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Predigt 2. Weihnachtstag Fest der Heiligen Familie - 26.12.2021

Im Dialog mit dem Marienaltar“

Im_Dialog_mit_dem_Marienaltar.pdf

 

Liebe Schwestern und Brüder

 

Im Dialog mit dem Marienaltar“ haben wir das Kunstprojekt von Nina Pearson in dieser Adventszeit überschrieben. Im Laufe der vier Adventssonntag entstand keine Kopie, sondern eine Übersetzung des wichtigsten Kunstwerkes in unserer Pfarrkirche. Seine fünf Szenen fokussiert auf die Kindheitserzählungen des Lukasevangeliums bringen die Geheimnisse des freudenreichen Rosenkranzes ins Bild:

  • den du, o Jungfrau, vom Heiligen Geist empfangen hast

  • den du, o Jungfrau, zu Elisabeth getragen hast

  • den du, o Jungfrau, zu Bethlehem geboren hast

  • den du, o Jungfrau, im Tempel aufgeopfert hast

  • den du, o Jungfrau, im Tempel wiedergefunden hast.

Sie laden den Betrachter ein, das Urgeheimnis der Menschwerdung Gottes zu bedenken. Sie wollen also nicht einfach dokumentieren, sondern ansprechen, herausfordern, einladen, nachdenklich machen. In den fünf Tafeln hat der Franz Wilhelm Driesler einen Dialog über Grundaussagen des Glaubens begonnen, der noch heute Menschen anspricht. Kunst will mit dem Betrachter in Dialog treten, sonst wäre sie nur eine Zementierung des Status quo. Aber kann Kunst zu Kunst sprechen, ein Altar zum anderen? Genau das war die Absicht des Fotoprojekts von Nina Pearson. Wenn es nur darum ginge, die Unterschiede zwischen den Bildern festzustellen, dann wäre das kein Dialog, sondern ein Rätsel „Suche die Unterschiede“. Die Bilder stehen in Verbindung, legen aber unterschiedliche Schwerpunkte und fragen so nach meiner persönlichen Sicht der Glaubensaussagen,. So sind wir im Dialog über das Medium der Darstellungen. Das wollen wir heute aufgreifen und eintreten in ein Gespräch zwischen dem Marienaltar und den fünf Bildern von Nina Pearson.
Ich werde dabei die Sicht unserer klassischen Weihnachtsbilder übernehmen, Frau Pearson öffnet in ihren Bildern noch einmal Einblicke in ihre Gedanken und Zugänge beim Schaffen der Fotos.

 

1. Bild: DEN DU VOM HEILIGEN GEIST EMPFANGEN HAST

Im ersten Bild unseres Altares herrscht ein Ungleichgewicht. Der Engel dominiert die Szene und füllt den halben Raum aus. Maria sitzt tiefer und hat das Haupt gesenkt. Hier bricht jemand in das Leben eines anderen ein. Ihr Ja-Wort wirkt hier fast schon als eine Einwilligung, weil sie sich der Logik und dem rednerischen Geschick des Engels unterlegen weiß. Eine Schwangerschaft als Einbruch? Tatsächlich empfinden viele junge Eltern die erste Schwangerschaft zwiespältig. Neben der Freude ist es auch eine Unsicherheit, die aus der Veränderung herrührt: Es gibt keinen Plan für die kommenden Monate, den man jetzt einfach durchziehen kann. Ob die Schwangerschaft einfach oder schwer wird, das liegt noch im Dunkel. Eine Verantwortung für das Leben in mir überschattet jetzt mein Verhalten, mein Ess- und Trinkgewohnheiten, mein Bewegen und Arbeiten. Natürlich ist das werdende Kind ein Geschenk Gottes, eine Erfahrung seiner Gnade, wie es der Engel Maria verheißt, aber es kann auch ängstlich, demütig und klein machen. Eine junge Mutter übernimmt nicht nur Verantwortung für das Kind bis es zur Welt kommt, sie wird immer Mutter sein.

 

Alles Gute kommt von Oben (Frau Pearson)

Auch der Engel Gabriel auf unserem neuen Bild kommt von oben. Von seinem ‚stairway to heaven’ /seiner ‚Himmelstreppe‘ auf Maria nieder.

Ganz anders als vor 100 Jahren nähert er sich vorsichtig und behutsam - er „geht“ auf Sie ein. Ihre Furcht, Bedenken, ihre sehr realen Ängste.

Wie dem Verlobten erklären, das man ein Kind erwartet, es austrägt für Gott und für die Rettung der ganzen Menschheit- ja wie eigentlich selbst daran glauben, gerade heutzutage? So hält Maria einen Schwangerschaftstest in Händen, als moderner Mensch stuetzt sie sich lieber auf Beweise. Ein Testergebnis ist etwas, das man geistlich umreißen kann, es gibt Sicherheit im oft schnell veränderlichen Leben, das wir führen.

Es ist schwer geworden „einfach“ zu glauben im Jahre 2021. Doch auch unsere Maria wird bald Veränderungen in Ihrem Glauben und Vertrauen auf Gott und in sich selbst erfahren- Schauen wir aufs nächste Bild.

 

2. Bild: DEN DU ZU ELISABETH GETRAGEN HAST

Wer kann helfen? Maria eilt zur älteren Cousine Elisabeth. In unserem Altar ist sie wirklich im fortgeschrittenen Alter dargestellt; sie könnte ihre Mutter oder sogar Großmutters sein. Zunächst macht sich Maria auf den Weg zu ihr. Woher weiß sie von der Schwangerschaft Elisabeths? WhatsApp, Telefon, Mail gab es nicht. Die Kommunikation über rund 150 km war angewiesen auf Reisende, die zufällig in den Nordenunterwegs waren. Vielleicht aber hat Maria aus den Worten des Engels „Auch Elisabeth hat in ihrem Alter noch einen Sohn empfangen“ herausgehört, dass ihre Verwandte sie braucht. Ich kann mir gut vorstellen, dass es zwischen zwei schwangeren Frauen ein Band der Verständigung gibt. Sie erleben ähnliche Freuden, Sorgen, Hoffnungen. Es fällt auf, dass in unserem Bild die Männer, Zacharias und Josef, als Beobachter anwesend sind, aber sie spielen eine untergeordnete Rolle, stehen im Hintergrund. Die Erfahrung der Frauen lassen sie einander näher und wichtiger sein als die Begleitung ihrer Männer. Sie teilen die Lebenserfahrung und den Glauben. Endlich habe ich jemand gefunden, der mich versteht, weil sie alles auch durchlebt.

 

Maria und Elisabeth - (Frauen Power)

Maria begibt sich auf die Reise, auch ihre geistige Haltung verändert sich. Gleich nachdem ihr der Engel die Botschaft bringt, macht sie sich auf den Weg zu Elisabeth.

Auf dem neuen Bild sehen wir die beiden Frauen OHNE ihre Männer im Hintergrund, Maria ist bei Elisabeth angelangt, sie deutet zum Himmel hinauf, erfüllt von Vertrauen auf Gott- sie hat ihr Schicksal in seine Hände gelegt. Ich denke jede Schwangere, ob gewollt oder unbeabsichtigt, ob zu jung oder zu alt - ob Risiko oder nicht- erfährt sehr bewusst einen Moment, in dem sie mit ihrem Schöpfer in Kontakt tritt, in dem sie ‚sich aufgibt‘.

Von diesem Augenblick an und für den Rest des Lebens tut man nichts mehr nur für sich allein. Man behält immer auch die Interessen seines Kindes im Hinterkopf. Im Idealfall wird dieses ‚sich schenken‘ zur Bereicherung des eigenen Lebens.

3. Bild: DEN DU IN BETHLEHEM GEBOREN HAST

Aus dem vertrauten Umfeld in Nazareth herausgerissen durch die Willkür eines Mächtigen. Hochschwanger unterwegs über Wege, die mitunter einen guten Bergwanderer zur Herausforderung werden - aber wer fragt schon nach der Frau eines Handwerkers in diesen Tagen? Ohne Mitleid abgewiesen an den Türen der Herbergen in Bethlehem und Unterschlupf gefunden in einem Stall. Kinder- und familienfreundlich waren die Zeiten bestimmt nicht. Was zählt ein Kind angesichts der Tatsache, dass es so viele gibt, die Kindersterblichkeit hoch ist und sie v.a. als künftige Versorger der alt werdenden Eltern gesehen werden. Kann man so ein Kind lieben, das schon bei seiner Geburt den Eltern so viele Schwierigkeiten bereitet? Ja, stolz zeigen Maria und Josef ihren Neugeborenen dem Betrachter. Er, das ohnmächtige Kind in der Krippe, wird der Erlöser der Welt sein. In einem beliebten Song hieß es „Kinder an die Macht“, hier tritt ein Kind die Herrschaft an, dessen Name eine Verheißung ist: Gott ist mit uns. Das ist die Botschaft jedes Kindes: Wem Gott ein so wertvolles Leben anvertraut, den wird er auch nicht im Regen stehen lassen.

 

Geburt im Transporter (Frau Pearson)

2021 kommt Jesus nicht im Stall, sondern im Auto, in einem Transporter, zur Welt. Kein Krankenhaus in der Nähe, immerhin noch zwei Sanitäter, die zwar auf dem Rückzug sind aber wohl bei der Geburt geholfen haben. Wahrscheinlich ist Gott auch heute nicht in ideale Verhältnisse geboren, aber seine Eltern und die Engel, die im Blaumann daherkommen, die Arbeiter des Herrn, scheint dies vollkommen unbeeindruckt zu lassen. Sie frohlocken und erfreuen sich an der Geburt des kleinen Kindes.

Der Moment der Geburt - in dem eine Frau und ein Mann zu Eltern werden, sie ein Geheimnis sehen, dass allen anderen verborgen bleibt. Der Moment, der sie (zum ersten Mal) die Unendlichkeit des Lebens erahnen lässt.

Wer es schafft sich ein wenig dieses Wunders im Herzen und der Seele zu bewahren, das Kind im Inneren leben zu lassen, vermag vielleicht ähnlicher Dinge, wie die zwei alten Menschen, denen wir auf dem nächsten Bild begegnen.

 

4. Bild: DEN DU IM TEMPEL AUFGEOPFERT HAST.

Kaum in der Welt, gehen die Verpflichtungen los. Am siebten Tag wird das Kind beschnitten, am 40. Tag im Tempel Gott geweiht. Nur eine religiöse Pflicht-erfüllung, die schon seit hunderten von Jahren zur guten Tradition im Volk Israel gehört? Zwei alte Menschen weiten den Horizont der Eltern. Sie reden aus einer Lebenserfahrung, die nicht irre gegangen ist an Gott. Sie hätten sich beide schwer von ihm enttäuscht fühlen können: Hanna verliert als junge Frau ihren Mann, den sie vielleicht sehr geliebt hat, Simeon muss bis in die letzten Lebenstage warten bis sich endlich erfüllt, was ihm schon so lange verheißen ist. Es ist die Erfahrung des Alters, dass Warten sich lohnt. Es ist ihr Erleben mit Gott, das vorschnellen Erwartungen Einhalt gebietet. Mit Gott muss man Geduld haben. Das werden Maria und Josef auch lernen müssen. Nichts geschieht plötzlich, alles reift im Stillen, auch die Größe und Bedeutung ihres Kindes.

 

Darstellung des Herrn (Frau Pearson)

Hanna und Simeon haben gewartet. Sie warten auch 2021 noch.

Sie vergeuden hierbei jedoch nicht den Rest ihres Lebens, wie vielleicht manch einer beim Anblick der zwei Alten sagen würde.. Sie er-warten das Ganze Leben. Die Erfüllung.

Ihre Wachheit, ihre Neugier hat sie befähigt , den Messias zu erkennen in diesem unscheinbaren Kind im Tempel.

 

5. Bild: DEN DU IM TEMPEL WIEDERGEFUNDEN HAST.

Das eigene Kind bewundern? Man kennt doch seine Fehler und Schwächen besser als jeder andere Mensch. Da sitzt er nun auf einem erhöhten Platz inmitten der Gelehrten und doziert. Kann Jesus als Kind auch „dummes Zeug“ geredet haben? Ist das vorstellbar, dass der, der hier dargestellt wird als der „Thron der Weisheit“, auch albern war? Maria und Josef sind entsetzt über sein eigenmächtiges Handeln, aber sie wissen ja schon, was einmal aus ihm werden soll. Noch aber stehen sie im Vordergrund und schützen den Jungen so vor Angriffen und stellen alle Irrwege zu.

 

12 -jähriger Jesus im Tempel (Frau Pearson)

2021 - Jesus räumt auf Im Haus seines Vaters. Das man einen Teenager überhaupt dazu bekommen kann aufzuräumen? Und dann auch noch den Dreck von anderen? Die Eltern sind in den Hintergrund gerückt. Sie müssen, Stück für Stück lernen loszulassen. Und dass, nachdem sie soviel aufgeopfert haben um das Kind gross zu kriegen. Kein einfacher Schritt, dem eigenen Kind seine Unabhängigkeit einzugestehen, die es eines Tages ganz aus dem Haus führen wird. Wenn man die Tür einen Spalt offen lässt, kommen Sie aber doch immer wieder zurück.

So wie das Christuskind an Weihnachten .

Es Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus,/ Geht auf allen Wegen mit uns ein und aus./ Steht auch mir zur Seite still und unerkannt,

 

Im Dialog mit dem Marienaltar“ kommen Ängste, Sorgen, Freuden und Hoffnungen von Eltern über 2000 Jahre ins Gespräch. Der Glaube ist kein Erziehungsberater, aber er reflektiert die Erfahrungen, in unserem Fall von Maria und Josef, mit Gott gemacht haben in Situationen, in denen sich ihr Leben verdichtete. Das Leben mit Kindern lädt uns, Gott in unser Leben zu lassen. Das Kunstprojekt von Nina Pearson ist weniger ein Auseinandersetzung, als vielmehr eine Übersetzung der Berichte des Lukas von der Heiligen Familie, die keineswegs eine heile Familie war, in unsere Zeit, in der Familie ihre Selbstverständlichkeit verloren hat, Schwangere sich oft auf sich allein gestellt fühlen, und die Frage nach der Zukunft mit Ängsten verbunden ist. Maria wird zum Modell der Eltern, die wahrnehmen, erwägen, in ihrem Herzen bewahren und vertrauen, dass Gott mit dem Leben ihres Kindes einen Plan hat. Amen.

 

Nina Pearson / Sven Johannsen

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