Militärbewegungen ist eigentlich das gekränkte Selbst-bewusstsein des russischen Präsidenten, verbunden mit dem Ärger darüber, dass die westlichen Länder ihre Zusagen nach 1989 nicht eingehalten haben und das Nato-Bündnis immer weiter ausgedehnt haben bis an die russische Grenze. Dafür will sich Putin rächen und den Westen als schwach und ängstlich diffamieren. Eine Bedrohung für Millionen Menschen in der Ukraine als Racheakt für das gekränkte Ego eines Mächtigen. Nicht nur auf weltpolitischer Ebene, sondern auch im privaten Bereich eskaliert oft der Wunsch nach Rache, werden Menschen geschädigt an Leib, Besitz und Seele aus dem vermeintlichen Denken, dass Rache Gerechtigkeit schafft. Immerhin zählt „Rache“ in der Kriminal-statistik zu einem der häufigsten Motive für Gewalttaten.

Aber ein wenig Rache, wenn es im Rahmen bleibt, ist doch wohl gar nicht so schlecht, oder?

Forscher des Lehrstuhls für Psychologie an der Universität Würzburg haben eine Studie erarbeitet zu der Frage, ob Rache befriedigend empfunden wird. In ihrem Test durften sich die Teilnehmer gegenseitig durch Lärm bestrafen, über dessen Lautstärke jeweils der „Täter“ bestimmen konnte. Als Ergebnis halten die Forscher fest, dass das Empfinden, ob Rache als befriedigend empfunden wird, abhängt von der Reaktion der Person, an der Rache geübt wird. Zeigt sich der Bestrafte traurig, wütend oder gleichgültig, scheint das den Rächenden nicht zu besänftigen. Nur ein schmerzverzerrtes Gesicht löst eine positive Reaktion aus.“ Eine der Forscherinnen folgert aus den Untersuchungen: „Wenn ich leide und dann leidet der andere auch, dann ist das nur fair.“ (https://www.sueddeutsche.de/wissen/rache-psychologie-studie-wissenschaft-1.5530054)

Also nicht meine Reaktion, sondern das Leiden des Anderen schafft das Gefühl von „gerechter Rache“. Übrigens hat das keine Auswirkungen auf die eigene Einstellung zur Gerechtigkeit. Ein anderes Forscher-team in den USA kommt zu der Erkenntnis: „Menschen, die ihre Rache am Gegenüber für gerecht halten, empfinden es als unfair, wenn man sich für etwas an ihnen rächt.“ (s.o.)

Gibt es wirklich eine „gerächte Gerechtigkeit“? Abgesehen von kleinen alltäglichen Szenen, in denen man Rache mit kleinen Scherzen übt, gilt das sicher nicht. Rache schafft keine Gerechtigkeit. Francis Bacon beschrieb sie als „wilde justice“ als „wilde Gerechtigkeit“ oder „Selbstjustiz“, die verboten gehört. Rache dreht sich im Kreis. Sie gleicht nicht aus, sondern fordert immer nur neue Akte heraus, die zwar in den Augen des Rächenden angemessen erscheinen, für alle andere aber eine Eskalation darstellen, ein Teufelskreis, der niemanden mehr auskommen lässt.

Schade, aber Rache bringt in der Regel nichts. In wenigen Fällen kann sie tatsächlich bewirken, dass sich Einstellungen verändern, weil beide Seiten das Gefühl haben, jetzt „quitt“ zu sein. Aber meistens stellt sich eine ausgleichende Gerechtigkeit nicht ein. Es werden eher noch schlimmere Antworten provoziert.

Da haben wir Christen ja fast Glück, dass Jesus uns die Rache verbietet, ja sogar aufträgt, unsere Feinde zu lieben. Es gibt Menschen, die ich nicht mag oder die mir so auf die Nerven gehen, dass sie schon mal meinen Blutdruck in die Höhe treiben, aber wirkliche Feinde habe ich zum Glück nicht. Ich kenne Menschen, die es gerne sehen würden, wenn ich mal eine auf den „Deckel“ bekommen würde, aber ich nehme von niemanden an, dass er mich wirklich an Leib oder Psyche schädigen will, also mir feindlich gesinnt ist. Ich denke, dass es Ihnen größtenteils ähnlich geht.

Wenn Jesus mir also das Gebot gibt, nicht nachzutragen, dann fordert er sicher Schweres, aber nicht Unmögliches von mir. Er baut auf meine vernünftige Einsicht, dass Zurückschlagen in der Regel nie etwas bringt. Das sagt mir auch schon der gesunde Menschenverstand. Uns verpflichtet das Gebot zur Nächstenliebe und die allgemeingültige Goldene Regel „Behandelt andere so, wie ihr von ihnen behandelt werden wollt“ (Lk 6,32) Es ist keine Anweisung für eine Reaktion, sondern eine Regel für mein Handeln als Initiator einer zwischenmenschlichen Begegnung, die mir sagt, dass ich von anderen nur dann eine freundliche Behandlung erwarten kann, wenn ich es schon im Vorfeld auch so gehalten habe.

Der Nachbar, mit dem ich mich herumärgern muss, ist nicht schon deshalb mein Feind, weil wir uns meistens anschweigen, aber er kann zum Feind werden, wenn es zu Tätlichkeiten und Schädigungen kommt. Es gibt Menschen, die haben wirklich feindliche Übergriffe erfahren, Gewalt, Missbrauch, Leid, Ungerechtigkeit, die über ein erträgliches Maß hinausgeht. Denken wir an Kindersoldaten in Afrika, an Opfer von Gewalt in unserer Kirche, an Familien in den USA, die um einen Sohn trauern, der aufgrund seiner Hautfarbe von der Polizei erschossen wurde. Sie hätten menschlich alles Recht, von Feinden zu sprechen und Rache zu fordern. Aber gerade unter ihnen ragen Menschen heraus, die wahre Größe zeigen und Zeugnis geben von ihrer christlichen Hoffnung. Ostern 2019 zerstörten islamistische Selbstmordattentäter drei Kirchen und drei Hotels auf Sri Lanka und töteten dabei mehr als 250 Menschen. In Erinnerung an diese Grausamkeit sagte der Erzbischof von Colombo am letzten Jahrestag: "Selbstsucht wäre als menschliche Reaktion denkbar gewesen, aber wir haben damals die Botschaft Christi geachtet und die Feinde, die uns umgebracht haben, geliebt." Zugleich aber machte Kardinal Malcolm Ranjith in einem Untersuchungsausschuss des Parlaments deutlich, dass diese Tat vermeidbar gewesen wäre und machte der Regierung schwere Vorwürfen. Auch das ist christliches Verhalten.

Am Mittwoch, 15. Februar, haben wir den Gedenktag der 21 Märtyrer von Libyen begangen. An diesem Tag vor sieben Jahren ermordeten die Terrorgruppen des IS 20 ägyptische und einen ghanaischen Arbeiter, alle Christen. Das Video wurde zu Propagandazwecken weltweit versendet mit der Drohung, alle Christen zu töten. Papst Franziskus erinnerte am Mittwoch daran, dass alle Märtyrer mit dem Ruf „Herr Jesus“ starben und so ein Zeugnis von ihrem Glauben gaben wie Stephanus, der für seine Verfolger betete.

Es gibt große Beispiele von Feindesliebe, die natürlich immer auch einen Ausnahmecharakter haben. Aber sie sind Leitbilder für uns, dass Vergebung und Verzeihung möglich sind und es manchmal gar nicht viel bedarf, um über seinen eigenen Schatten zu springen und die Spirale von Angriff und Gegenangriff zu durchbrechen.

In den bereits genannten Studien wird nachgewiesen, dass der bewusste und ausdrückliche Verzicht auf Rache die deutlichste Botschaft an den vermeintlichen Gegner ist und so auch den stärksten Impuls gibt hin zu einer Veränderung.

Beeindruckt hat mich in der letzten Woche ein Foto von den olympischen Spielen. Während gerade die Ukraine und Russland zum Krieg rüsten und die Gefahr immer bedrohlicher wird, haben unbewusst zwei Sportler ein Zeichen gesetzt. Beide waren Medaillengewinner des Ski-Freestyler-Wettkampf, also eigentlich Kontrahenten. Am Ende gewann der Ukrainer Oleksandr Abramenko Silber und der Russe Ilja Burow Bronze. Spontan umarmten sich die beiden Sportler. Dabei hatte der ukrainische Sportminister dringend den Sportlern des Landes geraten, sich vom russischen Team fernzuhalten und sich auf keinen Fall mit einem russischen Mitbewerber fotografieren zu lassen. Schon 2018 gab es bei den Spielen in Südkorea ein gemeinsames Foto. Eigentlich wollte man das bei diesen Spielen vermeiden, aber, so der Ukrainer Abramenko, es „hat sich dann halt eben ergeben, dass er mich umarmt hat.“ (Sz v. 19.2.2022). Bei aller Kritik an diesen merkwürdigen Spielen in China, manchmal ist eben doch der Sport und das Spiel Vorbild für die Politik und das Leben. Vielleicht sollte man die Machthaber in Moskau und Kiew auch zu Olympia schicken. Damit könnte der Entspannung mehr gedient sein als durch alle Politik und Diplomatie. Amen Sven Johannsen, Lohr

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