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Predigt 33. Sonntag im JK A „Lob der tüchtigen Frau“

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Liebe Schwestern und Brüder

„Eine tüchtige Frau, wer findet sie? Sie übertrifft alle Perlen an Wert“

Liebe Männer, nennen Sie Ihre Frau auch gerne „Schatz“? Natürlich ist das liebevoll gemeint und drückt aus, dass die Partnerin das Wertvollste ist, was Mann im Leben haben kann. Das sagen sicher auch Frauen zu ihren Männern, aber mit der heutigen Lesung bekommt diese Liebesbekundung „Mein Schatz“ durch einen Mann einen kleinen Bei- oder sogar Nachgeschmack: „Sie ist wertvoller als alle Perlen“. Ist das ein Versuch zu beschreiben, wie kostbar und bezahlbar es ist, einen Menschen an seiner Seite zu haben, oder wird die Frau damit nur zum wertvollsten Besitz des Mannes degradiert, der zwar ungleich kostbarer ist als das Auto, aber letztlich auf der gleichen Stufe mit dem BMW oder Mercedes steht. Ich bin mir sicher, dass Keiner von Ihnen so denkt. Es ist aber nicht zu leugnen, dass so gedacht wurde im Laufe der jüdisch-christlichen Kulturgeschichte. Wir hören die heutige Lesung, eigentlich ein sehr wertschätzend gemeintes Lob auf eine selbständige, kluge und lebenserfahrene Frau, immer mit den Ohren unseres Herzens, in denen die Rollenbilder von Frau und Mann seit mehr als 2000 Jahren nachklingen. Genauso schwingen die augenblicklichen Diskussionen über gleiche Bezahlung, Emanzipation, Gender-Gerechtigkeit und viele andere Überlegungen zum Verhältnis von Mann und Frau mit.

Vielleicht ist gar nicht der biblische Text das Problem Vielmehr wird er rätselhaft, wenn er unkommentiert und unvorbereitet in der Liturgie vorgelesen wird. Das Lob der Tüchtigen Frau im weisheitlichen Buch der Sprichworte war in seiner Zeit uneingeschränkt positiv gemeint. Aber heute hören Frauen dabei auch immer die Stimmen ihrer eigenen Überzeugungen mit. Und wenn ein katholischer Pfarrer, also für manche das typische Klischeebild eines auf das eigene Ego fixierten Mannes, über diesen Text predigt, dann kann das per se nur schief gehen. Was weiß der schon von Frauen? Das ist völlig richtig. Ihnen jetzt Weisheiten über das Denken von Frauen aus irgendwelchen schlauen Büchern aufzuzählen, kann zwar klug wirken, ist aber nicht wirklich glaubwürdig. Als ich am Montagvormittag die Lesungstexte für diesen Sonntag erstmals angeschaut habe, habe ich überlegt, den Text einfach auszulassen. Unkommentiert stehen lassen, kann man ihn m.E. nicht. Eine wissenschaftliche Analyse hilft dabei nur bedingt.

Ich habe deshalb Frauen aus der Gemeinde gebeten, den Text im Vorfeld zu lesen und mir ihre Empfindungen und Eindrücke mitzuteilen. Es kamen viele Rückmeldungen von Frauen zwischen 20 und 80 Jahren. Vor allem Frauen im mittleren Alter haben auf den Text reagiert. Ich gestehe, dass die wohlwollende Einschätzung des Textes mich doch eher überrascht hat. Ich hatte eher erwartet, dass ich öfters zu lesen bekommen, wie sehr diese Lesung ein überholtes, männliches und katholisches Frauenbild unterstützt. Aber ich bin eben ein Pfarrer und verstehe nicht viel von Frauen.

Selbstverständlich kamen kritischen Rückmeldungen. Für eine junge Theologin offenbart sich hier das klassische Frauenbild der katholischen Kirche: Eine gute, unterwürfige Frau ist für den Mann wie ein „Sechser im Lotto.

Eine Frau, die ihren sterbenden Mann pflegt ist überzeugt:

Diese Bibelstelle entspricht nicht dem Selbstverständnis heutiger Frauen, da die Rolle der Frau auf ihre Tätigkeit als gute Hausfrau und Begleiterin ihres Mannes reduziert ist. Bei sträubt sich innerlich einiges dagegen.“


Eine jüngere Frau schlug die Lesung in der Bibel nach und stellte natürlich schnell fest, dass aus dem eigentlichen Text viele Verse in der heutigen Lesung ausgelassen wurden. Sie stellt daher die Frage:

Warum bleibt von den vielen genannten Kompetenzen nur die Handarbeit (Wolle, Flachs, Spinnrocken) und der Dienst an den Bedürftigen übrig?

Vielleicht (Ich behaupte – höchstwahrscheinlich) weil es so besser in das Bild passt, das noch immer nicht aus den Köpfen zu kriegen ist:

Noch immer werden Frauen zu Objekten,

noch immer werden Frauen ohne Partner als nicht vollständig betrachtet,

noch immer sollen Frauen auf häusliche und pflegende Arbeiten reduziert werden – wertvolle Arbeit, die perfider Weise damit gleichzeitig abgewertet wird,

Noch immer werden Frauen unzählige andere Kompetenzen abgesprochen,

noch immer werden Frauen allgemein und ihre Kompetenzen im Besonderen anhand ihres Äußeren bewertet.

Ich bin eine Frau, ich sehe und erlebe immer wieder die Auswirkungen, in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, in der Politik, in den Familien und in der Kirche.

Es macht mich wütend, traurig und erschöpft.“

 

Das ist eine berechtigte Kritik und ich möchte gleich auf sie mit einem Blick auf die Herkunft und die Bedeutung des Buches der Sprichworte, in denen sich die Verse finden, reagieren.

 

Das Buch der Sprichworte gehört zur sogenannten Weisheitsliteratur der Bibel. Diese Worte werden in der Überlieferung dem weisen König Salomo, etwa 950 vor Christus, zugeschrieben. Wahrscheinlich sammelt das Buch aber Einsichten über das rechte Leben aus vielen Jahrhunderten vor und nach dem sog. Babylonischen Exil. Zwischen den Texten können gut 500 Jahre liegen. Es umspannt also eine lange Zeit des Denkens, vergleichsweise von der Reformation bis heute. Seinen Platz hat das Buch am Hof des Königs, später wohl auch im Tempel von Jerusalem. Es ist also für eine gebildete, modern denkende Leserschicht bestimmt. Eine wichtige Rolle spielt darin die Weisheit, ein Schlüsselbegriff der Bibel. Sie umfasst Gelassenheit im Denken, Handeln und Planen, die auf Lebenserfahrung, Gottvertrauen und Klugheit in allen Bereichen gründet. Diese Weisheit wird als Frau dargestellt. Sie begleitet Gott schon im Anfang der Schöpfung. Sie ist heiter, fröhlich, gelassen, spielerisch, furchtlos u.v.m.

Sie ist alles andere als abstrakt. Vielmehr wird sie erkennbar in realen Menschen. Genau das wird in einem Schlussgedicht des Buches konkretisiert, aus dem wir heute die Verse gehört haben.
Dieses Gedicht ist im Hebräischen ein sog. Akrostichon, also ein Lob von A-Z, d.h. das Gedicht beginnt in jeder Zeile mit dem nächsten Buchstaben des Alphabetes. Das war eine gute Hilfe, sich den Text leichter zu merken, ein Stilmittel und eine Eselsbrücke zugleich.

Es stimmt, dass die Liturgie heute viele Sätze auslässt, die eigentlich zu diesem Lob von A-Z gehören. Gut die Hälfte wird unterschlagen. Das spart Zeit, aber wie oben bereits von der jungen Mutter und Wissenschaftlerin bemerkt, provoziert es auch die Frage, ob dahinter nicht Absicht steckt. Das Gehörte kann, so haben es einige zurückgemeldet, auch durchaus das Klischee vom „Heimchen am Herd“ bedienen. Die ausgelassenen Verse weiten die Sicht auf diese Idealfrau über den Haushalt und die Handarbeit hinaus. Da werden vielfältige Aktivitäten angesprochen: Sie ist eine clevere Managerin und tritt als Geschäftspartnerin in wirtschaftlichen Belangen auf. Sie ist die sozial engagierte Frau. Ihr Wirkungskreis ist nicht auf das Haus beschränkt und tritt in der Öffentlichkeit. V.a. ist sie erfolgreich in ihrem Tun. Den Ausschnitt, den wir heute hören als Lob der tüchtigen Frau, hat der Schott von 1983 zusammengefasst: „Eine solche Frau ist liebende Gattin, sorgende Hausfrau, ein wirklicher Schatz, das Glück des Hauses.“ Das ist zwar positiv, reicht aber heutigen Frauen nicht, um ihnen gerecht zu werden. Der Biblische Text ist deutlich moderner und „emanzipierter“ als die heutige Liturgie: Die Frau, die ihre Frau steht in der Familie, aber auch im Beruf und im gesellschaftlichen Leben, ohne sich selbst völlig aufzugeben.

Das ist nicht nur ein Idealbild. Die biblischen Verse haben reale Menschen vor Augen. Auch heutige Frauen sehen beim Hören oder Lesen der Verse sofort ganz konkrete Frauen aus ihrer eigenen Familie oder Bekanntenkreis vor sich. Oft denken sie an die Mutter, Großmutter oder an engagierte Frauen in der Politik, aber auch in der Gemeinde. Viele Frauen stehen da vor dem geistigen Auge auf, die ihr Leben auch in schwierigen Situationen gemeistert haben. Sie haben nicht nur Kinder erzogen, sondern, denken wir an die Generation der Kriegszeit, oft auch noch auf den Ehemann verzichtet und mussten den Kindern den Vater ersetzten. Es ist bewundernswert, was diese Frauen geleistet haben: Arbeit, Familie, Aufbau des Hauses, Pflege der Eltern oder anderer Familienangehöriger, Mitarbeit in der Kirche. So sehr diese Frauen auch Vorbild sind, sie fragen einen auch, ob man selbst so „perfekt“ sein kann: Was ist, wenn ich das alles nicht leisten kann oder will? Manchmal bremsen gesundheitliche Einschränkungen, ob körperlicher oder seelischer Art, das beste Bemühen aus. Man muss schon fragen: Was ist denn diese „Ideal-Frau“ wert, wenn sie eine Depression bekommt, ihren Haushalt vernachlässigt, keine Fröhlichkeit mehr ausstrahlt und sich in dunklen Gedanken verliert? Ist sie dann keine „tüchtige“ Frau mehr, die man loben kann?

Dieses Lob „tüchtig“ ist für manche Hörerin hinterfragbar und muss erklärt werden. Eine Frau schreibt mir:

Tüchtig. Wie definiert man dieses Wort? Ich denke, es geht nicht um die körperliche "Arbeit", die von Frauen geleistet wird, sondern um Fürsorge, um das Wissen um Verantwortung, um die Liebe für die Kinder, die in ihr wuchsen und denen sie das Leben schenkte. Ich denke, es geht hier um die Aufforderung an alle - nicht nur an die Ehemänner - ein Gefühl der Dankbarkeit zu entwickeln. Die Bedeutung des schönen Worts "Wertschätzung" zu studieren und sich anzuerziehen.  Wertschätzung - dafür, dass es Menschen gibt, die sich sorgen, die nicht emotionslos ihr egoistisches Ding durchziehen. Sondern sich der Verantwortung bewusst sind, die sie tragen, die sie als Lebensaufgabe nennen dürfen. Und auch sollen.“

Wenn man den ersten Satz der Lesung aus dem Hebräischen übersetzt, dann muss es nicht unbedingt „tüchtig“ heißen. Man könnte auch übersetzen: „Die Frau von Kraft, wer findet sie?“ Eine Frau von Kraft, ist das nicht auch der Mensch, der eine Krankheit trägt und sich nicht völlig aufgibt, durch Seelenkrisen geht und nicht völlig verzweifelt? Es wäre, und das habe ich oft gelesen, sehr gefährlich, Frauen und Männer in unserer Zeit allein nach dem zu bewerten, was sie leisten. Das würde einem Denken Vorschub leisten, das in unserer Zeit wie ein Krebsgeschwür um sich greift und sagt „Du bist wert, was du schaffst. Sei nützlich für die Gesellschaft. Menschen, die nichts mehr leisten können, belasten nur.“

Positiv haben fast alle Frauen die Selbstverständlichkeit von Vertrauen in der Partnerschaft hervorgehobe. Besonders angesprochen hat sie die Formulierung „Das Herz ihres Mannes vertraut auf sie“. Eine Mutter und Schwiegermutter denkt dabei sofort an vier Töchter und Schwiegertöchter und ist überzeugt, dass das genau die Grundlage ihrer Partnerschaften ist. Sie verzichten auf vieles und sind sehr engagiert und haben ihr Leben im Griff.

Gerade an dieser Stelle wird also deutlich, dass der heutige Lesungstext kein biblisches Vorbild für ein queres Denken mancher Pascha-Männer ist, das Johanna von Koczian in ihrem berühmten Lied „Das bisschen Haushalt, sagt mein Mann“ demaskiert hat.

Eine Frau schreibt:

Wenn das Herz des Mannes ihr vertraut, ist das eine gleichberechtigte Partnerschaft und die Frau kann in ihrem Sinne wirken. Und beide profitieren.“

Einer jungen Frau, Studentin, kommt der Gedanke:

Hinter jedem starken Mann steht eine noch stärkere Frau“, insbesondere wegen der Aussage „Das Herz ihres Mannes vertraut auf sie, und es fehlt ihm nicht an Gewinn“. Mir kommt die Überlegung auf, dass ein Mann weiß, dass er sich auf seine Frau verlassen kann – nicht nur weil am Abend das Essen auf dem Tisch steht, sondern eher in der Hinsicht, eine Gefährtin gefunden zu haben im Sinne von „Es geht nicht ohne sie“. Dadurch entsteht eine Art Gleichberechtigung und Verlässlichkeit – der eine ist für den anderen da, aber auch umgekehrt!“

 

Was bleibt für mich am Ende der Lesung und der Rückmeldungen?

 

Zum einen die Einsicht, dass auch Texte, die schon mehr als 2300 Jahre alt sind, nicht unbedingt fern von unserer Lebenswirklichkeit sein müsse.

 

Zum anderen die Mahnung an uns Prediger, mehr zu bedenken, wie manche Lesungen auf die Gottesdienstbesucher wirken, wenn sie eine zwiespältige Botschaft vermitteln könnten.

 

Es drängt sich auch die Frage auf, wo denn die Stimme und das Denken von Frauen in der Liturgie zum Tragen kommen, nicht nur übersetzt durch den männlichen Interpreten, also den Prediger, sondern durch sie selbst. Ich bin überzeugt, dass das Verbot der Laienpredigt, die dafür auch eine Möglichkeit bot, ein großer Verlust für die Kirche ist, wenn man nicht sogar sagen kann, dass es ein klassisches Eigentor war.

 

Schließlich stellt sich die Frage für die Kirche, wie Frauen in ihrer Kompetenz in der Kirche wahrgenommen werden. Es ist richtig, dass Gleichberechtigung nicht heißt, dass alle das Gleiche tun müssen, aber es ist unbezweifelbar im Willen Gottes, dass alle die gleichen Möglichkeiten haben müssen, für die Kirche Jesus Verantwortung zu tragen. Und da hat die Kirche augenscheinliche Defizite.

 

Schließen möchte ich mit einem sehr schönen, tiefen Gedanken, den mir eine junge Frau zukommen ließ, die die Konzentration auf die „Handarbeit“, die von vielen kritisiert wird, ein wenig anders interpretiert:

 

Die erste große Auffälligkeit im Text war für mich, wie oft das Wort „Hände“ benutzt wird. Die tüchtige Frau nutzt ihre Hände zum Halten der Spindel, zum spinnen, reicht sie jedoch auch dem Armen...

„Da mein persönlicher Denkprozess stark an Musik und Lieder geknüpft ist, kam mir sofort das Lied ‚grandma’s hands‘ von Bill Withers in den Sinn. …
In der Lesung wird die innere Schönheit dieser Frau beschrieben. Das stete Tun ihrer Hände - diese Hände und ihr Wesen, ihre Seele, die Gutes tun und so doch auch Sinnbild für Gottes Hände werden.“

 Was Frauen und Männer tüchtig macht, sind nicht die Erfolge, die wir mit unseren Händen erwirtschaften, sondern im Sinne des Evangeliums das Talent, die Hände, die Gott uns gegeben hat, so einzusetzen, dass sie Sinnbild für seine Hände werden, so wie es in einem Gebet heißt, das man dem vierten Jahrhundert zuschreibt:

 Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.

 

Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen.

 

Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen.

 

Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen. Amen.

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