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Predigt Erster Fastensonntag B 2021

„Noah und unsere Mittelmäßigkeit“

(Pfarrer Sven Johannsen, Lohr) 

2021_Noah_und_unsere_Mittelmäßigkeit.pdf

Liebe Schwestern und Brüder

Wieder hat Corona unseren Wortschatz bereichert. Seit Kurzem kennen wir die „Impfdrängler“, Menschen, die  in der Öffentlichkeit stehen und sich impfen lassen, obwohl sie nach der Impfverordnung der Bundesregierung nicht zu den vorrangigen Gruppen gehören. Die Liste ist lang: Politiker, Klinikmanager und sogar der Bischof von Augsburg mit seinem Generalvikar stehen am Pranger. Die Empörung ist groß über Menschen, die ihre Stellung ausnutzen und nicht warten, bis sie dran sind. Selbst die Spieler des FC Bayern müssen sich gedulden, obwohl Karl-Heinz Rummenigge uns erklärt hat, welche Vorbildfunktion es hätte, wenn Lewandowski, Müller, Sane und all die anderen großen moralischen Superstars hier vorangingen. Er blieb uns aber die Antwort schuldig, welche Vorbildfunktion sie haben sollen für Menschen, die sich eh impfen lassen wollen.

In den letzten Monaten konnten wir beobachten: Es braucht in regelmäßigen Abständen neue Gruppen, die man als Bösewichte brandmarken kann: Die Urlauber auf Mallorca, die feierwütigen Jugendlichen, die Brückenschoppen-Fanatiker in Würzburg, die gewissenlosen Pfarrer, die ihre Gemeinden an Weihnachten in die Kirchen treiben, die Winterurlauber auf der Bayerischen Schanz und jetzt eben die bösen Impfdrängler.

Vielleicht aber greift diese Schwarz-Weiß-Malerei in bestimmten Medien, die ja selbst vor Blut triefen, in der Wirklichkeit zu kurz. In der Regel waren diese Impfdrängler keine skrupellosen Egoisten, die sich auf Kosten von gefährdeten Menschen einen Vorteil erschleichen wollten. Ich glaube wirklich, dass in den meisten Fällen unbedachte Entscheidungen die Lawine ausgelöst haben. Nicht nur der Bischof von Augsburg hat in seiner Entschuldigung erklärt, dass in zwei Einrichtungen der Caritas Impfdosen übrig waren und man ihn angerufen hatte, damit diese nicht weggeworfen werden müssen. Ohne Zweifel war es nicht richtig, denn sicherlich hätten sich bei weiteren Anrufen noch medizinisches Personal oder Menschen in Risikogruppen finden lassen, für die es dringlicher wäre. Aber ein wenig Verständnis finde ich schon für das, was geschehen ist. Manchmal bietet sich uns eine Gelegenheit, die wir ganz unverfänglich als harmlos empfinden, aber doch weitreichende Konsequenzen hat. Vielleicht ist es auch Versuchung im Sinne des Evangeliums, wenn Menschen zu kurz denken und nicht die Folgen bedenken. Markus schildert uns heute im Evangelium nicht, mit welchen Versuchungen der Teufel sich an Jesus heranmacht. Lukas und Matthäus sind da auskunftsfreudiger. Sie erzählen un, wie Jesus der Verlockung widerstehen muss, sich zum politischen Herrn der Welt zu machen, reich zu werden oder sich sogar an Gottes Stelle zu setzen. Hinter all diesen Versuchungen könnte man ja auch eine Möglichkeit entdecken, etwas Gutes zu tun. Als reicher Mensch hätte Jesus den Armen wirksam helfen und ihnen nicht nur die frohe Botschaft verkünden können. Als Herr der Welt hätte er Freiheit all denen bringen können, die jetzt von den Mächtigen, zu seiner Zeit den Römern, unterdrückt werden. Als Gott hätte er das Leid, die Krankheit und den Tod aus der Welt schaffen können. Aber genau auf diese Versuchung lässt sich Jesus nicht ein, weil er weiß, dass er damit seinen Auftrag verrät und die Grenzen seiner Macht überschreitet. In der griechischen Bibel steht für das Wort „Versuchung“ in der Regel ein Begriff, den man auch mit „Erprobung“ übersetzen kann. Gott stellt den Menschen nicht auf die Probe, der Mensch steht selbst vor der Probe, ob er seine Grenzen einhalten und seinem Auftrag treu bleiben kann. Sicher hat Markus nicht an die „süßeste Versuchung“ der Welt gedacht oder an Ausreden, mit denen  ich heute mal den Bruch meines Fastenvorsatzes zu rechtfertigen suche. Das Evangelium legt sich auch nicht fest, dass es nur um die Versuchungen der Macht und des Reichtums geht. Es bleibt offen für den Mensch in allen Schattierungen seiner Herausforderungen im Leben.

Ein Prototyp eines „normalen“ Menschen, der der Versuchung zum Bösen widersteht, wird uns heute in der ersten Lesung vorgestellt: Noah. Die Geschichte ist uns bekannt: Wir erzählen sie als eine Art  „Märchen“ unseren Kindern, aber ernsthaft glauben die wenigsten Menschen, dass es so etwas wie die Sintflut oder die Arche gab. Nur nebenbei bemerkt: Da sich der Gedanke einer Sintflut in vielen verschiedenen Religionen findet, nehmen Archäologen an, dass eine Naturkatastrophe von sintflutartigem Ausmaß realistisch ist.
Aber das erste Buch der Bibel erzählt hier keine erbauliche Geschichte für Kinder. Die Erzählung von Noah hat eine hohe ethische Botschaft. Seit langer Zeit streiten sich jüdische Gelehrte und Rabbiner um die Person des Noah. Wir haben in der Regel keinen Zweifel daran, dass Noah ziemlich gut wegkommt in der Bibel. Über ihn heißt es am Beginn der Erzählung, dass er der einzige Gerechte in seiner Generation war. Aber genau in dieser Bemerkung liegt der Zündstoff verborgen für eine Diskussion um die Perfektion des Noah. Verkörpert er den schlechthin „gerechten Menschen“ zu allen Zeiten, ist also eine Art perfekter Held, oder ist er nur im Verhältnis zu den Menschen seiner Zeit gerecht? Rashi, einer der gelehrtesten Bibelausleger der jüdischen Religion, hat schon vor 1000 Jahren gefolgert, dass Noah in einer verdorbenen und schlechten Menschheit lebte, zu der er im Vergleich „gerecht“ war, aber in anderen Zeiten wäre er höchstens durchschnittlich gewesen.

Ein Beleg dafür finden die Gelehrten in der Gegenüberstellung mit Abraham, von dem wir nächste Woche hören. Er ist ja der Superstar des Glaubens, das unangefochtene Vorbild für alle Menschen, die sich als Gläubigen des einen Gottes verstehen, Juden, Christen und Muslime. Von Abraham wird die Bibel sagen, dass er vor Gott gewandelt sei. Von Noah sagt die Bibel, dass er mit Gott gewandelt sei. Abraham erscheint wie ein Anführer im Glauben, der entschieden tut, was er als richtig erkannt hat und es nicht nur vorgesagt bekommen hat. Noah dagegen bleibt ohne Initiative. Er baut eine Arche, weil Gott es ihm aufträgt. Er macht nichts aus eigenem Antrieb oder Glauben. Er handelt richtig, weil er den Befehlen Gottes gehorcht.

Abraham entscheidet, er streitet mit Gott um das Schicksal von Sodom und gehorcht doch auch ohne Widerspruch, wenn Gott ihn auffordert, seinen Sohn zu opfern. Abraham ist der Mensch, der aus einem freien Glauben heraus handelt. Noah dagegen ist nur Ausführender. Gott wird hinter ihm sogar die Arche zusperren wie ein Wärter die Gefängnistür. Für viele Bibelausleger im Judentum ist Noah ein „Gerechter im Pelz“, also ein Mensch, der Gottes Willen vollzieht, weil es ihm und seiner Familie hilft. Ein Pelz ist bei Kälte angenehm, genauso wie die Gerechtigkeit im Angesicht des Gerichts Gottes.

Aber genau in diesem „mittelmäßigen“ Gläubigen schließt Gott seinen Bund mit der Menschheit und das Zeichen dafür ist farbenfroh: Ein Regenbogen, genau das Gegenteil zu jedem Schwarz-Weiß-Denken. Es gibt nicht nur die perfekten Guten und die bösen Schlechten. Da würden wir uns selbst wohl kaum wiederfinden. Der Regenbogen steht für eine neue, farbige Welt , in der die wenigsten Menschen völlig gut oder schlecht sind, sondern irgendwo dazwischen. In dieser Menschheit, zu der wir nun gehören, gibt es nicht mehr nur Paradies oder Vernichtung, es gibt Heilung, Umkehr, Reue, Vergebung, Erbarmen, Güte, Verzeihen, Verstehen und die Möglichkeit, besser zu werden. Das Böse ist jetzt nicht mehr das Gegenteil des Guten, sondern dessen Anfang, wie es der Baal Schem Tov, ein jüdischer Weisheitslehrer, sagt. Wir haben noch eine Chance, so die Botschaft des Bundes Gottes, den er mit Noah und der Menschheit schließt, trotz unserer Schwäche und Begrenztheit.

Noah wird mit einer Arche gerettet, einem ziemlich wackligen Rettungsboot. Sie widerspricht von sich auch schon der Versuchung zu glauben, wir könnten eine kleine sichere Welt gründen, die abgeschirmt ist vor allen Gefahren, allen Bösen oder Leid. Das haben wir in den letzten Wochen erfahren: Unsere Welt ist vernetzt, nicht nur in wirtschaftlichen Bereich, sondern auch in der Gefährdung von Leib und Leben. An einem Sabbatabend beten Juden darum, dass Gott eine „Sukkot Shalom“, eine „Hütte des Friedens“ über die Gläubigen baut. Gottes Schutz ist kein Bunker, der uns vor allem Bösen abschirmt, sondern eine zugige und instabile Hütte, in der ich verletzlich und angreifbar bleibe, aber nicht der Versuchung erliege, zu glauben, dass ich mich allein retten könnte und die anderen mich nichts angehen. Abschottung ist keine Lebensrettung, sondern nur das vertrauensvolle Wagnis im Glauben, dass Gott seine Hütte über mich und alle Menschen baut, die ihm vertrauen. Amen.

(Zu den Gedanken über Noah vgl aicj: Michael Goldberger; Schwarzes Feuer auf weissem Feuer. Ein Blick zwischen die Zeilen der biblischen Wochenabschnitte: Verlag Tachles;  Basel 2012)

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