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 Predigt 1. Fastensonntag „Wie die Stadt auf dem Meer“

Liebe Schwestern und Brüder 

Venedig - für viele ist die Lagunenstadt Synonym für Romantik, Kunst, Musik und natürlich Karneval.

Der schönste Platz der Welt breitet sich wie ein Laufsteg auf vor dem Markusdom, der wohl außergewöhnlichsten Kirchen der westlichen Welt, und dem Dogenpalast, in Stein geschlagenes Aushängeschild von Reichtum und Macht, die die Besucher der Lagunenstadt empfangen. Aber Venedig ist nicht nur berühmt für das, was sichtbar ist, sondern noch mehr für das, was man nicht sehen kann: Der Untergrund. Die Stadt ist auf dem Wasser erbaut. Es hat einige Zeit und ein paar Germaneneinfälle gebraucht, bis die Menschen an der Adriaküste um 421 n. Chr. den großen Vorteil erkannt haben, den ihnen das schlammige Gelände der Lagune bot. Dann aber blühte die Stadt schnell. Man lernte das Meer zu beherrschen , klug Handel zu betreiben und alles zu klauen, was nicht niet- und nagelfest war. Als venezianische Kaufleute ohne Wissen der muslimischen Eigentümer in Akexandrien die Reliquien des Heiligen Evangelisten Markus "erwarben" und versteckt unter Schweinekoteletts in die Dogenstadt brachten, war das Glück perfekt und die Serenissima, die "Ehrwürdigste", stieg zu unglaublicher Größe auf, nicht zuletzt weil man wusste, dass immer nur der Vorteil Venedigs Bedeutung und man so skrupellos alle gegeneinander ausspielen konnte: Franzosen, Papst, Kaiser, Osmanen, selbst das fromme Byzanz blieb nicht verschont von den merkwürdigen "Shoppingtouren" staatlicher Seeräuber der Republik von San Marco.

Letztlich aber ruht alles auf dem Wasser. Venedig brauchte nie Mauern. Es hatte das Meer als Abwehrschild. Zu Land gab es kaum Einfallsmöglichkeiten. Alle Größe, Schönheit, Glanz und Ruhm fusste auf dem Wasser als Fundament. Nicht gerade der Grund, auf dem sich unserer Ansicht nach gut bauen lässt. Aber die Veneziani nutzten eine simple, logische Einsicht: Holzpfähle, die gänzlich vom Wasser überdeckt sind, faulen nicht. Zig Millionen Eichenstämme wurden in den Schlamm der Lagune getrieben und tragen bis heute die Palazzi, Kirchen, Brücken und das Gassengewirr der Stadt, die eigentlich unter dem Meeresspiegel liegt. Wir hören mitunter vom Aqua Alta, dem Hochwasser, das den Markusplatz in ein Schwimmbecken verwandelt. Aber trotz solcher natürlichen Bedrohung, steht die Stadt sicher auf ihren Stelzen im Meer.

Das nötigt mehr als nur Respekt vor menschlichem Können ab. Mir scheint, dass dieses Bild auch Brücken zu unserem Leben als Getaufte schlagen kann.

Worauf bauen wir denn unser Leben auf? In christlicher Sicht auf dem Wasser der Taufe.

Die menschliche Grunderfahrung, die sich im Ritus der Taufe erkennen lässt, ist beängstigend: Wir verlieren den Boden unter den Füßen. Unser verstümmeltes Ritual des Übergießen mit Wasser bei der Taufhandlung erinnert ja an eine viel sinnenfältigere Handlung,  dem Eintauchen bzw. Untertauchen. Der erwachsene Täufling stieg in ein Bassin, bis er schließlich ganz unter dem Wasser war, ähnlich dem Holzpfahl in Venedig. Schnell kommen dabei Assoziationen hoch aus dem eigenen Erleben. Wer im Schwimmbad ins Wasser springt, der stürzt ab  versinkt und verliert mitunter das Gefühl  wie weit oder nahe die rettende Oberfläche entfernt ist. Versinken und Eintauchen, diese beiden gegensätzlichen Erfahrungen spiegeln sich in der Bauweise der Stadt Venedig wieder. Die Angst vor dem Versinken in der Tiefe hängt wie ein Damoklesschwert über der Geschichte der Stadt. Eintauchen, in die Tiefe gehen, ist die rettende Antwort. Auch der Taufritus deutet das Wasser als Zeichen der Bedrohung. Bewusst erinnert das Segensgebet über das Wasser an die Sintflut und den Zug Israels durch das Rote Meer. Dem sündigen Leben brachte das Wasser den Untergang, dem neuen Leben mit Gott den Anfang, so wird es im Ritual erklärt. Im Wasser versinnbildlicht sich beides: Bedrohung und Rettung. Daran knüpft unser Taufverständnis an: Wie schnell können über unserem Leben die Wellen zusammenschlagen, wenn Probleme und Stress sich ballen und ich bald kein Land mehr sehe. Ich denke da auch an Menschen, die andere pflegen und dabei oft erst spät bemerken, dass sie an ihre Grenzen kommen. Aber auch das Gefühl vieler Menschen, den Überblick über ihr Leben zu verlieren und unterzugehen in den Erwartungen, die andere Menschen stellen, und dem Wunsch, das Beste aus dem Leben zu machen und keine Orientierung mehr zu haben in der Vielfalt der Angebote. Wasser ist auch Zeichen der Reinigung. Wir verstricken uns in Schuld, die einen herunterziehen kann wie ein Sog.

Tiefgang heißt dann, dem Wort der ersten Lesung sich öffnen, das uns sagt, dass Leben immer ein Wagnis und ein Aufbruch ist. Erinnere dich, so wird das Volk des wandernden  Nomaden Abraham ermahnt, wo du herkommst: nicht aus beständigen und sicheren Gefilden, sondern aus der Heimatlosigkeit, der Bodenlosigkeit. Wir kommen nicht aus sicheren Lebensumständen. So ist der Mensch nicht geschaffen. Die Großen der Bibel, Abraham, Mose, Jesus sind Menschen, die nicht in sicheren Festungen leben. Ebenso wenig können die, die ihnen nachfolgen, dort ihre Herkunft haben. Die Taufe im Wasser sagt uns auch, dass Leben immer ein Wagnis ist und es keinen Auftrag an uns gibt, das Beste zu erreichen bzw. völlig abgesicherte Lebensverhältnisse zu schaffen. Das sind wir niemandem schuldig, nicht uns und auch nicht Gott. Es darf Brüche und Stürme geben, ohne dass wir glauben müssten, dass wir versagt haben. Wer Tiefgang hat, hat auch keine Angst vor dem Dunkel.

Ein zweiter Brückenschlag ergibt sich für mich aus der scheinbaren Gegensätzlichkeit von festem Grund und Wasser.

Das Evangelium folgt einer spannungsvolle Auseinandersetzung des Evangelisten Lukas mit der Frage "Wer ist Jesus?" Direkt vor die Versuchung Jesu stellt Lukas den menschlichen Stammbaum Jesu, den er bis Adam zurückführt, und die Taufe im Jordan, während der ihn der Vater bestätigt als sein "geliebtes Kind". Er ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Er ist frei von Sünde, wird aber wie jeder Mensch in Versuchung geführt. Wir dürfen die Erzählung nicht deuten als eine Verdammung von Macht und Besitz, wohl aber als Verurteilung von Einstellungen und Selbstüberschätzung von Menschen, die aufgrund von Macht und Reichtum sich wie Gott fühlen und als Herren über Leben und Tod gebären. Dann gilt auch das Gebot der Feindesliebe nicht, wenn Menschen andere unmenschlich behandeln. Natürlich ist es wichtig für den Frieden in der Ukraine zu beten, aber noch wichtiger ist es jetzt alles zu tun, einen Menschen zu stoppen, der der teuflischen Versuchung erlegen ist, mit dem Leben von Menschen zu spielen. Die Taufe ist mehr als eine Deutung des Lebens. Sie will uns in Erinnerung rufen, dass der Glaube an den dreieinen Gott uns auch in unserer Schranken weist. Paulus fordert in der Lesung die Römer zu einem mutigen Glauben in der Öffentlichkeit auf: „denn wenn du mit deinem Mund bekennst: Herr ist Jesus“ – und in deinem Herzen glaubst: Gott hat ihn von den Toten auferweckt“, so wirst du gerettet werden.“ Es geht weder um ein reines Lippenbekenntnis, noch um ein reines Gefühl. Der Geist Gottes wird in uns eingeflößt. Dann aber ist das Bekenntnis, dass Christus der Herr ist, nicht eine auswendig gelernte Formel, sondern eine Lebenseinstellung, die uns zeigt, dass wir ihm in allem verantwortlich bleiben und er doch zugleich uns solidarisch ist in unserem Bemühen, dem Misslingen und dem Gelingen. Wir haben einen festen Grund im Wasser des Glaubens, in dem wir nicht ertrinken, sondern Halt finden in den Fragen des richtigen Lebens nach dem Willen Gottes.

In Venedig ist die Decke vieler Kirchen als ein umgekehrter  Schiffsrumpf gestaltet. Das soll natürlich daran erinnern, dass die Serenissima alles dem Meer verdankt. Aber vielleicht kann es uns auch sagen, dass unser Leben viel mehr einem Boot auf hoher See gleicht als einem Porsche auf der Überholspur. Es gilt auf diesem Lebensschiff die Segel zur rechten Zeit zu setzen, den Stürmen zu trotzen und keine Angst vor neuen Ufern zu haben.  Das Meer des Lebens ist kein Ungeheuer, das uns verschlingen will, sondern ein tragender Grund, der uns bestehen lässt, wenn wir nur auf Gott vertrauen und auf ihn unsere Hoffnung setzen. Amen

 2022_Venedig.pdf

Sven Johannsen, Pfarrer

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