headeroben

Predigt Neujahr 2019 "o du fröhliche"

 

Laut und turbulent geht es zu im Lutherhaus in Weimar im Spätherbs 1815.

Seit zwei Jahren sammelt Johannes Daniel Falk Waisenkinder um sich. Er und seine Frau mussten drei Jahre zuvor einen schlimmen Schicksalsschlag verkraften. Vier ihre leiblichen Kinder verstarben während einer Typhusepidemie. Dann - in den Wirren der napoleonischen Kriegen - klopft an einem Winterabend eine Kind, das seine Eltern verloren hat, an die Türe und bittet um Aufnahme. Falk findet eine neue Lebensaufgabe: Er sammelt Kinder, die durch den Krieg zu Waisen geworden sind, gibt ihnen nicht nur eine Obdach, sondern will sie zu guten Menschen erziehen. Jetzt sitzt er am Schreibtisch mitten im Toben der Kinder und schreibt ein einfaches Lied. Es soll ein Lied werden, das in kurzen Sätzen den Sinn der drei Hauptfeste Weihnachten, Ostern und Pfingsten erklärt, ein „Allerdreiteiertagslied“. 1819, so ist es auch in unserem Gotteslob angegeben, also vor 200 Jahren. Erst zehn Jahre später für ein Krippenspiel werden die beiden Oster- und Pfingststrophen durch zwei Strophen ersetzt, die das Weihnachtsgeschehen noch mehr erklären. Fertig ist eines unserer beliebteste Lieder in dieser weihnachtlichen Zeit.

 

 

„O Du fröhliche“ ist neben „Stille Nacht“ das Weihnachtslied der Deutschen. Bildet „Stille Nacht“ den romantischen Übergang in die Mitte der Nacht der Geburt Christi hinein und darf am Ende der Christmette, selbst wenn es sich um die Kindermette um 16.00 Uhr handelt, keinesfalls ausbleiben oder gar gesungen werden, nicht vorher alle Lichter gelöscht sind, so begleitet „O Du Fröhliche“ ab dem Christtag, dem ersten Feiertag, die Gemeinde, die Geburt ihres Herrn feiert, zumindest bis zum Hochfest Dreikönig, wenn nicht oft so gar länger. Es scheint wirklich kindlich naiv die Freude des Weihnachtsfestes zu besingen. Die Fröhlichkeit, die wir von spielenden Kindern unter dem Weihnachtsbaum kennen, und die Seligkeit glücklicher Eltern, wenn sie ihre Kinder mit strahlenden Augen vor dem weihnachtlichen Zauber sehen, bilden gleichsam den anrührenden Rahmen für die drei Kernbotschaften der Menschwerdung Gottes. Drei kurze Aussagen beschreiben die Dramatik, den Grund und die Folgen des Geschehens von Bethlehem.

 

1. Welt ging verloren - Christ ist geboren

2. Christ ist erschienen um uns zu versühnen

3. Himmlische Heere jauchzen dir Ehre

 

Drei kurze Blitzlichter, die die Weihnachtserzählungen der Evangelisten in Kernthesen zusammenfassen. Sie sind sicher keine hohe Theologie und nicht kunstvoll überlegte liturgische Texte. Aber heute am Oktavtag von Weihnachten schließen sie nochmals das Geheimnis der Menschwerdung Gottes auf und können auch Gedanken der Ermutigung der kommenden Tage und Monate enthalten.

 

1- Unsere Welt ging uns verloren, darum ist Christus geboren

 Wir haben den Kampf um die Welt verloren. - Die Bilder von Tsunamis, Zyklonen, Überschwemmungen, Dürrekatastrophen zeigen eindringlich, bedrohlich die Veränderungen des Klimas, die zunehmende Anzahl von Naturkatastrophen und das Schmelzen des einmal „Ewigen Eises“ an den Polarkappen. Zu den Bildern des Jahres 2019 gehört sicher in vorderster Reihe das zornige Gesicht einer jungen Schwedin, Greta Thunberg, bei ihrer Wutrede vor dem UN-Klimagipfel in NewYork. In Lohr dürfte eines der bleibenden Bilder das von einer von hunderten von Menschen, v.a. Jungen Menschen, besuchte Demonstration im Rahmen der Friday for Future-Bewegung sein. Man kann über Greta Turnberg und die Art, wie manche ihren Protest ausdrücken, streiten. Aber kaum ein Ereignis zeigt uns doch eindrücklicher, wie hilflos wir Menschen geworden sind angesichts des Schadens, den wir selbst der Welt zugefügt haben. Die Erde ging uns verloren. Für viele ist das Ende der Zeit angebrochen.

 

Der Galaterbrief schätzt die Situation etwas anders ein: „In der Fülle der Zeiten wurde Christus geboren“, sagt Paulus. Nicht dass die Situation der Menschheit vor 2000 Jahren irgendwie rosiger war. Man hatte nicht solche Mittel, die Schöpfung zu schädigen, aber zimperlich sind die Römer mit Rohstoffen und der Erde nicht umgegangen. Der Friede unter Kaiser Augustus war sicher eine Zeit der Erholung für viele vom vorausgehenden Bürgerkrieg Roms betroffene Landstriche, aber keineswegs eine Zeit der Freiheit und der Hoffnung. Fülle der Zeit war es nicht, weil alles gut war, sondern weil Gott die Zeit beenden wollte, in der der Mensch unter dem Gesetz wie ein Sklave war. Es geht nicht um einen bestimmten Zeitpunkt in einem besonderen Jahr, sondern um die Absicht Gottes, uns Menschen immer mehr zu freien und mündigen Kinder Gottes zu werden, Menschen, die nicht in Angst vor der Zukunft leben und aus Angst leben, sondern in freier Verantwortung ihre Zeit gestalten.

 

Erfüllte Zeit ist auch dieses neue Jahr. Die Bedrohung wird nicht weniger. Wir dürfen kaum annehmen, dass plötzlich alles gut wird in dieser Welt. Uns werden Naturkatastrophen und die Untätigkeit der Politik auch 2020 in Atem halten. Es ist kaum zu erwarten, dass es den großen Durchbruch für Klima, Frieden und Gerechtigkeit in der Weltgemeinschaft gibt. Wahrscheinlich auch nicht für unser Leben. Und doch ist es gute Zeit. Zeit, die von Gott geschenkt und gesegnet ist, Zeit, die wir nicht fürchten müssen, sondern in der wir alle Möglichkeiten haben, Gutes zu tun und verantwortlich zu handeln.

 

2. Christ ist erschienen, um uns zu versühnen

Manchmal verbinden wir mit dem Auftreten eines besonders charismatischen Politikers große Hoffnung auf einen neue Zeit: Verkrustetes in der Politik und in der Gesellschaft soll aufgebrochen werden, neue Wege gegangen. Ich denke zurück an den Amtsantritt des US Präsidenten Barack Obama im Januar vor 10 Jahren. Wie viele Hoffnungen haben nicht nur die Amerikaner mit seiner Präsidentschaft verbunden. Das Nobelpreiskomitee hat ihm schon gleichsam als Vorschusslorbeeren im ersten Regierungsjahr den Friedensnobelpreis zuerkannt. Die Ernüchterung folgte schnell und mündete in der Wahl des so konträren neuen Präsidenten Donald Trump. Große Hoffnungen wurden enttäuscht. Das ist wie ein Kehrvers der Weltgeschichte. Von Augustus hat man sich eine goldene Epoche erhofft, die schnell endete als sein rachsüchtiger und misstrauischer Adoptivsohn Tiberius die Regierung übernahm und grausame Verfolgungen gegen alle vermeintlichen Verschwörer lostrat. Auf wen setzen wir in unserer Hoffnung auf eine gute Zukunft?

Gustav Heinemann, der ehemalige Bundespräsident, hat unsere Hoffnung richtig zusammengefasst:

„Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt.“

Lukas setzt nicht auf Augustus, auch wenn er ein gebildeter Historiker ist. Der große Kaiser, dein seine Zeit als Heiland verehrte, wird für ihn zum Statisten in der Geschichte des wahren Heilands, eines Kindes in einer Krippe: armselig und nackt, schutzlos und ohne Macht. Was kann man von diesem Kind, zu dem uns die Hirten führen, erwarten?

Einen neuen Politikstil? Wohlstand für alle? Frieden auf dem Erdkreis?

Das Bild, das wir in allen Krippenszenen vor Augen haben, lässt diese Luftblasen platzen.

Nein, kurzfristige Lösungen unserer Probleme wird dieses Kind nicht bringen, da haben auch seine Jünger schnell ihre Vorstellungen ändern müssen.

Das Lied sagt uns: „Christ ist erschienen um uns mit Gott zu versöhnen“

Waren wir mit Gott im Streit? Wohl eher mit uns selbst als seinem Abbild, und so mit ihm.

Das Faszinierende an Weihnachten. Gott lässt sich in seiner Menschwerdung ein auf all das Begrenzte und Schwache, das zum Menschsein gehört, v.a. auf seine Endlichkeit. Das ist das Eigentlich Unversöhnbare im Menschen: Wir sind Wesen mit Fähigkeiten, Denken, Idee und Kreativität, aber wir können sie gar nicht alle Entfalten, weil wir zeitlich begrenzte Wesen sind. So viele Pläne und Möglichkeiten, die daran scheitern, dass wir nur eine bestimmte Zeitspanne haben und immer mehr Zeit und damit Welt verlieren,

Aber genau dieses Leben nimmt Gott in Jesus an. Das Kind von Bethlehem wird nicht alt werden. Man raubt ihm das Wertvollste, was wir haben: Zeit. Aber genau in dieser begrenzten Lebenszeit Jesu gewinnt er für uns das Leben. Da kommt wieder der Ursprungsgedanke von Johannes Falk: Sein Lied ist ein Lied für alle drei Feste. Weihnachten strömt auf Ostern zu und vollendet sich in der Sendung seines neuen Geistes an uns.

Auch 2020 ist Zeit, die wir verlieren werden: Schon jetzt die ersten Stunde. Es wird uns wie 2019 gehen und wir werden am Ende fragen: Wo ist die Zeit hin? Und warum zerrinnt sie uns so schnell? Diese Frage beschäftigt uns doch letztlich nur, weil wir wissen, dass wir nur eine begrenzten Anzahl von Jahren haben, letztlich nicht wissen, ob es nicht schon dieses Jahr ist, in dem sich unser Schicksal vollendet.

 

Jesus versöhnt uns mit Gott, von dem wir nichts mehr wissen wollten. Und der versöhnt uns mit unserem begrenzten Leben. Am Anfang des neuen Jahres preisen wir eine Zeit, die schon eine Woche läuft. Wir erinnern uns daran, dass 2020 aus dem Moment kommt, als die Fülle der Zeit gekommen war, dass es ein Jahr ist, das aus der Geburt Jesu entspringt, ein Jahr des Herrn. Das traut man sich nicht mehr zu sagen. Heute sprechen wir einfach vom Jahr 2020 unserer Zeitrechnung, um niemanden, der unseren Glauben nicht teilt, zu provozieren. Aber der Gedanke, dass es ein Jahr des Herrn ist, heißt ja auch, dass es aus der Quelle des Ewigen kommt und nicht einfach verschwindet und mit ihm unsere Freude und unser Leid dieser kommenden Tage, sondern dass es aufgehoben bleibt. In einem Lied betet Jochen Klepper zu dem, der Unsere Zeit in Händen hält“ und bittet:

Wer ist hier, der vor dir besteht?
Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht:
nur du allein wirst bleiben.
Nur Gottes Jahr währt für und für,
drum kehre jeden Tag zu dir,
weil wir im Winde treiben.

 Unsere Tage, die schönen voller Glück, die schweren und die vergeudeten kehren zu Gott zurück. Darum dürfen wir versöhnt in in ihnen leben.

3. Himmlische Heere jauchzen dir Ehre 

Und schließlich erinnert uns Falk in seinem Lied an den Jubel der Engel auf den Feldern in Bethlehem. „Himmlische Heere jauchzen dir Ehre“

Der Himmel ist wieder interessant geworden für uns Erdlinge, das ist die Große Neuigkeit an Weihnachten. Seit der Himmlische die Erde betreten hat, sie geheiligt hat und zu seinem Wohnort machte, seit dem sind wir hier nicht allein gelassen und uns selbst überlassen. Leben heißt seit Weihnachten und Ostern nicht mehr, jeden Tag um sein Glück, um sein Überleben kämpfen zu müssen.

Der Himmel wird interessant, weil der Himmlische hier Spuren hinterlassen hat auf unserer Erde und in unserem Leben, die uns daran erinnern, dass wir unterwegs sind zur großen, ewigen Heimat, auch in diesen Tage.

Wir alle, das unterstelle ich jetzt einfach, haben Spuren Gottes schon entdeckt: große Politische Veränderungen wie der Mauerfall vor 30 Jahren, aber auch im eigenen Leben. Die Rückschau fragt uns doch immer: „Wie viel Grund habe ich für die Führung Gottes in meinem Leben zu danken“ Der Himmel hat Interesse an mir, nicht erst wenn ich da sein werde, sondern schon jetzt in dieser Erdenzeit. Unsere Gegenwart 2020 ist Zeit der Hoffnung, die uns mit vielen Spuren auf den hinweisen, in dessen Namen die Engel auf den Feldern von Bethlehem erschienen sind. Sie singen ihm zur Ehre und verkünden uns die Möglichkeit des Friedens, den Frieden mit uns, mit den Mitmenschen, mit der Umwelt, mit unserem Schicksal, den wir uns auch für 20202 wünschen.

Mit dem sicher etwas naiven Weihnachtslied von Johannes Flak gehen wir nicht blauäugig in dieses Jahr. Es ruft zur Freude auf und bringt uns gleichzeitig konzentriert das Wesentliche, das auch in diesem Jahr geschehen wird, in Erinnerung:

Wir leben in einem Jahr, in dem wir alle Möglichkeiten haben, das Beste zu erreichen

Wir leben in einem Jahr, das nicht davonläuft, sondern zum Ewigen zurückkehren wird.

Wir leben in einem Jahr, in dem Gottes Spuren auch in unserem Leben erkennbar sein werden.

 

Dass das unser Jahr, unser Leben in ihm, zuversichtlich prägen möchte, dazu schenke uns Gott seinen Segen. Amen.

­