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Predigt 28. Sonntag im Jahreskreis

Zeig mir, wie das Leben geht“

Liebe Schwestern und Brüder

 28_Kluge_Süroche_Vorlage_und_PDF.pdf

 

Am Abend wird der Faule fleißig“

Der frühe Vogel fängt den Wurm“

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“

 

Kennen Sie auch solche Sprichwörter, Weisheiten und klugen Sprüche?

Oft kommen sie gerade im falschen Moment als Belehrung durch andere daher. Wenn ich langsam in Stress gerate, weil eine Arbeit wie z.B. die Lohnsteuererklärung nicht rechtzeitig erledigt ist, dann wäre mir eine helfenden Hand lieber als eine kluge Weisheit. Sie können also in manchen Momenten sehr nervig und ärgerlich sein.
Aber andererseits bilden Weisheiten, Sprichwörter und Redewendungen einen Schatz an Einsichten und Erkenntnissen, aus denen die Menschheit schon seit langer Zeit schöpfen kann.

Viele Sprichwörter haben wir von unseren Großmüttern schon gelernt und wenden sie gerne und häufig an. Sie haben sich als Erziehungshilfen tief eingeprägt in unser Gedächtnis und sind gleichsam ein Gemeingut der Menschheit.

Die Bibel bildet dabei eine schier unerschöpfliche Quelle kluger und weiser Lebensregeln:

  • Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ (Sprüche 26,27)

  • Den Seinen gib es der Herr im Schlaf.“ (Psalm 127,2)

  • Hochmut kommt vor dem Fall.“ (Sprüche 16,18)

  • Alles hat seine Zeit“ (Kohelet 3)

  • Der Mensch denkt und Gott lenkt!“ (Sprüche 16,9)

 

Viele alltägliche Redewendungen, die wir gebrauchen, haben ihren Ursprung in der Bibel. Wenn wir vom Tohuwabohu im Kinderzimmer sprechen, dann erinnert uns das hebräische Wort an das Ur-Chaos am Anfang der Schöpfung, in das Gottes Geist Ordnung bringt. (Warten Sie aber bitte nicht auf das Kommen des Heiligen Geistes bevor Sie ihre Kinder zur Ordnung ermahnen). Wenn Sündenböcke gesucht werden, dann reihen die sich ein in die lange Schar jener Tiere, die einmal im Jahr am Versöhnungstag in Israel in die Wüste gejagt wurden und die Last der Schuld des Volkes mitnahmen. Und wenn wir „Parteifreunde“ Pharisäer schimpfen, dann machen wir uns die Kritik der Evangelisten an einer besonders frommen Gruppe des Judentums zur Zeit Jesu zu eigen.

In unseren Sprichwörtern und Redensarten bedienen wir uns also der Erkenntnis von gläubigen Menschen, die schon lange vor uns gelebt haben. Solche Lebensweisheiten haben ihren Ursprung in den Erfahrungen von Menschen, die sich nicht immer neu wiederholen müssen. Wir müssen nicht erst in die Grube fallen, um zu wissen, dass wir sie uns selbst gegraben haben. Andere haben es schon erlebt und der Volksmund hat diese Einsicht für uns aufbewahrt als Mahnung und Warnung. Wir müssen nicht erst von Freunden im Stich gelassen werden, um zu erkennen, dass viele sich die Hände in Unschuld waschen, wenn es brenzlig wird. Wir schöpfen aus einen Wissen, das im Leben unzähliger Generationen von Menschen vor uns entstanden ist. Und doch müssen wir es mit unseren eigenen Einsichten bestätigen. Weisheiten und Sprichwörter sind keine staatlichen oder religiösen Verbote, sie sind Erkenntnisse, die ich annehmen oder ablehnen kann. Mancher muss seine Erfahrungen eben selbst machen.

Es geht also nicht in erster Linie darum, was der Mensch darf und was er tun soll, sondern um ein gelingendes Leben ohne viel Schaden nehmen zu müssen.

In der ersten Lesung aus dem Buch der Weisheit wird heute König Salomo, dem Sohn Davids und der idealisierte Weise der Bibel, ein Gebet in den Mund gelegt, das ausspricht, welche Bedeutung der Weisheit zukommt:

 

Ich betete und es wurde mir Klugheit gegeben;
ich flehte und der Geist der Weisheit kam zu mir.
Ich zog sie Zeptern und Thronen vor,
Reichtum achtete ich für nichts im Vergleich mit ihr.

 

Weisheit und Klugheit erscheinen hier als die größte Gabe, die ein Mensch von Gott empfangen kann. Wir nennen die Weisheit eine der sieben Gaben des Heiligen Geistes. Das heißt aber nicht, dass der eine diese Gabe von Gott bekommt, der andere nicht. Weisheit ist jedem Menschen möglich, wenn er im richtigen Geist sein Leben und die Welt überdenkt. Mit Weisheit bekommen wir keinen Nobelpreis. Dazu brauchen wir den Intellekt, die Neugierde und den Forschergeist. Mit Weisheit gewinnen wir aber das gelingende Leben. Klugheit macht uns nicht clever oder gerissen. Sie lässt uns einen klaren Überblick über die Dinge behalten und befähigt zum richtigen Urteil. Beide haben ihren Sitz nicht nur im Gehirn als eine Fähigkeit der Vernunft und Logik, sondern stehen an der Grenzlinie zwischen Denken und Fühlen, ja haben ihren Anfang im Herzen des Menschen, in dem er Leid empfindet, Mitleid spürt, in Freude ausbricht und Hoffnung aufkeimt. Sie sind mehr als ein Gefühl und mehr als ein logischer Entschluss, sie sind Lebenswissen, das aus der Verbindung von Erfahrung und Nachdenken kommt.

Weisheit ist in der Bibel die Kunst des gelingenden Lebens. Die leitende Bitte, die wir aus dem Gebet des Königs um Weisheit heraushören können, lautet: „Zeig mir, wie das Leben geht.“ (Grundkurs Bibel AT 2, Stuttgart 2003) Natürlich kann uns das kein Lehrbuch vermitteln. Vom ersten Augenblick unseres Lebens an machen wir Erfahrungen mit anderen Menschen und unserer Umwelt. Wir lernen Wesentliches aus ihnen. Wer einmal auf eine heiße Herdplatte langt, wird hoffentlich so klug sein, das nicht noch einmal zu tun. Wir reifen mit den Jahren nicht nur in unserer körperlichen Entwicklung, in unseren gelernten Wissen und Kompetenzen, sondern - das wäre zumindest ideal - auch in unserem Lebenswissen, in der Kompetenz, unser Leben gelingend zu führen. Dafür muss ich nicht alle Erfahrungen selber machen. Ich kann zurückgreifen auf die Erkenntnisse früherer Generationen, die oft gesammelt sind in solchen kurzen Spruchweisheiten, die mich in der konkreten Situation, wenn es schiefgegangen ist, ärgern, sich aber dennoch als richtig erwiesen haben. „Hätte ich nur früher darauf gehört“, so sagen wir es manchmal als Einsicht nach einem Schaden.

Weisheit und Klugheit schreiben wir oft älteren und gelassenen Menschen zu. Das Ideal des Einsiedlers taucht dabei mitunter in der Vorstellung auf. Aber Weisheit ist nicht abhängig von Alter, Wissen, Studium oder Lebensform. Weise Gedanken können von kleinen Kindern kommen, die noch staunend die Welt betrachten. Dummheiten können Akademiker verbreiten, die als Impfgegner Halbwahrheiten ungefiltert weitergeben.

Weisheit braucht nicht das Studium der Philosophie, sondern die Bereitschaft nachzudenken über das Erlebte und daraus Schlüsse zu ziehen, die vernünftig sind.

Der Alttestamentler Erich Zenger, der leider früh verstorben ist, hat vier Impulse der biblischen Weisheit herausgearbeitet, die einem heutigen Christen Anstoß und Hilfe für sein Leben sein können.

 

1. „Die Weisheit wurzelt in einem Grundvertrauen in Schöpfungs- und Weltwirklichkeit“ (E. Zenger; Die Bücher der Weisheit, in: Einleitung in das Alte Testament; Stuttgart 2002)

Weise kann der nicht sein, der den Fortschritt und die Entwicklung der Welt und der ganzen Schöpfung per se zum Abstieg erklärt und alles in einem schlechten und hoffnungslosen Licht sieht. Weisheit wird im Lateinischen mit „sapientia“ übersetzt. Das Wort kommt von „sapere“ „Geschmack haben, schmecken.“ Das Nachdenken über die Welt und mein Leben soll mir Geschmack machen auf die Zukunft. Wir dürfen das Leben genießen, nicht im Sinne von absoluter Sorglosigkeit, Verantwortungslosigkeit und Vergnügungssucht, sondern durch ein grundsätzliches „Ja“ zu ihm. Es ist unser Leben, das wir führen: ein Geschenk, in dem ein reicher Schatz an Möglichkeiten zur Entfaltung verborgen ist.

 

2. „Die Weisheit bemüht sich um eine Multiperspektivität von Welt- und Lebenswahrnehmung.“
Es liegt selbstverständlich in meinem Interesse, dass mein Leben gelingt. Aber die Weisheit lehrt mich, dass sich das nicht ohne die Gemeinschaft erfüllen wird. Ich muss meine Einsichten machen oder die Erkenntnisse anderer auf mein Leben übertragen, aber am Ende steht ein Lebenskonzept, das mich nicht von der Gemeinschaft wegführt, sondern mir hilft so zu leben, dass deutlich wird, dass alles mit einander verbunden ist. Ich bin keine Insel oder ein freischwebender Planet im Weltraum. Ich bin Teil der Menschheit und Mitgeschöpf unter den Geschöpfen. Mein Leben gelingt, wenn ich es so konzipiere, dass alle Lebewesen sich entfalten können. Weise ist niemals der, der gegen andere lebt, sondern nur der, der sich um das Miteinander bemüht.

 

3. „Die Weisheit sucht das allen Menschen Gemeinsame herauszustellen.“ Konfuzius, der Dalai Lama, Buddha sind weise Menschen, deren Lehren und Einsichten wir nicht einfach deshalb ablehnen können, weil sie nicht zum Christentum gehören. Die Weisheit lässt sich nicht auf eine Religion beschränken. Sie ist göttlicher Natur und liegt somit vor jedem Bekenntnis. „Herr, wie groß sind deine Werke. Du hast sie alle in Weisheit geschaffen“, beten wir in Psalm 104. Die Weisheit Gottes ist jedem Menschen zugänglich, der über die Schöpfung und das Leben nachdenkt. Damit aber kann ich auch Hilfe finden in den Erkenntnissen von Menschen, die nicht meiner Religion angehören. Wer von uns will Gott Grenzen setzen und ihn beschränken in seinem Wirken auf einen kleinen Teil der Menschheit? Das wäre ja vermessen. Weisheit können wir von jedem Menschen empfangen und so bereichert werden durch alle Denktraditionen der Menschheit.

 

4. „In ihrer nüchternen, bisweilen skeptischen Art ist sie eine gute Korrektur gegen alle Formen religiöser Überhitzung“

Wer nachdenkt und überlegt, den Dingen und Ereignissen auf den Grund geht, seinen Glauben in den Dialog mit anderen Glaubenden bringt, der kann nicht fanatisch werden. Weise kann nie der sein, der sein Bekenntnis für absolut hält und nichts Gutes im Denken und Glauben der anderen erkennen will. Das haben die Väter des zweiten Vatikanischen Konzils bestätigt in ihrer Erklärung über die Nichtchristlichen Religionen, denen sie immer einen göttlichen Funken zusprechen. Das Erkennen meiner eigenen Begrenztheit und auch der Zweifel, die ich in meinem eigenen Glauben haben, bewahrt mich davor, mich über andere zu erheben und ihren Glauben zu bekämpfen.

 

Liebe Schwestern und Brüder

Alle Flüsse laufen ins Meer, das Meer aber wird nicht voll“, sagt der Prediger Kohelet (1,7). Jeder Mensch stellt die Bitte „Zeig mir, wie das Leben geht.“ Jeder muss seine eigene Antwort finden durch Einsicht und Erkenntnis. Zugleich aber dürfen wir uns helfen lassen durch die Erfahrungen der ganzen Menschheit und selbst unseren Fluss der Weisheit einfließen lassen in das große Meer der menschlichen Sehnsucht nach Glück und Erfüllung. Heute wird uns im Evangelium ein Mensch vorgestellt, Bartimäus, der seinen Weg in der Nachfolge Jesu gefunden hat. Er war nicht nur körperlich blind, sondern auch unfähig zu sehen, wohin er gehen soll. Sein Mut und sein Vertrauen in Jesus können uns stärken, nicht auf halbem Weg stehen zu bleiben wie der reiche Jüngling, sondern mit der Kraft unseres Fühlens und Denkens durch Christus zum Leben in Fülle zu gelangen.

Unsere Tage zu zählen, lehre uns, D nann gewinnen wir ein weises Herz.“ (Ps 90,7) Amen.

Sven Johannsen, Pfarrer

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