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Predigt Karfreitag 2022 „Was ist Wahrheit“

Richard und Ernst von Weizsäcker: Der Sohn verteidigt den Vater

Karfreitag_2022_Weizsäcker3486.pdf

Liebe Schwestern und  Brüder

Richard von Weizsäcker – die meisten von Ihnen verbinden mit diesem Namen noch gute Erinnerungen. Richard von Weizsäcker war von 1984 bis 1994 der sechste Bundespräsident und wahrscheinlich auch in kommenden Zeiten eine der herausragenden Gestalten im höchsten Amt unseres Staates. Wir hatten bis auf wenige Ausnahmen sehr gute und vorzeigbare Bundespräsidenten. Er aber gab dem Amt eine noble Würde und weltmännische Größe wie keiner seiner Vorgänger oder Nachfolgerg. Durch seine Reden, sein Auftreten und seine Gesten adelte der Freiherr aus Stuttgart die ganze Nation. In seine Amtszeit fielen zwei historische Ereignisse: Der fünfzigste Jahrestag des Endes des zweiten Weltkrieges und die Wiedervereinigung. Zu beiden Anlässen fand der Bundespräsident damals die Worte, die sich wohltuend von denen anderer Parteisoldaten abhoben, die nur ihre eigenen Erfolge feierten. Er wurde zum moralischen Gewissen unseres Landes. Im Namen aller Deutschen bekannte er in seiner Rede zum 8. Mai 1945, dass der Tag der Kapitulation auch ein Tag der Befreiung Deutschlands war. Nicht jeder konnte diesem Wort zustimmen, mancher litt noch unter den Eindruck der Niederlage und beklagte ganz persönlich die Gefallenen seiner Familie oder die Vertreibung aus der alten Heimat. Aber die jüngere Generation konnte in seinen Worten den Weg in eine neue gemeinsame Zukunft mit den europäischen Nachbarn finden. Nicht mehr der gedemütigte Verlierer stand den Siegern gegenüber, sondern demokratische Bürger eines freien Landes handelten nun Seite an Seite mit den Nationen, die ihnen durch den Sieg über die Nazidiktatur wieder zur Freiheit verhalfen. Richard von Weizsäcker gehörte noch zu jener Kriegsgeneration, die selbst als Soldaten kämpfen und sich anschließen fragen mussten, ob sie und ihre Eltern durch ihr Taten, ihren Gehorsam und ihr Schweigen mitschuldig geworden sind an unmenschlichen Grausamkeiten, Morden und Zerstörung. Er wurde am 15. April 1920 in Stuttgart geboren. Nach dem Abitur studierte er in Oxford und Grenoble und leistete dann von 1938 bis 1945 seinen Militärdienst. Er war zugleich geprägt von einer tiefen evangelische Spiritualität, aber auch vom strengen Pflichtbewusstsein einer preußischen Beamtenfamilie. Er unterhielt schon vor dem Krieg viele Verbindungen über Deutschland hinaus durch sein Studium und war zugleich Soldat in der Wehrmacht. Nach dem Krieg studierte er Rechtswissenschaften und Geschichte. 1947 traf ihn die Frage nach Schuld oder Unschuld ganz persönlich im Familienkreis, als sein Vater, Ernst, auf der Anklagebank der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse saß. Richard von Weizsäcker assistierte dem Team der Verteidiger seines Vaters. Ernst von Weizsäcker war von 1938 bis 1943 Staatssekretär im Auswärtigen Amt. Danach wurde er, getrieben von inneren Zweifeln, zum Botschafter beim Heiligen Stuhl ernannt. Bereits vor seiner Zeit war er involviert in politische Fragen, so z.B. die Ausbürgerung von Thomas Mann. Ernst von Weizsäcker, Mitglied der NSDAP und der allgemeinen SS, war sicher kein glühender Nazi, aber ihm wurde vorgeworfen, mitschuldig zu sein an der Deportation der französischen Juden und Kenntnis gehabt zu haben von der auf der Wannsee-Konferenz beschlossenen „Endlösung der Juden-Fragen.“ Was war der Vater? Ein Opportunist, der mithalf, das unmenschliche System am Leben zu erhalten, oder ein Widerständler, der seine Position nutzte, um wenigsten einige Menschen zu retten? Mit dieser Frage muss sich der Sohn neben allen juristischen Verteidigungsstrategien innerlich auseinandersetzen. Im vergangenen Jahr legte der Auto Fridolin Schley einen Roman „Die Verteidigung“ vor, die dieses innere Dilemma des berühmten Sohnes einfühlsam und spannend offenlegt. Ihm gelang ein fesselndes Drama über Moral und Menschlichkeit, aber auch über die Frage über das Wissen der angeblich Unwissenden. Ausgangspunkt war ein Foto vom sog. Wilhelmstraßen-Prozess 1947, eine der längsten und größten Verhandlungen gegen deutsche Beamten im Rahmen der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse. Das Foto zeigt den jungen Anwalt Richard in  Anwalts-robe, der sich zu seinem Vater beugt, der auf der Anklagebank sitzt. Der 27-jährige Verteidiger muss jetzt den eigenen Vater, der für ihn lange ein Vorbild war, verteidigen.  Jetzt haben sich die Rollen verändert. Nicht mehr der alte Herr schaut auf das Kind, das noch Leitung und Orientierung braucht, der Verteidiger schaut auf den möglichen Verbrecher, der sich für sein Tun eine eigene Wahrheit zurechtgelegt hat, nämlich dass sein Dienst unschuldige Menschen gerettet habe. Die Anklage wirft ihm vor, mitverantwortlich zu sein für den Tod von Millionen., der Vater dagegen ist überzeugt, dass er nicht nur seine Pflicht gegenüber dem Unrechts-Staat erfüllt hat, sondern auch keine Schuld auf sich geladen hat. Die Spannung im Sohn ist greifbar: Als Verteidiger hat er die Aufgabe, alles zu tun hat, was seinem Mandaten zu einem Freispruch nützt. Als Sohn muss er sich quälenden Fragen und Zweifeln an der Wahrheit seines Vaters und v.a. an dessen moralischen Integrität stellen. War der Vater möglicherweise ein Pilatus, der sich aus der Verantwortung gestohlen und dafür die Wahrheit verbogen hat?

„Was ist Wahrheit?“ Ich bin überzeugt, dass diese Frage im Mittelpunkt des Verhörs Jesu durch Pilatus eine der Schlüsselfragen der Menschheit ist. In den langen Jahrhunderten menschlicher Geistesgeschichte sind viele Antworten formuliert worden auf die Frage „Was ist Wahrheit?“ Thomas von Aquin hatte vor 800 Jahren geantwortet, dass Wahrheit die Übereinstimmung von Verstand und Sache bezeichnet. Mehr als 500 Jahre später führte es Immanuel weiter und definiert Wahrheit als Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstand. Jesus und Pilatus hätten sich lange über die Definition von Wahrheit streiten können. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann debattieren sie noch heute. Aber darum geht es Pilatus mit seiner rhetorischen Frage nicht. Seine Frage drückt Resignation aus. Er wartet keine Antwort Jesu ab, der sich als Zeuge der Wahrheit offenbart hat. Das Eingeständnis, dass es wirklich eine Wahrheit gibt, wäre für den Statthalter unbequem geworden, denn er merkt, dass er gerade dabei ist, seine Souveränität als neutraler Beobachter und Richter zu verlieren. Die römischen Beamten waren zu einem sehr sensiblen Umgang mit der jüdischen Bevölkerung verpflichtet. Pilatus hat nicht die Möglichkeit, den Haufen, der sich vor seinem Haus zusammenrottet, einfach durch Soldaten auseinandertreiben zu lassen. Er muss Rücksicht nehmen. In der Passionserzählung des Johannes ist das Verhör vor Pilatus die Schlüsselszene, in der der Evangelist auf hohem Niveau über den Sinn des Leidens Jesu reflektiert und darstellt, wie nichts ist, wie es scheint. Als die jüdischen Autoritäten Jesus am Morgen des Tages, an dessen Abend Pessach beginnt, zu Pilatus bringen, scheinen die Dinge klar. Hier liegt eine politische Intrige vor, die Pilatus durchschaut, aber nicht verhindern kann. Jesus ist das wehrlose Opfer, auf dessen Rücken jüdische Begehrlichkeiten und römische Autorität zusammenprallen. Aber an dieser entscheidenden Stelle wechseln die Rollen und so wird die Wahrheit über Täter und Opfer in ganz neuer Weise erkennbar.

Dass für Johannes das Verhör vor Pilatus von zentraler Bedeutung ist, macht schon ein Vergleich mit den anderen Evangelisten deutlich. Keiner räumt dieser Erzählung so viel Raum ein wie Johannes, der das Geschehen literarisch kunstvoll in sieben aufeinander folgende Szene immer dramatischer zuspitzt. Am Anfang steht Pilatus noch als neutraler Richter zwischen den Führern des Volkes und Jesus. Wir erleben viel Bewegung. Pilatus wechselt ständig vom Platz vor seinem Amtssitz, auf dem sich die Hohepriester und ihre Sympathisanten aufhalten, und dem Inneren des Palastes, in dem die Gespräche mit Jesus stattfinden. Es gibt ein „Draußen“ und ein „Drinnen“. In der Regel möchten wir nicht draußen stehen, sondern drinnen sein. Für den Theologen Johannes haben diese beiden Ortsangaben eine enorme Bedeutung. In seinem Prolog kommt der Logos von außen nach innen, aber die Seinen nehmen ihn nicht auf. Am Ende seines öffentlichen Wirkens steht die Prophezeiung Jesu, dass jetzt der Herrscher der Welt hinausgeworfen wird. Es folgen die langen Gespräche mit den Jüngern im Innern des Abendmahls. Drinnen befindet sich der, der ins Haus des Vaters gehört. Wer jetzt draußen steht, wird nicht mehr hineinkommen. Langsam offenbaren sich die eigentlichen Rollen: Der gebundene Jesus wird immer mehr zum eigentlichen Handelnden, der Pilatus und die, die „draußen“ stehen vor die entscheidende Wahl stellt. Pilatus verliert seine Neutralität. Er versteht nichts von innerjüdischen Diskussionen, aber er weiß, dass man ihn schnell in Rom anschwärzen kann, wenn er einen potenziellen politischen Aufrührer nicht beseitigt. Gegen seine Überzeugung spricht er Jesus schuldig, verrät so die Wahrheit, die er eigentlich erkannt hat. Die Gespräche mit Jesus sind die ausführlichsten Szenen, in denen sein Dilemma als erfahrener Politiker immer größer wird. Er verliert Schritt für Schritt seine neutrale Position und muss sich nun für oder gegen Jesus entscheiden. Genau das aber ist der in der Bibel der Kern der Frage nach der Wahrheit.

Wahrheit ist in der Bibel Gegenstand philosophischer Debatten, sondern eine Haltung. „Ich erkenne die Wahrheit und lebe wahrhaftig“, so die Tragweite des biblischen Wahrheitsbegriff. Die biblischen Begriffe, die im Zusammenhang mit „Wahrheit“ verwendet werden,  beschreiben die Beziehung zwischen Menschen sowie die Beziehung zwischen Gott und Mensch im Sinne von „Wahrhaftigkeit", „Treue" und „Zuverlässigkeit". Sie leiten sich von der Grundbedeutung „fest sein" ab. Gott ist die Wahrheit, d.h. er ist unverbrüchlich treu. Er steht zu dem, was er selbst geschaffen hat, auch zum Menschen als seinem Abbild. Selbst im Moment, in dem es schmerzt, bleibt Gott sich treu, weil er sich selbst nicht verraten kann, wie Paulus sagt. Der wahrhaftige Gott kann der Katastrophe des Karfreitags nicht ausweichen, weil Kompromisse oder Täuschungsversuche seinem Wesen widersprechen. „Wahrheit“ meint zunächst, dass auf Gott Verlass ist, dass seine Treue nie in Frage steht und sein Wort zuverlässig ist. Dann aber kann auch Jesus nicht ausweichen, und versuchen, glücklich davonzukommen. Er selbst hat sich den Jüngern als „Weg, Wahrheit und Leben“ offenbart und paradoxerweise erfüllt sich diese Wahrheit, in dem das Zeichen des tiefsten Falls, das Kreuz, zur Treppe seiner Erhöhung wird. Was ist Wahrheit? Die Frage reicht nicht aus, sie muss immer um den Zusatz „für mich“ erweitert werden. Das heißt nicht, dass jeder sich seine Wahrheit zurechtlegen kann. „Wahrheit für mich“ stellt die Frage nach den letzten und unverrückbaren Fundamenten in meinem Leben, nach Menschen, die ich nie im Stich lassen werde, nach Überzeugungen, die ich niemals verraten werde, und nach einem Glauben, ohne den ich jeden Halt verliere. Der Karfreitag ist nicht nur der Tag des Schreckens, sondern vielmehr der Tag der Wahrheit. Jetzt kann keiner mehr unbeteiligt außen vor bleiben, auch der Politiker Pilatus nicht. Er ist nicht in der Wahrheit. Er hat wohl die Beweise für die Unschuld Jesu, aber er bleibt nicht bei der Wahrheit. Am Kreuz stirbt nicht die Unschuld, sondern erhöht Gott die Wahrheit, das Unverfälschte, das Echte, die Freiheit, die es einem Menschen möglich macht, ohne Angst zu leben. Das ist keine Theorie. Es gibt Menschen, die haben genau diese Wahrheit in ihrem Lebens erkannt und sind ihr in großer Freiheit gefolgt. Helmut James Graf von Moltke, ein gläubiger Christ, war einer der führenden Köpfe des Widerstands gegen das Naziregime. Auf seinem Gut Kreisau sammelten sich die wichtigsten Opponenten gegen Hitler. Dafür wurde er im Januar 1945 des Hochverrats angeklagt und in einem Schauprozess durch den berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, zum Tod verurteilt. In der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof, auch im Angesicht eines cholerisch schreienden Gerichtspräsidenten Roland Freisler und des bevorstehenden Todesurteils, bewahrte Moltke eine eindrucksvolle Haltung. Moltke muss durch seine große Gelassenheit Freisler völlig aus der Fassung gebracht haben, so dass der bereits Verurteilte in einem seiner letzten Briefe über den parteiischen Richter schreiben konnte: „Er lief so rot an wie seine Robe und tobte.“ Alles Schreien und beschimpfen nutzte dem Nazihenker nicht, er ging trotz seiner Macht als Verlierer aus dem Gerichtssaal.  Moltke berichtet: „Ich sah ihm eisig in die Augen, was er offenbar nicht schätzte. Und plötzlich konnte ich nicht umhin zu lächeln.“ Für Moltke war klar: Freisler ging es um eine Abrechnung mit dem Christentum. In seinem letzten Brief an Freya zitiert Moltke Freisler zustimmend mit den Worten: "Nur in einem sind das Christentum und wir gleich: Wir fordern den ganzen Menschen."

Menschen wie er leuchten heraus, weil sie verstanden haben, was es heißt als glaubender Mensch in der Wahrheit zu bleiben. Es gibt Momente, Situationen und Entscheidungen, da bin ich unbedingt verpflichtet. Da kann ich nur festbleiben und keinen Millimeter weichen, auch wenn es mich alles kostet. Im Nachhinein gibt es dann keine Ausreden und kein Beschwichtigen mehr, auch nicht den Verweis, dass man nur das Schlimmste verhüten wollte. Es gibt nur die Wahl zwischen „wahrhaftig bleiben“ und „schuldig werden“.

Das gilt für jeden Menschen und auch für Regierungen. Wenn im Augenblick in der Ukraine ein Völkermord in Gange ist und Kriegsverbrechen ohne Scheu verübt werden, dann ist die Rücksicht auf Gas- und Ölpreise kein Freispruch, sondern ein Schuldspruch, weil Politik Verrat geübt hat, an dem, was unbedingt gilt, um ein kleineres Gut, die Versorgung mit Gas und Öl, zu sichern. Hier gibt es kein Dazwischen. Hier gibt es nur „Wahrheit“ oder „Schuld“.

Ernst von Weizsäcker kam mit seiner Argumentation vor den Richtern nicht durch. Er wurde in Nürnberg als Kriegsverbrecher verurteilt. Auch am Schreibtisch kann man schuldig werden. Der Sieger am Kreuz sagt uns, dass es immer einen anderen Weg gibt als den Verrat, das Unrecht oder die Lüge. Leben geht an manchen Punkten nur ohne Kompromiss. Wer wie Christus aus der Wahrheit ist, der allein wird wirklich frei. Amen.  

(Sven Johannsen, Pfarrer)

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